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Attwenger – Drum

Attwenger- Drum

Sprachkunst á la H.C. Artmann und Ernst Jandl, mehr elektronische Beats und verzerrte Ziehharmonika von der einen Hälfte von Attwenger, Hans-Peter Falkner, das macht das neue Album „Drum“ der österreichischen Band aus. Attwenger geben mit ihrem „Stanzl-Punk“ aktuellen (auch politischen) Themen eine Bühne, umschreiben gesellschaftliche Zustände aber lieber als sie direkt zu bennen. Damit ist das Duo in ihrer Anti-haltung auch auf ihrem 10. Studioalbum kratzig und thematisch aktuell wie eh und je. Sie arbeiten sich erfrischend an der Realität der anderen ab und geben ihrer Musik jene Schärfe, da sie die Banalität des Alltags wie durchs Brennglas betrachtet in ihrer in Mundart gehaltenen Texten verdichten. Identität, Normalität – Was ist das? Sind das in Stein gemeißelte Wahrheiten oder sind sie genauso konstruiert wie vieles andere?

Mit gutem negativem Gefühl gegen den missliebigen Status quo: Attwenger sind zurück und packen das Kind bei den Hörnern.

der Standard.at

„i mog diese leid ned | diese leid meng ned mi.“ in der Nummer „leider“ bringt Markus Binder das Credo der Band auf den Punkt. Eingerahmt in die Schublade der „Neuen Volksmusik“ versteht es Attwenger wie keine andere österreichische Band, ähnlich wie Karikaturen von Deix, zu polarisieren. Intensive Seelenschau ist Programm. Das Gemüt der Leute, die sich gerne über ihre scheinbare „Normalität“ identifizieren stehen bei den Texten von Markus Binder gerne im Zentrum und bietet jene Projektionsfläche an der sich Attwenger musikalisch wie textlich gerne abarbeitet. Obwohl sie auf jedem Volksfest auftreten könnten sind Attwenger doch eher auf den alternativen Bühnen inkl. dazugehörigem (linkem) Publikum zuhause.

Manchmal kann man sich fragen wie sich M. Binder die immense Menge an Text merken kann. Seit 30 Jahren gehören Attwenger zur Musiklandschaft des kleinen Landes, welches oft als „Insel der Seeligen“ beschrieben wird. Das „seelige Gemüt“ wird von Attwenger aber gerne auseindergepflückt, die Mainstreamgesellschaft kritisch hinterfragt. Lieder wie „a wenig weniger“ in dem es um das sich immer schnellere drehende Rad der Gesellschaft geht, wo man unweigerlich mit muß, wenn man „es schaffen“ will, zeugen davon, denn für Attwenger gibt es die Wahl. Macht man mit oder nicht. Man hat natürlich auch die Möglichkeit die Musik von Attwenger zu mögen oder nicht, wer sich aber auf Sound & Texte der Band einläßt wird sich dabei immer wieder ertappen mit dem Kopf oder den Füßen mitzuwippen.

„drum kann ein trumm, d.h. eines dieser trümmer sein, die plötzlich im weg stehen, womöglich in form einer überdimensionalen rübe, und sei es nur eine virtuelle, aber sei‘s drum. hier ist sowieso alles konstruiert.“

Markus Binder

Soundtechnisch bleiben sich Attwenger treu, schnelles Schlagwerk, verzerrte Zieharmonika – durch Verstärker gejagt sind Erkennungszeichen der wohl progressivsten österreichischen Vertreter der neuen Volksmusik. Live sind sie sowieso ein Erlebnis. Das Album „Drum“ ist am 14. Mai 2021 bei Trikont erschienen, kann aber auch via Homepage der Band bezogen werden.

Bygone Dreams – The Fade Beta

The Fade Beta – Bygone Dreams

Atmosphärische Intro’s und Outro’s, schleppende Beats im „BoC“-Gewand, das ist der Klangkosmos von ‚The Fade Beta‘. Ein Klangteppich, der mich immer wieder emotional bewegt, da unweigerlich eigene Kindheitserinnerungen damit verknüpft sind. ‚Bygone Dreams‚ erfüllt diese Konnektivität wie das Vorgängeralbum ‚Yesterday’s Eden‘ auf einprägsame Art und Weise. Nummern wie ‚The Chemicals‘ mit ihren eingefadeten Voice-Samples die scheinbar aus dem Meta-Off des Songs wellenförmig durch den Track hindurch ab- und auftauchen lassen eine Handschrift erkennen, die sich nahe am Soundkosmos des Warp-Label Acts ‚Boards of Canada‘ orientieren und dennoch kann man als eingeschworener Fan dieses Stils mit Wiedererkennungswert davon nicht genug bekommen. Die eingeschriebene Klang-DNA schlägt auch beim Track ‚Diving Accident‘ vollends durch. Düstere Synthflächen, Snare Drumsounds die wie unter Wasser aufgenommen scheinen sind die markanten Stilelemente des Songs. Der/die KünstlerIn, von der wenig bekannt ist außer dass er/sie aus Amerika stammt, schafft eine Art der musikalischen Ästhetik die in Form und Funktion besteht, starke Anleihen am Soundkosmos des bekannten großen Bruders BoC nimmt und trotzdem für sich selbst und aus sich heraus zum Hörer/der Hörerin spricht.

The Fade Beta – The Great Divide

Auch die Ästhetik des Videos zum Song ‚The Great Divide‘ schlägt in dieselbe Kerbe. Eine aufgehende Sonne im Lo-Fi Filter, dann Aufnahmen, die mit einer Super-8 Kamera aufgenommen scheinen, ein Junge der durch die Gegend streift, Nahaufnahme einer Blume mit Schmetterling. Die Leichtigkeit der Jugend wird hier auf spezielle Weise dargestellt und erinnert einen an die eigenen unbeschwerten Zeiten, in denen vieles von einem Gefühl der Magie und des Zaubers umgeben war. Das 17 Tracks umfassende Album ‚Bygone Dreams‚ wurde am 3. Mai 2021 veröffentlicht und kann bei Bandcamp in digitaler Form erworben werden. Für Fans des Sounds von ‚Boards of Canada‘ eine uneingeschränkte Empfehlung auch wenn das Album mit seiner Trackfülle manchmal zu oft die immergleiche Ästhetik beschwört und sich Songstrukturen oft ähneln. Eine Reduktion des Releases auf 9-10 Nummern hätte dem Album gut getan.

„Vertigo Days“ – das aktuelle Album von The Notwist

Sie sind wohl irgendwie Lieblinge des Feuilletons, ihre Musik ist einprägsam aber auch etwas ungreifbar. Die Texte ecken nirgends an, wollen beim ersten oberflächlichen Hören einfach gefallen. Doch es gibt wenige Bands die ihrer Musik jene Kraft verleiht, dass man sich sehr eindringlich z.B. musikwissenschaftlich mit dem Gehörten beschäftigen kann, andererseits den Sound von „The Notwist“ auch irgendwie nebenher genießen kann. Beim Home Office, während man im Internet surft oder während man zum Beispiel am Sofa ein Buch liest. Die Musik von The Notwist, einer Band gegründet im oberbayrischen Weilheim kann auf mehreren Ebenen überzeugen, hat wie auf dem neuen, im Jänner veröffentlichten Album „Vertigo Days“ magische Momente und eine einprägende Musikmelodie, nicht nur deshalb weil die Tracks einem Mixtape gleich nahtlos ineinander übergehen. Unter COVID-19-Bedingungen weitgehend über Internet produziert, wirkten dennoch zahlreiche Gastmusiker mit. Darunter befinden sich Kooperationen mit Saya Ueno von der japanischen Band Tenniscoats oder mit der Argentinierin Juana Molina bei der Nummer „Al Sur“ im letzten Drittel des Albums.


Das 14 Nummern umfassende Album ist das erste nach 6 Jahren Pause der Band, deren Mitglieder jene Zeit nicht nutzlos an sich vorüberschreiten ließen sondern in anderen Musikprojekten ihrer Kreativität freien Lauf ließen. Es ist also nicht verwunderlich, dass „Vertigo Days“ auf einem breiten, vielseitigen musikalischen & humanistischen Fundament steht. Weilheim als Ort, war der musikalische Schmelztiegel dieses an Krautrock und Off-Rock reichen Soundkosmos welches mit Elektronik und Jazzelementen verfeinert wurde. In diesem Fahrwasser konnten sich Bands wie Console, Tied and Tickled Trio, Lali Puna etc… heraus entwicklen. Viele dieser Bands waren auf dem inzwischen eingestellten Musiklabel Hausmusik vertreten, das oft im Zusammenhang mit der Band erwähnt wird, auch wenn sie nur einzelne Samplerbeiträge (darunter eine Koproduktion mit Calexico) auf diesem Label veröffentlicht hatte. Nach dem Ausstieg von Martin Gretschmann im Jahr 2014, der maßgeblich für die elektronische Ausrichtung der Band bei den davor entstandenen Alben verantwortlich war erschien noch unter seinem Einfluß das achte Studio Album der Band „Close to the Glass“ beim Label City Slang. Das am 29. Jänner 2021 erschienene „Vertigo Days“ überzeugt mit einer Vielschichtigkeit die in der DNA der Band irgendwie eingeschrieben scheint, und Nummern wie „Ship“, das melancholische „Sans Soleil“ oder „Night’s too dark“ erheben sich in jene Sphären des Musikgenußes wo die Musik bei weitem mehr ist als die Summe ihrer einzelnen Teile. „Vertigo Days“, auf deutsch am besten mit „schwindelige Tage/ schwindelige Zeiten“ übersetzt, ist auf Morr Music, afterhours JP & dem neuen Label der Band „Alien Transistor !“ erschienen.

Melt Downer III – Album Review

Der Sound von Melt Downer kommt so brachial daher, dass das dritte Album der Österreicher sich nicht gerade für den Genuß während des Morgenkaffees eignet, denn Melt Downer’s Klangversum besteht aus einem verdichteten Amalgam von Gitarre, Bass und Schlagzeug und geht dabei keine musikalischen Kompromisse ein. Das Songwriting der Band ist stets nahe am Noise- und Postrock-Krach-Plafond angesiedelt. Mehr Fuzz-Verzerrung geht eigentlich nicht. So sollte das Album „III“ doch eher bewußt im Alleingang komsumiert werden, wenn man sich voll und ganz der Musik des Trios widmen kann. Dann erfährt man eine Melt-Show der besonderen Güteklasse. Kaum eine österreichische Band ist dermaßen kompakt und geradlinig im Erstellen ihrer Arrangements und der Output der Band (3 Alben innerhalb von 3 Jahren) spricht für die Effizienz ihrer Arbeitsweise. Aufgenommen wurde das Album in den S.T.R.E.S.S. Studio’s verantwortlich für die Produktion zeigt sich Daniel Husayn.

„Melt Downers allumfassende Noise-Rock-Hyperbel ist angemessen, wenn man bedenkt, wie man mit den unzähligen Ungerechtigkeiten des heutigen Lebens umzugehen hat. […] Melt Downer rippen sich durch 8 Songs, klingen dabei kompromisslos wild und drängen ihre 3 Instrumente weit hinaus, auf einen herzergreifenden Trip zurück zum 80er-Punk, aber mit einem konstanten, wenn auch abrupten Schlag gegen den Hinterkopf, der Vergangenes loszulassen vermag.“

Rock is Hell

Schon der Opener des Albums, ‚Piece‘ setzt sich als Ohrwurmkracher fest und steht für den Sound von Wolfgang Möstl, Mario Zangl (Mile Me Deaf, Killed by 9V Batteries) and Florian Giessauf. Die Single ‚Gross White‘ räumt mit patriarchalen Denkweisen auf, auch wenn Melt Downer ebenfalls nur aus krachmachenden männlichen Bandmitgliedern besteht, ist ihnen eine kritische Denkweise gegenüber dem Patriarchat nicht fremd, eine Tendenz die sich schon durch ihre ersten beiden Alben zieht.

So gesehen arbeiten sich Melt Downer eigentlich an allen großen weltpolitischen Themen ab. „Earth 2“, ‚Minimal‘ und „Gothic Fiction“ stehen dem in nichts nach. Systemkritik mit Augenzwinkern. Die letzte Nummer des Albums, „Kind“ – in 45er-Geschwindkeit auf der B Seite der LP verewigt – schmiegt sich handzahm an einen an, die Gitarren sind großflächig eingesetzt, noisig kratzt sich das Trio durch die 11 Minuten lange Nummer und diese steht im Kontrast zu den anderen schnelleren Nummern des Albums, welches am 22. Jänner 2021 veröffentlicht wurde.

Wertung: 4/5 Sternen ★★★★☆

Links: Numavi Records | Rock is Hell

shame – ‚drunk tank pink‘ Album Review

Shame – eine sehr britische Band

Das zweite Studioalbum der britischen Band ‚shame‚ erweitert das Angebot wütender englischer Punk- und Postpunk Stimmen um die Songtexte von Frontman Charlie Steen. Die Stärken des ersten Albums ‚Songs of Praise‘, welches von der Kritik hochgelobt wurde, werden bei ‚drunk tank pink‚ in ein erwachseneres, musikalisches Korsett geschnürt. Nach zwei Jahren des exzessiven Tourens und einer danach einhergehenden kollektiven Erschöpfung der Band inklusiver harter Landung in der Realität auch zu Corona Zeiten liefern shame ihren Beitrag zu Post-Brexit Zeiten, zählen Bands wie Talking Heads und die 80er Jahre Female-Funk-Rock Band ESG zu ihren Vorbildern.

Jeder Song des neuen Albums fühlt sich schlüssig und in sich ruhend an, man befindet sich mit Interpreten wie den Sleaford Mods, den Idles oder Fontaines D.C. die ihre Wut ebenfalls gekonnt in musikalische Stücke gießen im selben Boot. Highlights des Albums wie „Snow Day“ und „Human, for a minute“ wechseln sich mit Power-UP Punk Juwelen wie „Great Dog“ ab. Referenzen an die große britische Punk Zeit sind den Bandmitgliedern von ’shame‘ nicht fremd und doch schreiben sie ihre eigene Geschichte in ‚drunk tank pink‘ gekonnt weiter. drunk tank pink ist übrigens die Farbe, jener ganz bestimmte Pinkton, der ab den 60er Jahren in den USA in Strafanstalten und Einrichtungen wegen seiner beruhigenden, gewaltreduzierenden Wirkung eingesetzt wurde. Gewaltig kommen auch die elf Nummern des Albums daher, sind sie doch wahre Rohdiamanten, einzig und allein in ihrer brachialen Zerbrechlichkeit von der Gitarre Sean Coyle Smith’s und Charlie Steens Stimme geschliffen, ohne je das feste Fundament des Post-Punk zu verlassen. Das Album, welches von James Ford (Depeche Mode, Florence and the Machine) produziert wurde, ist am 15. 01. 2021 auf dem Label deadoceans veröffentlicht worden. https://deadoceans.com/

Hachiku – I’ll probably be asleep

Dreampop, das Musikgenre wird oft mit oberflächlichem Songwriting in Verbindung gebracht. Dass Dreampop aber mehr ist als ein Genre, dessen scheinbare Oberflächlichkeit oft Programm ist, beweißt Hichaku aka Anika Ostendorf mit ihrem 2020er Debutalbum „I’ll probably be asleep“ auf Milk! Records.

Das acht Nummern umfassende Album ergründet eine musikalische Suche nach Verbundenheit mit Menschen und Dingen während eine materielle Welt auf den Wunsch trifft, sich dieser durch einer fiktiven Suche nach Zugehörigkeit und Selbstbestimmung Stück für Stück zu entziehen. Davon erzählen Titel wie „You probably think this song is about you“ oder „A portrait of the artist as a young woman“. Das Debütalbum erzählt eine Coming of Age Geschichte einer jungen KünstlerInnen dessen Leben irgendwo zwischen den Stühlen stattfand, war Ostendorf mit ihren jungen 25 Jahren schon überall und nirgendwo.

Die vielgereiste Protagonistin Ostendorf spannt dabei den verträumten Bogen ihrer Musik mithilfe von Gitarre und Drumcomputer und schmückt ihre Songs mit vielschichtigen Arrangements Marke Indiependent aus. Die Verbundenheit zur Musik begann für Ostendorf aber schon im zarten Alter von 7 Jahren. Gründete sie doch ihre erste Band „Tutti Frutti“ und schrieb eigene Songtexte. Die Nummer „Shark Attack“ auf dem aktuellen Album erzählt über die Lücke die der Tod ihres Hundes „Lexus“ hinterließ als Anika Ostendorf 14 Jahre alt war.

As a 14-year-old teenager, Lexus was a placeholder for other personal relationships I was probably missing in my life – a best friend that provided me with companionship, unconditional love, comfort and an ally when you think the rest of the world is ganging up on you.

Anika Ostendorf ist in Michigan zur Welt gekommen, hat große Teile ihre Kindheit in der Nähe von Köln verbracht, pendelte zwischendurch zwischen Deutschland, England und Amerika und lebt nun in Australien wo sie durch ein Praktikum bei dem Label Milk! Records mit der dortigen Indiependent Musikszene in Berührung kam. Das Album „I’ll probably be asleep“ wurde am 13. November 2020 veröffentlicht.

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