“Vertigo Days” – das aktuelle Album von The Notwist

Sie sind wohl irgendwie Lieblinge des Feuilletons, ihre Musik ist einprägsam aber auch etwas ungreifbar. Die Texte ecken nirgends an, wollen beim ersten oberflächlichen Hören einfach gefallen. Doch es gibt wenige Bands die ihrer Musik jene Kraft verleiht, dass man sich sehr eindringlich z.B. musikwissenschaftlich mit dem Gehörten beschäftigen kann, andererseits den Sound von “The Notwist” auch irgendwie nebenher genießen kann. Beim Home Office, während man im Internet surft oder während man zum Beispiel am Sofa ein Buch liest. Die Musik von The Notwist, einer Band gegründet im oberbayrischen Weilheim kann auf mehreren Ebenen überzeugen, hat wie auf dem neuen, im Jänner veröffentlichten Album “Vertigo Days” magische Momente und eine einprägende Musikmelodie, nicht nur deshalb weil die Tracks einem Mixtape gleich nahtlos ineinander übergehen. Unter COVID-19-Bedingungen weitgehend über Internet produziert, wirkten dennoch zahlreiche Gastmusiker mit. Darunter befinden sich Kooperationen mit Saya Ueno von der japanischen Band Tenniscoats oder mit der Argentinierin Juana Molina bei der Nummer “Al Sur” im letzten Drittel des Albums.


Das 14 Nummern umfassende Album ist das erste nach 6 Jahren Pause der Band, deren Mitglieder jene Zeit nicht nutzlos an sich vorüberschreiten ließen sondern in anderen Musikprojekten ihrer Kreativität freien Lauf ließen. Es ist also nicht verwunderlich, dass “Vertigo Days” auf einem breiten, vielseitigen musikalischen & humanistischen Fundament steht. Weilheim als Ort, war der musikalische Schmelztiegel dieses an Krautrock und Off-Rock reichen Soundkosmos welches mit Elektronik und Jazzelementen verfeinert wurde. In diesem Fahrwasser konnten sich Bands wie Console, Tied and Tickled Trio, Lali Puna etc… heraus entwicklen. Viele dieser Bands waren auf dem inzwischen eingestellten Musiklabel Hausmusik vertreten, das oft im Zusammenhang mit der Band erwähnt wird, auch wenn sie nur einzelne Samplerbeiträge (darunter eine Koproduktion mit Calexico) auf diesem Label veröffentlicht hatte. Nach dem Ausstieg von Martin Gretschmann im Jahr 2014, der maßgeblich für die elektronische Ausrichtung der Band bei den davor entstandenen Alben verantwortlich war erschien noch unter seinem Einfluß das achte Studio Album der Band “Close to the Glass” beim Label City Slang. Das am 29. Jänner 2021 erschienene “Vertigo Days” überzeugt mit einer Vielschichtigkeit die in der DNA der Band irgendwie eingeschrieben scheint, und Nummern wie “Ship”, das melancholische “Sans Soleil” oder “Night’s too dark” erheben sich in jene Sphären des Musikgenußes wo die Musik bei weitem mehr ist als die Summe ihrer einzelnen Teile. “Vertigo Days”, auf deutsch am besten mit “schwindelige Tage/ schwindelige Zeiten” übersetzt, ist auf Morr Music, afterhours JP & dem neuen Label der Band “Alien Transistor !” erschienen.