Archiv der Kategorie: Musik

The Comet is coming – Trust in the Lifeforce of the Deep Mystery

The Comet is coming spielen in einer heruntergekommen Bar einer postapokalyptischen Gesellschaft, deren glorreichen Tage vorbei zu sein scheinen ein Konzert. Oder ist die Musik von Saxophonist Shabaka Hutchings, Keyboarder Dan Leavers, und Schlagzeuger Max Hallett gar der Soundtrack einer dystopischen Cyberpunkwelt, man weiß es nicht. Eindeutig klar ist nur, dass die drei Protagonisten seit ihrem Debutalbum “Channel the Spirits”, aus dem Jahr 2016, soundtechnisch gereift sind und das Songwriting auf ihrem aktuellen Album “Trust in the Lifeforce of the deep Mistery” klarer ausformuliert ist als auf dem Vorgängeralbum.

“The Comet is Coming to destroy illusions. It will manifest new realities, perceptions, levels of awareness and abilities to coexist. It is a musical expression forged in the deep mystery. It is the overcoming of fear, the embracing of chaos, the peripheral sight that we might summon the fire. Through the transcendent experience of music we reconnect with the energy of the Lifeforce in hope of manifesting higher realities in new constructs. Because the end is only really the beginning.”

The Comet is Coming – Teasertext auf der Homepage

Das Trio, welches der jungen Londoner Jazz Szene angehört und ihr aktuelles Album in Dalston, in Ostlondon, aufgenommen hat wird auch von dem BBC Radio DJ Gilles Peterson gerne mal angespielt. Das wohnzimmertaugliche Songwriting des neuen Albums kann der Tatsache geschult sein, dass sie das Label gewechselt haben und nun bei Universal (Impulse Records!) unter Vertrag stehen oder ihnen einfach der Sinn danach stand, nach dem brachial angehauchten “Channel the Spirits” eine versöhnlichere Version ihrer Neo-Funk Tüfteleien zu veröffentlichen. Entstanden sind tanzbeinanregende Elektrogrooves, gespickt mit Jazz, Funk und Rock Einflüssen.

Die Songs wirken ausgewogener arrangiert und erstrecken sich wie die Nummer “Blood from the past” mit den Gastvocals der englischen Poetry Slammerin Kate Tempest auch schon mal über 8 Minuten. Erhalten geblieben ist ihre Herangehensweise einen Song zu schreiben. Zuerst wird im Proberaum improvisert und dann mittels Cut-and-Paste Looping das Ausgangsmaterial neu zusammengesetzt. Eine Herangehensweise, wie es einst Miles-Davis-Produzent Teo Macero praktiziert hat.

Das Album “Trust in the Lifeforce of the deep Mistery” ist bei Impulse! Records erschienen und wurde am 15.03. 2019 veröffentlicht.

The Chemical Brothers – No Geography

The Chemical Brothers waren für mich mit “Block Rockin’ Beats” von ihrem zweiten Studioalbum “Dig your own hole” die Einstiegsdroge zur elektronischen Tanzmusik. Vor allem die B-Seite mit dem Track “Morning Lemon” hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt und die gesamte Single führte mich, obgleich die Single auf Wikipedia unter der Stilrichtung Alternative Rock geführt wird, neben anderen Künstlern wie Coldcut oder DJ Food näher an die elektronische Tanzmusik und an ihre unterschiedlichen Stilrichtungen heran. Ed Simons und Tom Rowlands haben nun ihr 9. Studioalbum vorgelegt und nach vielen Kooperationen mit bekannten KünstlerInnen und einer 4 jährigen Schaffenspause inklusive stehen auf diesem Album die Samples und das Songwriting wieder stark im Vordergrund.

the Chemical Brothers’ Ed Simons, left, and Tom Rowlands. Photograph: Hamish Brown

Neben der Tatsache sich solange an der Spitze von elektronischen Musikproduzenten festzusetzen verstehen es die beiden kaum wie andere Künstler ihre samplebasierende Musik auf derart eigene Füße zu stellen. Denn jeder Übergang sitzt, die Musik besitzt eine eigene Formensprache und gleich mit der Eröffnungsnummer ” The Eve of Destruction” gibt das britische Electronica-Duo aus Manchester die Richtung des Albums vor. Und die Marschrichtung ist, unterstützt von 90’er Jahren House Grooves und Vocal Samples, straight forward. Mit “Bango” und einem eingängigen Bassgitarrensample geht der Angriff auf den Tanzfloor und die eigenen Ohrmuscheln munter weiter. Einflüße von den Elektronikpionieren Kraftwerk lassen sich dann bei “No Geography” (hitverdächtig!) nicht von der Hand weisen auch wenn dann wie gewohnt zu verträumten Synthflächen und orchestral aufgebauschten Übergängen gegriffen wird um erst recht in ordentlicher Big-Beat Manier die eigene Handschrift zu unterstreichen. “Got to Keep on” scheint auch das ständige Motto der beiden Engländer zu sein. Das eingängige von Michel Gondry produzierte Tanzvideo dazu macht Lust sich zu ihrer Musik im Takt zu bewegen.

Auch wenn das Album seine ruhigen Momente hat, so ist es doch darauf ausgelegt die Dancefloors der großen Festivals zu füllen und die typische Big-Beat Stimmung zu verbreiten. Abgesehen davon, dass man den Chemical Brothers dies als Manko auslegen könnte, da das Sample basierte Handwerk doch sehr rough in elektronische Tanzmusik umgesetzt wird, tut dies dem Gefühl der beiden für Rythmen und Harmonien keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil man spürt auf diesem Album wirklich die Songwriterqualitäten der beiden. “Gravity Drops” ist dafür ein Beispiel wie sie, ihrer Art an Songs heranzugehen, treu bleiben, auch mit einem schön dezent umgesetzten Retro-Feeling, welches einen schon einmal in die Mitte der 90er Jahre zurückversetzen kann. Die Schlussnummer des Albums ist mit “Catch me i’m falling” gut gewählt und davor geht es mit Nummern wie “The Universe sent me” oder “Free yourself” ordentlich zur Sache.

Das Album “No Geography” ist seit 12. April im Handel erhältlich und wurde auf Universal Music veröffentlicht. Man kann auch davon ausgehen, dass man die Chemical Brothers auf den Festivalbühnen des Sommers anfinden wird können und sie ihre Big-Beat Show zum Besten geben werden.W

Michael Behrendt: Provokation! – Buchempfehlung

Nicht erst seit dem aktuellen Rammstein Video zu ihrem Lied “Deutschland” fragt man sich als kultur interessierter und konsumierender Mensch wieweit Provokation in der Popkultur bzw. der Musik gehen darf. Dass es aber immer schon in der jüngeren Musikgeschichte Provokation als Stilmittel gegeben hat zeigt das Buch des freiberuflich als Lektor und Autor für Verlage tätigen Musikjournalisten Michael Behrendt, der ein interessantes Buch zu diesem Thema verfasst hat.

“Antisemitismus, Rassismus, Sexismus und Homophobie sind in Musiktexten allgegenwärtig, und das nicht nur im Hip-Hop, sondern genreübergreifend. Aber es sind natürlich nicht nur diese Themen, die in der Musik verhandelt werden und als kontrovers gelten – Sex, Drugs and Rock`n Roll erhitzen die Gemüter nach wie vor ebenso regelmäßig.”

Aus dem Klappentext von Provokation! von Michael Behrendt

Mit “Provokation! – Songs die für Zündstoff sorg(t)en” belegt er am Beispiel von 70 Hits aus den vergangenen 100 Jahren inwiefern die Polarisierung durch Grenzüberschreitungen der Musik schon immer ein Thema war und er geht Fragen wie “Wie funktionieren diese musikalischen Tabubrüchen? Was machen sie mit uns und wie sollten wir damit umgehen? Und: Wann ist die Grenze zum »hate song« überschritten?” nach.

Michael Behrendt (hier im Gespräch bei einem Podcast von hr2) arbeitet freiberuflich als Lektor und Autor für Verlage, Unternehmen und Agenturen. Nach seiner Magisterarbeit über Patti Smith promovierte er über englische und amerikanische Rocklyrik. Er war Frankfurter Redaktionsleiter der bundesweit aufgestellten Lifestyle-Illustrierten “Prinz” und später Chefredakteur des Stadtmagazins “Journal Frankfurt”.

Das 295 Seiten umfassende Buch ist bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft (wbg) erschienen. Veröffentlichungsdatum der Erstauflage war der 11.3.2019.

POP 1900–2000: Populäre Musik in der Steiermark

Ausstellungshinweis:

5.03.2019 – 26.01.2020

Eröffnung: 14.03.2019, 19 Uhr mit DJ Al Bird Sputnik (Trash Rock Archives, FM4 Schnitzelbeats)Kuratiert von: Maria Froihofer, David Reumüller und Karl Wratschko

Über die Ausstellung

Wer waren die steirischen „Popstars“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts? Was haben die Comedian Harmonists mit der Steiermark zu tun? Welche Musikgruppe aus Gradenberg deklassierte in der österreichischen Hitparade einst sogar Elvis Presley? Und: Was war die steirische Antwort auf Woodstock? 

POP 1900–2000 nimmt sich populäre Musik in der Steiermark im 20. Jahrhundert zum Thema. Im Fokus stehen dabei steirische Protagonistinnen und Protagonisten sowie Bands, deren Musik und die Orte, an denen sie aufgeführt und gehört wurde, deren Lebensstile und -welten, beleuchtet im Wechselspiel und Kontext einer (steirischen) Zeit- und Mediengeschichte sowie Alltagskultur.

Die Ausstellung gibt damit Einblicke in das steirische Musikschaffen im Bereich der U-Musik, sie schafft Brücken zwischen kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen, legt den Fokus auch auf weniger Bekanntes oder mitunter Vergessenes und berührt ein ganzes Ensemble oft nicht eindeutig abgrenzbarer Musikgenres und -gattungen.

Erzählt wird dies anhand einer Vielzahl an Fotografien, Film- und Videoaufnahmen, anhand technischer Geräte bzw. medienhistorischer Artefakte, anhand der Musik und mithilfe der Menschen, die sie „gemacht“ haben.

Museum für Geschichte

Fatamorgana – Terra Alta

FATAMORGANA – TERRA ALTA

Synthpop aus Barcelona, Patrycja Proniewska (Gesang) and Louis Harding (Synthesizer, Drummachine) machen es möglich. Die beiden Musiker haben nach einer Kassetten/Single Veröffentlichung nun im Februar dieses Jahres ihr Debutalbum mit dem Titel “Terra Alta”vorgelegt. Synthwave, Elektropop Balladen mit eingängigen 80er Jahren Melodien und Orhwurmcharakter in spanischer Sprache. Nur eine einzige Nummer “Until”, ist auf englisch gesungen. Gegründet wurde die Band im Sommer 2017 und was als Schlafzimmerproduktion begonnen hat funktioniert nun als eingespielte Liveband.

Dreamlike synthesisers and echoed voices circle around danceable rhythms, inviting you to simultaneously contemplate and move your body. Allow yourself to be teleported from the majesty of Nature, to the glow of the discotheque.

Das eingängige Strophen – Refrain Songwriting und das reduzierte Setup von 2 Synths und einer Drummachine legen einen persönlichen Background im (Post)Punk Bereich nahe.
Einzuordnen sind sie vielleicht bei den frühen Depeche Mode oder The Human League, sind aber in ihrem retro-chic sehr eigenständig agierende Musiker, die Lyrics schweben zwischen den Synthmelodien und drehen sich um Themen wie Liebe, Reflexionen zur Zukunft und sogar Zeitreisen. Veröffentlicht haben die beiden auf dem- ein Personen Label – La Vida Es Un Mus und das Album ist seit 20. Februar 2019 erhältlich. Es gibt auch eine kleine Auflage (600 Stk.) in Form von Schallplatten.

Nun kommen sie am 23. April auf ihrer ausgeweiteten Europa Tour auch nach Graz. Der Veranstaltungsort steht noch nicht fest, aber ich denke an PPC oder Postgarage. Wer sich also so eingängigen Synthmelodien wie in ihrer Single “La Atlántida” hingeben möchte ist dort, quasi an ein einem Ort zwischen Zeit und Raum, in einer fiktiven Welt von Atlantis die hier besungen wird, gut aufgehoben.

Weval -The Weight

Soundkünstler sind die beiden Niederländer Harm Coolen und Merijn Schotte. Das merkt man an vielen Stellen ihres neuen Albums “The Weight”. Vielleicht haben die beiden die Schwere, ein gutes 2. Album abzuliefern durch ihren Albumtitel gleich vorweg genommen und sie überlassen bei ihren Soundteppichen auch nichts dem Zufall. Weich gespülter Elektropop ohne echte Kanten könnten Kritiker des Albums sagen und ja mitunter verlieren sich die vielen Soundscapes einander und driften ordentlich durch den Raum, aber Weval schafft es den Bogen ihrer Nummern weder zu überspannen noch die Soundteppiche zu sehr auszudünnen.


Harm Coolen und Merijn Schotte – Weval

Immer wieder kehren sie mit ihren Rythmen und Melodien zum Thema einer Nummer zurück. So viel Leichtigkeit und Anmut sind seit der französischen Band “AIR” nicht mehr zu hören gewesen. Und irgendwie klingen die beiden aus Amsterdam stammenden Musiker auch wie ein Lofi Projekt, doch in Anbetracht des Tüftelns an einzelnen Sounds kann man ruhig von einer Schwere sprechen, die auf den beiden während der Studioaufnahmen gelastet hat. Ausgefeilter kann Sounddesign gar nicht mehr sein. Auch Vergleiche zu Bands wie Boards of Canada tun sich auf, auch wenn die schweren TripHop Beats von BOC hier durch leichtfüßige verzerrte Beatstrukturen ersetzt wurden. Auch die Ausführung und das Arrangement von Nummern wie z.B. “Someday” überzeugen aufgrund ihrer Intensität und klanglichen Melodramatik.

Das 2. Studioalbum von Harm Coolen und Merijn Schotte wurde am 1. März auf dem Kölner Label Kompakt veröffentlicht. Live zu sehen sind Weval am 29. März in der Grellen Forelle in Wien.