Kruder & Dorfmeister – 1995 | Ein Album kommt 25 Jahre zu spät.

Als das Abhängen auf dem eigenen Sofa einem politischen Statement gleichkam, als das Nichts-Tun und Nichts Wollen, das Gehen lassen von jugendlichem Charme umgeben war und quasi eine Gegenströmung zum immer Können immer Wollen Techno-Jahrzehnt darstellte, dann war der Sound von Kruder & Dorfmeister in den 90ern zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Man befand sich quasi in lethargischem Geisteszustand immer um 5 Uhr früh am Wiener Donaukanal, auf einer Chillout-Wiese oder im eigenen Zuhause. Downtempo, die Entschleunigung des Musikbusiness, der Soundtrack der unzähligen Afterhourstunden begleitete einen damals, die Brutstätte des Sounds, die Musikweltstadt Wien lag zwar nicht danieder und war in den 90ern auch nicht so “herrlich hin-hin-hin” wie es Falco schon besungen hatte.

Das “gemütliche Dahinwurschteln” war aber unweigerlich zum neuen Lifestyle erkoren worden und infizierte von Wien aus die gesamte globale Musikwelt. Die Herren Kruder und Dorfmeister waren mittendrin. Nach dem 1998 veröffentlichten K&D Sessions DJ Mix Album, waren es Remix-Arbeiten für Popstars vom Format Madonna’s oder Depeche Mode’s (ein Remix für David Bowie wurde nicht realisiert) Der/die DJ und RemixerIn avancierte zum Star hinter den Turntables, auch wenn er nur ca. 12% der lukrierten Einnahmen eines Tracks von Plattenlabel und Vertrieb zugesichert bekam, war die Kunstform des Remix in den 90ern zum popkulturellen Aushängeschild einer -die Nacht zum Tag- machenden Jugend geworden. Raven war gestern, gemütliches Schunkeln wurde en vogue deren Protagonisten hinter den Turntables hießen damals eben auch Peter Kruder und Richard Dorfmeister, ein Frisör und ein Musikstudent wurden zum musikalischen Gegengewicht von Techno und dessen Motto Immer weiter, immer schneller.

1995 – 14 Nummern die wirken wie aus der Zeit gefallen

Dem aktuellen Album ‘1995’ fehlt aber vor allem dieser zeitgeschichtliche Kontext, da es zu einer Zeit entstanden ist, als man noch einen Bezug zu damaligen musikalischen Strömungen hatte herstellen können. Bands wie Massive Attack, Portishead oder Tricky, die Stadt Bristol im Gesamten gaben zeitgleich ihr musikalisches Statement ab. Aber im Gegensatz zu Künstlern wie Tricky, dessen aktuelle Veröffentlichungen noch immer frisch und einfühlsam klingen, so rauscht bei ‘1995’ der Kontext-Zug gänzlich an einem vorbei da die 14 Nummern zu sehr aus der Zeit gefallen wirken. Auch wenn die beiden Wiener in Interviews betonen, hier lediglich eine Veröffentlichung aus dem Jahr 1995, ihr erstes wirkliches Studioalbum veröffentlicht zu haben scheint den Tracks die wurschtelnde Seele abhanden gekommen zu sein. Falls man aber schon damals K&D Fan war, sich deshalb vielleicht auch beim Mobilfunkanbieter ‘One’ einen Handyvertrag holte, da man ihren Werbe-Jingle mit K&D in Verbindung brachte, dann ist man vielleicht auch heute noch vom Sound des Albums angetan und schwelgt in eigenen Erinnerungen an jene Zeit. Für alle anderen und der jüngeren Generation wirkt das Album wahrscheinlich eher wie eine Anordnung verschiedener mitgeschnittener Studio-Jam-Sessions, deren Grundgerüst meist auf einem einfach gehaltenen durchgängigen Beat aufbauen. Zu lasch ist der Sound, zuwenig oft die Energie vorhanden bei jedem Soundschnipsel an die Verzahnung mit den 90er Jahren und dessen Lebensgefühl vieler junger Leute zu denken. Auch fehlt heutzutage, im Jahr 2020, die dazugehörige Szene die den kometenhaften Aufstieg von K&D erst möglich machte.

1995 – Album Cover

Denkt man an die Wiener Clique und dem gemütlichen dahinwurschteln, der Verzahnung von dem jungen Alternative-Radiosender FM4 (für dessen Bestehen wir von deutschsprachigen Nachbarländern beneidet wurden) mit der Clubszene von damals, dann fallen Namen wie Sugar Bee, Gümix, Makossa oder der viel zu früh verstorbene FM4 Moderator und DJ Werner Geier aka ‘Demon Flowers’, dessen Label Uptight Records für die Wiener Hiphop & Triphop-Szene vielleicht genauso wichtig war wie das G-Stone Label. Kruder und Dorfmeister wollen einem ein Album, welches 25 Jahre nach seiner Entstehung veröffentlicht wird nicht als den Neuen-heißen-Scheiß verkaufen, dennoch hätte etwas musikalisches Bemühen und der eine oder andere neue Track dem Album eine erfrischende Note verliehen und gut getan. So ist das Album ein Stück Zeitgeschichte aus einem Jahrzehnt, welches der Schreiber dieser Zeilen auch erlebt hat und mitunter entstehen im Gehirn synaptische Verbindungen mit dem Lebensgefühl von damals, viele neue enthusiastische Fans werden K&D mit ‘1995’ nicht gewinnen können, zu formal wirkt der Akt dieser Veröffentlichung nach 25 Jahren von Tracks die auf einem DAT-Tape verborgen im Schrank ihr dasein fristen mußten und so läßt einen das Soundgewand der 14 Tracks leider eher unberührt zurück. ‘1995’ ist am 13.11. 2020 auf dem hauseigenen Label G-Stone veröffentlicht worden.