Interview – Miriam “Mimu” Moné

Mimu (Miriam Moné) wird von mir in ein kleines Interview über Medienkunst, ihrem Werdegang als Künstlerin und ihrer Befindlichkeit zur Kunst verwickelt. Sie lebt und arbeitet in Wien und studiert “Digital Arts” an der Angewandten, kommt eigentlich aus dem Grafik / Visuals Bereich und ist neben ihrer Medienverbundenheit auch als Musikerin aktiv. (Interviewer Christian Kahr / veröffentlicht am 26. Mai 2007)

CK: Miriam Moné steht für…?

Hmm. das Produkt zweier Elterntiere, die mir diesen Namen gaben. Logischer Schritt, Nestflucht und Neuerfindung. Sich einen neuen Namen geben. Mimu.

CK: Wie kamst du zur Kunst?

So ganz tatsächlich fiel ich in der Mittelschule einem Zeichenlehrer auf, aufgrund einer Begabung in zeichnerischer Hinsicht. Der nahm mich in der fünften Gymnasium in seinen Maturantenkurs und beschloss dann quasi für mich, mich auf eine andere Schule zu verfrachten. Das war dann eine HTL für Grafikdesign. In den folgenden 5 Jahren lernte ich grundsätzliches der Verbrauchsgrafik und begann sukzessive mein Nervenkostüm zu zerrütteln. Nach Abschluss der Schule empfand ich eine tiefe Abneigung gegen alles was für mich in den vorhergegangenen Jahren als “Kunst” definiert wurde. Nach einem halben Jahr Auszeit begann ich zu erkennen, dass sich was auszudenken um es dann umzusetzen ohne Hierarchie und Druck von “oben” doch ganz geil ist und meinem Wesen entspricht. Somit definierte ich langsam alte Begrifflichkeiten neu und kam zu der Erkenntnis, dass alles nur so ist wie ich es in dem Moment sehe. Ich glaub so ganz ohne äußere Einflüsse ist es oft schwer seinen “Weg” zu erkennen.

CK: Welche sind die Künstler die dich inspirieren und warum?

Tja, es gibt verschiedenste Einflüsse. Die Jugendstilgrafik hat mich z.B. stilistisch sehr beeinflusst (z.B. Aubrey Beardsley). Die Geisteshaltung der Dadaisten kommt mir auch sehr vertraut vor, Kurt Schwitters Gedichte sprechen meine Sprache. die Situationisten und ihre Verfahrensweisen kann ich auch gut verstehen.

CK: Wie würdest du deine Arbeitsweise beschreiben?

Unterschiedlich. die Wahl der Waffen kommt auf die jeweilige Situation und ihre Anforderungen an. Intuitiv. Es geht meistens schnell und die Idee “pickt” grundsätzlich mal. Additiv. Ich zerlege, um wieder zusammen zu bauen. Ich füge ein Element an das nächste und stricke an dem gesamten bis ich das Gefühl habe es reicht. Letzteres trifft auf mich besonders zu, egal ob visuelles oder auditives Endprodukt. Vielleicht umgibt mich deshalb immer ein leiser hauch Chaos. Wer bei mir ein schwarzes Quadrat auf weißem Grund sucht, wird sich zuerst durch einen Haufen anderer Dinge wühlen müssen. Das ist Freud und Leid gleichzeitig.

CK: Was beschäftigt dich zur Zeit/ hat Einfluss auf deine Arbeit?

Großen Einfluss auf meine Arbeit hat das Internet, wenn auch in indirekter Form. Ich bin leidenschaftlicher Foundfootage-Sammler, Angebot und Target beeinflussen einander. Nach und nach stoße ich dann auf Thema und Ästethik die mich inhaltlich und formal interessieren. Natürlich gibt es bestimmte Kernfelder die mich immer wieder magisch anziehen, abhängig von der jeweiligen Lebenslage, meistens ergibt ein Thema das andere. Meine Produktionen sind generell mit einem kleinen Zwinkern und trockenem Humor ausgestattet, ohne dabei jedoch humoristisch zu sein. Ich verbinde gerne sanft Gegensätze, technische Zeichnungen und Pläne in ihrer geometrischen Filigranität sich einem Schmuckstück gleich von zb eher drolligen Ausschneide-Papierpüppchen bzw. generell humanoiden Elementen abheben. Was Grafik betrifft bin ich mittlerweile geübter Collageur, verbinde Fundstücke des Internets aller möglicher Jahrzehnte zu neuen Bedeutungen, Inhalten und Aussagen, genieße die Macht die dahinter steckt bis ins letzte Pixel hinein. Ich kann die Bilder sprechen lassen und unmerkbar verändern, gewaltsam dazu zwingen meine Denke weiterzugeben. Ein Zwiegespräch zwischen Pixel auf dem Opfertisch und mir. Das digitale Skalpell schon in der Hand. Ich denke den größten teil der Energie die es braucht um etwas schöpfe ich aus meinem inneren Antrieb. Viele Dinge die mich beschäftigen ergeben sich aus Gemütslagen, grundsätzlichen Orientierungen meiner selbst und Erinnerungen. Ich habe eine starke Identifikation mit allem was ich mache, daraus ergibt sich natürlich auch ein unglaublicher Hang zur Selbstkritik und Unsicherheit. Ich bin meine Arbeit, meine Arbeit bin ich.

CK: Was genau ist ein found-footage-sammler?

Jemand der das Internet durchstreift, bewaffnet mit diversen Suchbegriffen und gezielt Daten sammelt, die in irgendeiner Form interessant erscheinen. Manchmal Arbeitsmaterial, Information, Bilddaten und digitale Souvenirs jeder Art.

Wieviele Stunden pro Tag verbringst du vor dem Internet?

Ich könnte nicht behaupten jemals offline zu sein. Ich kommuniziere hauptsächlich auf diese Art. Der Datentransfer hat eigentlich kein wirkliches Ende. Aktiv würde ich sagen 8 bis 10 Stunden.

CK: Du kommst eigentlich aus dem Grafikbereich studierst aber im Moment Medienkunst auf der Angewandten in Wien. Wie hat es dich dorthin verschlagen?

Im Prinzip war es so, dass es mich von der Schaffung einzelner Bilder (Grafik) nach einiger Zeit zum bewegten Bild getragen hat. Eine sehr natürliche Entwicklung irgendwie. Beim bewegten Bild kommt die Tonkomponente dazu und schon ist der nächste Schritt bereit getan zu werden, in Richtung Audio und Musik. Der eine Interessenssektor schließt den anderen nicht aus, das eine profitiert vom anderen. So kann man in meinen Visuals z.B. eine starke Grafikkomponente ausmachen, wenig bis kein Videomaterial, wo meine Wurzeln absolut durchscheinen. Meine tatsächlichsten (aktiven) Ur-Anfänge liegen in der Handzeichnung. Mir kommt vor, dass besonders durch das Werkzeug Computer, die Verfahrensweise und der Weg hin zum Output jeglicher Art genormt und an sich ähnlich ist, für mich daher umso natürlicher das alles irgendwann ineinander greift. Ich wollte auf jeden Fall nicht nur im Segment Grafik mit all seinen wirtschaftlichen Ausprägungen bleiben.

CK: Wo würdest du deine Kunst gerne einmal sehen? Siehst du dich mehr auf Messen oder doch klassisch im Museum?

Kommt aufs Werk drauf an. Kann auch fernab von dem Ganzen existieren. Auf der Straße, im Netz, als Objekt im Regal, als teil des Alltags. Aber müsste ich wählen, nwürde ich die Messe nehmen.

CK: Gibt es ein Publikum für Medienkunst?

Ja. Und in gleicher Art wie sich Hightech in den Alltag schleicht wird Medienkunst auch in den traditionellen Kunstbetrieb hineinwachsen. Werte wandeln sich, so oder so.

CK: Ist Medienkunst wichtig? Gibt es Entwicklungen in der Medienkunst die dir gar nicht zusagen?

Ich denke Medienkunst ist eine logische Konsequenz unserer Zeit, unserer Gesellschaft. eine gewisse Wichtigkeit könnte sich z.B. ergeben wenn man den Künstler als den Joker sieht, der mit Technologien spielt, sie gezielt missbraucht um deren Tragweite auch dem technisch vielleicht nicht so versierten Mitmenschen klarzumachen. Ich denke Medienkunst ist jene Gattung die die Möglichkeiten hat globale Zusammenhänge, Actio und Reactio in allen möglichen Bereichen auf eine fast naturwissenschaftliche Weise aufzuarbeiten. Über bestimmte Entwicklungen könnte ich mich jetzt nicht mokieren, jedoch fällt mir schon auf, dass die meisten Leute, auch viele die teil des Kunstbetriebes sind, keinen Bezug zu Medienkunst haben. Das Spektrum reicht von Unverständnis bis Abneigung. Ich denke es ist gefährlich eine formal gelungene Umsetzung (im technischen Sinn) vor den Inhalt zu stellen, denn was dem Durchschnittsbetrachter bleibt, ist das Ergebnis. Versteht der Betrachter nicht, ist die Sache für mich gescheitert.

CK: Das letzte erwähnenswerte “konsumierte” Medienkunstwerk war…?

Hmm. Also eine Ruth Schnell Arbeit hat mir eigentlich sehr gut gefallen:eine senkrechte Reihe von LEDs baut in zeitlicher Abfolge einen Buchstaben Reihe für Reihe auf. Wenn man direkt drauf schaut sieht man nichts außer blinkender Lamperl. Wenn man jedoch sich weiter im Raum umsieht, sieht man in den Augenwinkeln das Wort entstehen. Im Prinzip wird die Latenz des Auges und des Bildaufbaus genutzt um die Message lesbar zu machen. Der Knaller ist halt dass man es erst sieht wenn man wegschaut.

Miriam Moné bei Preisverleihung von Ö1

CK: Woher nimmst du deine Inspiration?

Ich habe die frage eigentlich oben schon beantwortet mit “aus mir selber”. Irgendwer hat mal gesagt, alle Künstler sind Getriebene. Ich hatte schon immer Skrupel mich selber vorbehaltlos als Künstler zu definieren, aber getrieben und williges Opfer eines Schaffenszwangs bin ich auf jeden Fall. Wenn ich nun behaupte ich bin meine eigene Inspiration, mein eigener Motor, mag das subjektiv für mich stimmen, tatsächlich würde ich aber ehrlicherweise noch die gesamte Populärkultur der 80er, 90er und 00er anführen. Ich war ein völlig versautes Fernsehkind und ergötze mich immer noch geifernd und gewissenlos an dem Trash unsrer Zeit, bloß das Youtube und Co. durch ihren mist-ondemand, Funk- und Fernsehen den Rang abgelaufen haben. Elektronische Musik ist ein wichtiger Aspekt meines Lebens. Auch Extremzustände sind durchaus inspirierend. Verliebtheit, Trauer, Wut katalysieren und bündeln Potential, das sonst selig schlummert. Äußerst lähmend ist für mich Zwang von außerhalb.

CK: Wenn wir youtube erwähnen mit seinem mist-ondemandreden wir automatisch über Partizipation der User durch das Internet. Das Kosewort Web2.0 fliegt durch die Datenkabel. Siehst du in dieser Welle der Partizipation auch neue Wege für Künstler Sachen zu transportieren?

Auf jeden Fall ist die “Community” aus ähnlich interessierten hilfreich. Ich glaube Kosewort Web 2.0 beschreibt indirekt eine clevere Methode sich selbst effizient zu vermarkten.

CK: Wieviel Zwang herrscht an deiner Universität?

Im Moment fühle ich mich sehr gezwungen und das macht mich nicht froh. Link zu Mimu auf Facebook: https://www.facebook.com/mimu.merz

Interview mit der Literaturplattform Poetro

~mit trompeten und posaunen~

13 AutorInnen – aus dem Umfeld der in Salzburg gegründeten Literaturplattform Poetro – haben im Eigenverlag ihr erstes Buch veröffentlicht. PerVERS – Anthologie junger AutorInnen ist der Titel der Textsammlung, welche seit Anfang März bei ihren Lesungen, oder über ihre Webseite käuflich erworben werden kann. Ich frage Catherine T. Nicholls und Christian Winkler (2 AutorInnen und WegbegleiterInnen der Plattform) nach ihren persönlichen Perversitäten, stoße mich am etwas eigenwilligen Titel, und will wissen, was eigentlich aus der auf der Rückseite des Buches postulierten Revolution geworden ist. (Interviewer: Christian Kahr / veröffentlicht am 16. April 2008)

CK: Habt ihr perverse Eigenheiten an euch?

Christian W.: Perverse Eigenheiten hat, glaub ich, jeder Mensch, der sich nicht gänzlich einer wohlgestalteten Norm unterwirft. Frei übersetzt bedeutet pervers ja im Grunde nichts anderes als eigenartig. Solltest du rein zufällig auf den Titel unserer ersten Publikation abzielen (ähem): Ja. Das Buch ist eigenartig.

CK: Inwiefern?

Catherine: Also ich finde das Buch nicht eigenartig.

Christian: In erster Linie ist es eigenartig, weil es keinen Verlag im herkömmlichen Sinne hat. Das allein ist zwar an sich noch nichts besonderes, weil es ja zig Bücher gibt, die von AutorInnen im Eigenverlag herausgebracht werden. eigenartig, also besonders, finde ich aber den Versuch, dass 13 junge Menschen sich auf einen Haufen hauen und in einem gemeinschaftlichen Prozess ein Buch herausbringen.

Catherine: Das Buch ist eigen, doch nicht eigenartig. Finde ich. Meiner Meinung nach sind es gar nicht so die Umstände, die es das machen, sondern eher die INstände. also der Inhalt.

per Vers – Anthologie junger AutorInnen

CK: Also nochmals zurück zur Ausgangsfrage: Habt ihr gewisse Aspekte an euch, die ihr als eigenartig bezeichnen würdet?

Catherine: Eigenartige Aspekte… mal nachdenken. Eher gewisse Paradoxien. Eigenartig ist vielleicht, dass ich in der früh esse wie ein Scheunendrescher und dafür den ganzen Tag nichts mehr brauche.

Christian: Oh ja, wir sind alle sehr eigenartig, hoffentlich. Ich will nicht aufwachen und feststellen, dass jegliche Eigenart verbannt wurde, jeglicher Individualismus einem gesamtgesellschaftlichen Dogma unterworfen wurde. Aber wenn du was konkretes wissen willst: Ich trag lieber das Gewand meiner Großmutter, als mir neues zu kaufen. Da weiß ich wenigstens, dass ich mit meinen beschränkten Finanzen keine dubiosen Gewandhäuser, Sweatshops und ähnliches finanziere. Außerdem bin ich viel zu faul, mir neues Gewand zu kaufen.

CK: Was turnt euch ab? (also außer Klimawandel und Neoliberalismus)

Catherine: Socken. ich weiß, ein Klischee, aber das ist ziemlich furchtbar. Auch: der Gedanke an dreckiges Geschirr oder Harald Schmidt.

Christian: Socken sind furchtbar, da muss ich dir trotz Barfußkulturklischee rechtgeben. Aber nicht nur deswegen: Sehr lochanfällig sind diese Dinger. Überhaupt mag ich Löcher nicht gerne. Ja: cher „turnen“ mich ab. Ich steh mehr auf deren Gegenteil, auf  Anhebungen. aber wenn wir schon beim Klischee sind: Klimawandel und Neoliberalismus, vor allem Neoliberalismus turnt mich eher up als ab, falls man das so sagen kann, das bringt Blut zum wallen, da will man Banner schwingen gehen und Zeichen setzen.

Catherine: Das nenne ich jetzt eine eigenartige Eigenartigkeit.

CK: Auf dem Umschlag steht, ihr wolltet eigentlich die Revolution, dann hat es aber doch nur für das Buch gereicht. Seid ihr des Aufbegehrens müde oder arbeitet die Rebellion noch in euch? bzw. Was ist euch dazwischengekommen?

Christian: Das Buch.

Catherine: Das Leben. Unsere Eigenheiten. der Umschlag rückt sozusagen ins Licht, was man zwischen den Zeilen lesen kann: Nämlich die Ironie zu all dem Trompeten über die Revolution.

CK: Und vor dem Leben? Was war da?

Catherine: Die Nudelsuppe. Nein. Vor dem Leben? Die Kindheit.

Christian: Wenn man es ganz sozialromantisch sehen will, und ich will das, dann stecken in der Eigenart des Buches einige kleine, aber doch bestehende Ansätze des Aufbegehrens. Uns war es zum Beispiel wichtig, nicht einfach ein Produkt im Sinne der Betriebswirtschaft in den von Marktstrategen und Unterhaltungsgier gezeichneten Literaturbetrieb zu knallen, sondern ohne Rücksicht auf Geschmäcker, ohne Sinn für wohlgeformte Finanzkalkulationen, ohne Anpassungswillen (ich sag bewusst -Wille-, wer weiß, wie opportunistisch wir uns eigentlich verhalten) unser eigenes, kleines Buch zu machen. Deswegen auch der Entschluss, alle Schritte der Gestaltung unabhängig und selber in die Hand zu nehmen.

Christian Winkler

CK: Zum Thema Revolution: Dieser Tage wird ja überall (zumindest in den Feuilletons) über das Jahr 1968 geschrieben. Was denkt ihr drüber?

Catherine: Ich glaub, Dutschke war das (bin mir jetzt nicht sicher, müsste man nachrecherchieren), der meinte, wir alle verlangten nach dem Zuckerl der Revolte anstatt nach dem Brot der Reform. Wir sind noch nicht oft genug enttäuscht worden, um dem voll zustimmen zu können. Ich genieße das. Denn auch wenn du tagsüber trompetest und posaunst, kannst du des nächtens schlafen so wie der Rest der Welt. Ich für meinen Teil trompete was das Zeug hält, weil mich sonst der Hals juckt, und weiß trotzdem, dass es Utopien sind, für die wir unsere Zeit verschwenden. Das wird mal die Zeit sein, von der wir sagen, dass es die Beste war. Wenigstens das war es dann wert und wenn das alles was bringen sollte – noch besser.

Christian: 1968 ist für mich persönlich ein sehr sympathischer Mythos, den wir höchstwahrscheinlich nur deswegen gerade ansprechen, weil er von der Unterhaltungsindustrie hochstilisiert wird. Ohne 68er Mythos gäbe es keine Verkaufszahlen von Palästinertüchern als Modeaccessoire und Geldbörseln mit Che-Portrait. Das wäre natürlich tragisch (lacht). Wie Catherine sagt: Wir trompeten, weil der Hals juckt, aber abends gehen wir schlafen.

CK: Das Buch ist seit 1. März über eure Homepage, bei euren Veranstaltungen aber auch im Handel erhältlich. Wie schaut es mit erhaltenem Feedback aus?

Catherine: Die Leute sagen oft: ” Ja, sehr viele coole Sachen dabei, aber einiges hab ich einfach nicht kapiert.” Ich muss dann immer lachen und sage: “Uns geht es genauso”. Ach ja und: Meine Oma ist ein bisschen kritisch. Zu viel Sex für ihre Begriffe, aber sie findet die Bilder toll… Soviel zu den Altersgruppen.

CK: Könnt ihr noch andere Beispiele (für Feedback) nennen? Gibt es ein Feedback, das bei euch hängen geblieben ist?

Catherine Nicholls

Catherine: Mein persönlicher Favorit war der Kommentar: “Ohh, das glänzt ja so hübsch!”

Christian: Ich finde es bemerkenswert, dass Feedback von den unterschiedlichsten Menschen, Altersgruppen, Medien und Institutionen kommt. Ich hab mir anfangs nicht erwartet, dass sich zb der Standard an unserem Titel stößt, während wohlbetuchte Damen unseren Mut zur Sozialkritik loben, dass die Vielschichtigkeit der Texte einmal – so wie wir das sehen – als Zeichen eines radikal freien, sich keinen formalen oder inhaltlichen Dogmen unterwerfenden Literaturbegriffs und einmal als Mangel an eigenem Literaturbegriff gesehen wird. Aber allgemeiner: Sehr positives Feedback.

CK: Also ich hab mich an eurem Titel auch gestoßen. Das hat so einen verkrampft wirkenden Witzcharakter für mich. Eure Veranstaltungstitel wie „T’schuldings, wir würden gern lesen…” oder “Von der Unvernunft gebissen” wirken da frischer. Der Buchtitel klingt nach einem augenzwinkernden in die Taille stoßen – Nach einem: „Hey, das ist doch lustig.“ oder?

Christian: Es freut mich, dass du genau diesen Punkt ansprichst, weil ich denke, dass aus diesem Grund mehrere Leute wenig mit dem Titel anfangen können. Mein persönlicher Zugang hat aber wenig mit Humor oder Unterhaltung als mit der eigentlichen Bedeutung des Wortes zu tun, also perversio, aus dem lateinischen oder griechischen kommend, da bin ich mir nicht mehr so sicher, ich glaub aus dem lateinischen; Jedenfalls: perversio: Die Verdrehung (von Moralvorstellungen). Die gängigste Moralvorstellung, bzw. besser ausgedrückt: Maxime des heutigen Literaturbetriebs (mit Betonung auf Betrieb) ist nun mal der Wunsch von AutorInnen und Verlegern, mit simpler Unterhaltungsliteratur groß Kohle abzusahnen. Das verdrehen wir mit einem Buch, das keine Privatperson monetär bereichert. Darüber hinaus erhält pervers, wie wir auch typografisch hervorgehoben als per vers darstellen, eine weitere Bedeutungsebene durch das lateinische per=durch, also: Durch den Vers, durch das Wort. Auch ein bisschen Klischee, aber ein schönes Klischee: der Stift ist mächtiger als das Schwert.

Catherine: Sagen wir mal so, wir haben sehr lange für den Titel überlegt und abgewogen. Da war “per vers” noch gar nicht in der Auswahl. der Titel ist dann spontan entstanden und ich fand die Situation einfach gut. Eben das sollte es nicht sein: Krampfhaft. Das wirkt vielleicht nach außen etwas so, das ist uns schon bewusst, aber für uns hat es genau die Gegenwirkung.

CK: Ich finde, euer Buch ist ein Kulturprodukt von vielen. Es sticht nicht sonderlich aus der Masse von Kulturprodukten hervor.

Catherine: Stimmt nicht. Spätestens wenn du es in die Sonne legst, sticht es heraus.

CK: Diese ganzen Sprachspiele, etwas dass GermanistInnen angeblich so toll finden, das finde ich oft eher anstrengend. Ich vermisse eine Haltung, ein Statement.

Catherine: Das finde ich genau das beste an dem Buch. Mich nervt diese ständige “alles muss immer ein bestimmtes Statement haben”, wie soll das auch gehen mit 13 Leuten? Wir haben keine gleiche Meinung und wollen auch damit nicht viel zu tun haben. Ein Buch ist ein Buch, keine politische Erklärung.

Christian: Da kann ich Cathi nur recht geben. Unser Konzept ist klar und bewusst die Konzeptlosigkeit. Ein Buch von 13 Leuten und ihren unterschiedlichen Sichtweisen auf Literatur. Da kommt nun mal kein einheitliches Statement, kein einheitlicher Literaturbegriff, keine gleichgeschaltene Haltung raus. die Statements haben wir zwischen den Zeilen versteckt. Man entdeckt zum Beispiel an Orten, an denen man es nicht erwartet, wie dem Impressum, Anspielungen auf Kulturpolitik und Bücherverbrennungen, andernorts Statements zu Essiggurken, Danchlor und Persil.

CK: Es geht mir auch nicht um ein politisches Statement, sondern mehr um eine Haltung. Ich entdecke darin keine literarische Kontinuität, also etwas, was sich an einer Literaturgeschichte reibt, sie widerspiegelt oder mit Witz aufgreift. Die Texte wirken mitunter sehr herausgerissen aus jeglichem Kontext.

Catherine: Aus dem Kontext herausgerissen – na hoffentlich. Der Kontext umgibt uns ja ständig. Wenn du sagst, das Buch ist nichts besonderes, widersprichst du dir ein bisschen. Oder wie meintest du das?

Christian: Die literarische Haltung, die du vermisst, ist etwas, das du von einer offenen Literaturplattform, in der jedeR der AutorInnen einen Freiraum von 10-15 Seiten als solchen nutzen soll, nicht erwarten kannst. Die Reaktion auf dagewesenes im Sinne einer bewussten Fortsetzung einer literarischen Position bzw. im Sinne einer bewussten Abgrenzung und/oder Neuerfindung des literarischen war nicht das Ziel des Buches. Das kommt, wenn sich durch den offenen Plattformgedanken Menschen mit einer gleichen, literaturhistorisch manifestierten Haltung zusammenfinden, was vorerst nicht unser Anspruch ist. In diesem Projekt steht die Vermischung unterschiedlicher literarischer Positionen und Texte im Vordergrund, aus dem Kontext gerissen und in einem Buch präsentiert.

CK: Das Buch hat für mich eher den Touch eines Kultur- Accessoire, anstatt einer Textsammlung, einer in der Subkultur verankerten AutorInnenschaft.

Catherine: In der Subkultur verankert sein ist irgendwie paradox. Das Buch ist eine Textsammlung, natürlich, und Kulturaccessoir-? -Naja, vielleicht. Aber daran sind wir selber schuld. Wir reden manchmal zu viel über Kultur und zu wenig über das Buch.

CK: Es könnte für mich halt ruhig “dreckiger”/punkiger sein. So selbst zusammengestoppeltes Zeitungspapier…

Catherine: Irgendwann willst du aber auch, dass dein Buch nicht beim ersten Lesen auseinanderfällt.

Christian: Du wirst lachen, aber es gab die Idee, mit Moosgummi als Stempel und geklautem Altpapier als Oberfläche zu arbeiten. Aber du musst verstehen, als wir uns auf perVERS als Titel einigten, war klar, das Buch muss der oberflächlichen Bedeutungsebene von Perversion auch optisch entsprechen: glitzernd, glänzend, prunkvoll und edel.

CK: Seid ihr durch andere literarische Strömungen beeinflusst? Habt ihr Vorbilder? Wo würdet ihr euch selbst verorten?

Catherine: Ich fühle mich zwischen der Brieffreundschaft zweier Siebenjähriger und den Memoiren von Henry Millers Hauskatze.

Christian: Ich sehe mich klar in der zwar schon längst dagewesenen, viel gerühmten und viel gepeitschten, aber mir immer noch sehr sympathischen Abkehr von gängigen Erzählstrukturen, Sprachkritik und dem Spiel mit Assoziationsströmen verankert. Vor allem Ding interessiert mich. Ding sollte hochleben!

CK: Ihr existiert seit 2005 als Literaturplattform poetro. könnt ihr kurz euren Werdegang als Kollektiv skizzieren? Wie habt ihr zusammengefunden? Welche Stationen waren bislang wichtig?

Catherine: Am Anfang waren wir zu viert mit einer Idee und einem kreativen Freundeskreis. Unterstützung kam von Jugendzentren und dem Literaturhaus Salzburg, inzwischen haben wir uns ja über Österreich verteilt und nun gibt es einige wichtige Stationen.

Christian: Eine nicht unwichtige Bedeutung unseres Antriebs trägt der Ort, an dem wir uns zusammengefunden haben: Salzburg. Eine Stadt, in der es erstens wenig Raum für selbstorganisierte Projekte junger Menschen mit künstlerisch-kreativen Ambitionen und zweitens eine sehr kleine Szene von jungen Menschen gibt, denen der Mischmasch aus (Festspiel)-Hochkultur und (Brauchtums)-Prestigekultur nicht nur zuwider läuft, sondern die da auch aktiv was dagegen bzw. für eben eine junge, freie Kulturszene tun. unser Spezialgebiet war die Literatur und die Vernetzung mit anderen (Sub)kulturellen Ausdrucksformen. In Salzburg haben da schnell die handlungswütigen Menschen zusammengefunden. Seit dem entwickelt sich das ganze Projekt. wer mehr drüber wissen will: Auf unserer Seite gibt es eine Rubrik zu unsren bisherigen Lesungen & Aktionen.

CK: Ihr seid, wenn ich das richtig verstanden habe, aus Salzburg abgewandert, weil euch das kulturelle Umfeld zu wenig Möglichkeiten bot. Könnt ihr kurz die Umstände skizzieren, die euch zu einer No-Future Haltung bewegt hat?

Catherine: Nein, ich bin nicht aus Salzburg weg, nur weil es dort schwieriger ist, etwas auf die Beine zu stellen. Es hatte persönliche Gründe. Aber es stimmt, dass nach und nach alle Treffpunkte für kulturinteressierte Menschen von der Stadt dicht gemacht werden (Café Denkmal, Mark Freizeit.Kultur, die alte Arge Nonntal etc.); Ist verdammt schade, aber noch schlimmer ist es, dass viele Leute dadurch entmutigt werden und Salzburg verlassen. so wie wir. Eigentlich sehr feige…

Christian: Auch bei mir ist das nicht ganz richtig, weil ich in erster Linie nach Graz ging, um zu studieren. Aber es stimmt schon, nach einer gewissen Zeit fängt man an zu resignieren. In Salzburg waren wir vor unsrem Umzug nach Graz sehr stark an der Besetzung des Kulturgeländes Nonntal und anderen kulturpolitischen Aktionen beteiligt. Nach 3-4 Monaten Besetzung mit vielen Lesungen, Konzerten und Freiraumdiskussionen kam der Abriss. Das motiviert nicht sonderlich. Andererseits bewegt sich gerade dort, wo die Maxime des Aufrechterhaltens bestehender Umstände hochgehalten wird, umso mehr.

Catherine: Jaja, keiner macht was, bis der eigene Arsch brennt.

jopa, ein im buch vertretener autor, beim abschmecken. © poetro

CK: Wie habt ihr die Zeit der Arge Nonntal Besetzung erlebt?

Christian: Eine wunderbar schöne, von tiefen Freundschaften und großen Emotionen geprägte Zeit war das. Wir – zumindest ich dachte mit ein paar Lesungen, Flugzetteln und Bannern die mozartstädtische Kulturlandschaft verändern zu können. Das war eine herrliche Vorstellung, der ich mich gerne wieder ergeben würde. Nüchtern betrachtet haben wir durch die Besetzung der Arge das Bewusstsein der salzburger Öffentlichkeit sensibilisiert. Die abstrusen Budgetverteilungen der Stadt, sowie die Notwendigkeit eines autonomen Zentrums sind wieder zum Thema geworden.

CK: Ihr lebt nun beide in Graz. Seid ihr schon im literarisch-kulturellen Umfeld von Graz subsumiert oder bewahrt ihr euch den Blick von Außen? Und wie erlebt ihr, als außenstehende Personen die kulturproduktiven Kräfte der Stadt?

Catherine: Der Blick von Außen… Wichtig und unvermeidlich, weil ja doch immer mit dem, was man die letzten Jahre erlebt hat, verglichen wird. Man steht immer so ein bisschen dazwischen. Auch je nachdem, ob man gerade begeistert ist oder gerade gar nichts passt. Je nachdem fühlt man sich dann natürlich dazu oder eben nicht dazugehörig als Teil der Kulturlandschaft in Graz. (lacht)

Christian: Der Blick von außen ist mir sehr wichtig, ich kann das Ganze hier noch nicht so richtig einschätzen. Andererseits will ich in einer lebendigen Stadt wie dieser nicht auf das ein- und mitmischen verzichten. Es tut sich gerade sehr viel, die “freie”, selbstorganisierte Kulturszene, der ich mich persönlich am nächsten fühle, bewegt sich wahnsinnig schnell, rund ums Combinesch, ums Spektral und ums Sub erwacht ein neues Bewusstsein des Sich-Vernetzens. Im “etablierten” Bereich sticht für mich ganz klar das Forum Stadtpark als spannendster Ort heraus. Da möchte ich auch noch einiges auf die Beine stellen.

CK: Ihr sprecht ja auch von synthetischer Verschmelzung verschiedenster Subkultur-Ströme auf eurer Homepage. Irgendwelche Utopien in diese Richtung? Warum ist Vernetzung ein wichtiger Aspekt für euch?

Christian: Warum? Ganz einfach: Zusammen ist es schöner. Man unterstützt sich gegenseitig, lernt spannende Menschen / KünstlerInnen / Ideen / Visionen kennen, stellt gemeinsam etwas auf die Beine und bündelt Energien.

Catherine: Stimmt. Das hat für mich nicht unbedingt immer einen groß philosophischen Hintergrund. ist einfach interessanter wenn nicht nur Literatur dabei ist.

Christian: Die Utopien, die kommen dann von selber. Wobei ich mir im Moment erst wieder über den Unterschied von Sub- und nicht Subkultur klar werden muss, die Grenzen verschwimmen zu unklar. In diesem Fall hemmt die Philosophie und das Zerdenken das einfache Anpacken ein wenig. (lacht)

CK: Danke fürs Interview.

Daniel Hafner – Interview

Daniel Hafner ist ein relativ junger Künstler. Mit seinen 28 Jahren steht der ehemaligeAssistent und Weggefährte von Jörg Schlick kurz davor von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Seine Herangehensweise an Arbeiten ist stets humorvoll, die eigentlichen Werke wirken aber distanziert, ja mitunter sogar kühl. Seine Leidenschaft gilt dem kleinen Detail, welches er mit wissenschaftlichen Methoden und Prinzipien der Logik herauszukitzeln versucht. Manche Ideen schlummern oft mehrere Jahre, bis sie für ‘reif genug’ befunden werden oder wie Puzzle-teile zueinander finden. Helve fragt nach seiner Wahrnehmung von Kind-sein im künstlerischen Prozess, seiner Meinung zu persönlichem Geschmack, als Basis künstlerischen Schaffens, sowie nach seinen bisher ausgestellten Arbeiten. (erstmals veröffentlicht am 19. Jänner 2008 / Interviewer: Christian Kahr)

Christian Kahr: Was ist deine Motivation als Künstler zu arbeiten?

..es hat für mich mit einer Sehnsucht zu tun, Kind zu sein. Es bedeutet, mich in einen Zustand größter Aufmerksamkeit zu bringen, bei dem aber zugleich Grenzen verschwimmen und Regeln, Muster und das Endliche sich auflösen. Nur dann ist es möglich, Dinge aus ungewohnten Blickwinkeln betrachten zu können und Ideen oder Gedanken “blind” zu verfolgen, scheinen sie noch so unmöglich.

CK: Wie gehst du an eine Arbeit heran?

Ich habe gewisse Themen an denen ich immer wieder arbeite, weil mir zum Beispiel neue Aspekte einfallen oder auffallen – Projekte die ich sozusagen immer wieder neu überdenke. Dass ich von Grund auf neu eine Idee entstehen lasse, kommt gar nicht so oft vor.

CK: Gibt es Parallelen in den unterschiedlichen Entstehungsprozessen deiner Arbeiten?

Bestimmt. Da müsste ich länger drüber nachdenken. Ich weiß jetzt nicht, ob ich die wie aus der Pistole raus kriege. Was die unterschiedlichen Entstehungsprozesse gemein haben, ist vielleicht eine grundsätzliche Herangehensweise; eine bestimmte Art von Assoziationsketten. Ich hab eigentlich ziemlich schnell ein Bild, eine gewisse Vorstellung von etwas im Kopf und nähere mich dieser dann in irgend einer Form an – je nachdem was es für eine Sache ist. Wenn ich Tests oder mal nur Zeichnungen mache oder mich mit einem neuen Material beschäftige, schau ich einfach was möglich ist.

CK: Du arbeitest mit sehr unterschiedlichen Medien/Materialien. Gibt es dennoch einen roten Faden der sich durch deine Arbeiten zieht?

Klar gibt es den, der ist aber schwer in Worte zu fassen. Es ist vielleicht auch oft nur ein Gefühl, das ich hab, oderein Gefühl, das ich haben will, wenn ich eine Sache, ein Arrangement, eine Installation oder ein Bild von mir anschaue oder irgendwo in einer Ausstellung zeige. Ich will ein gewisses Gefühl haben und das muss authentisch sein. Da bin ich sehr streng mit mir selbst. Ich will erreichen, dass alle Arbeiten, die ich zeige, in einem Verhältnis zu meinen anderen Arbeiten stehen.

CK: Was ist das für ein bestimmtes Gefühl?

Das will ich für mich gar nicht so festhalten oder analysieren. Ich denke, wenn sich jemand mehrere Arbeiten von mir anschaut, kann er sich das ungefähr vorstellen. Das ist eine Angelegenheit, die ich für mich selbst verschlüsselt lassen möchte.

CK: Hast du ein Lieblingsmedium? Malerei/Fotografie?

Das könnte ich so nicht sagen. Ich passe meine Arbeitsweise eher dem Material oder dem jeweiligen Medium an. Du nennst 2 Sachen, die ich schon lang nicht mehr gemacht habe. Fotografie kommt eigentlich gar nicht so oft vor – ist früher öfter vorgekommen. Und Malerei auch ganz selten. Im klassischen Sinn Fotografie oder Malerei zu machen finde ich generell schwerer, weil ich so schnell Angst hätte, dass ich irgendwas nicht mitbekommen hab, oder dass es irgendwas schon gegeben hat, weil ich ja so ein Banause bin und mich viel zu wenig mit dem, was schon da war, beschäftige. Also das ist jetzt banal ausgedrückt, aber über Fotografie oder Malerei trau ich mich nur drüber, wenn ich da ein Konzept hab, das über das Medium hinausgeht.

Wald [0,5t Papier], 500 kg of white cardboard, installation view, Kunsthaus Graz, 2006 © Daniel Hafner

CK: Kommen wir mehr auf deine Arbeiten zu sprechen. Deine Installation Wald 0,5t ist wohl als Skulptur zu bezeichnen. Was ist das Besondere daran, eine Papierrolle auf diese Art und Weise auszurollen und zu präsentieren?

Das Besondere. (schmunzelt) Das was niemand darf, nämlich drin zu stehen in dem Haufen und darin untergehen zu können und mit dieser Masse an Material zu spielen. Das sind alles Dinge, die mir ganz großen Spaß machen. Das ist mit Sicherheit ein Aspekt, der ganz wichtig ist. Was dann in weiterer Folge durch das Spielen mit dem Material spannend war, sind die durch die Materialeigenschaften entstehenden Räume. Ich bin da ganz stark auf Räume fokussiert, die man damit schaffen kann.

CK: Was interessiert dich an Räumen?

Räume können einen unmittelbar fesseln. Was einen fesselt, kann einen in einen Kind-ähnlichen Zustand versetzen, weil man für einen Moment alles vergisst, was man im Kopf hat. Das kann auch alles andere sein.

Dieser kindliche Zustand ist etwas sehr wesentliches, worauf du gern zu sprechen kommst. Wie schaut dieser Zustand aus?

Die Aufnahme und das Rezipieren von all dem, was man als Mensch aufnehmen kann – Gefühlsreize, Sehreize, Dinge, die man hört – passiert viel unmittelbarer; es geht alles viel direkter und ungefilterter in den Kopf, unreflektierter als später, mit dem Älterwerden. Das ist das, was auch die Zeitwahrnehmung so stark beeinflusst. Das ist das Eine. Und ein anderer Aspekt ist, dass man als erwachsener Mensch immer viel mit sich herumträgt und das ist meistens eine Last. Ich trage viel in meinem Kopf herum, was ich gern in manchen Momenten nicht da haben will, aber es gibt so Zustände, wo es geht, wo es funktioniert, wo sich diese Dinge auflösen.

CK: Bei Regenmomentaufnahmen bildest du mittels Pigment-verfahren Regentropfen auf einem Bildträger ab. Kannst du kurz den Prozess beschreiben?

Wie du schon gesagt hast, es ist eine 1:1 Abbildung von Regentropfen. Der Prozess funktioniert so, dass ich meinen Bildträger mit einer Grundierung versehe, die weder zu fett noch zu saugend sein darf. Damit gehe ich dann in den Regen. Ich lass es für eine gewisse Zeit drauf regnen und geh damit dann wieder unter das Dach. Ich hab nun einen Bildträger voll mit Regentropfen. Im nächsten Arbeitsschritt streue ich eine Mischung aus Pigment und pulverisiertem Bindemittel auf, eine hauchdünne schwarze Schicht. Das staubt irrsinnig und was passiert ist: Überall, wo ein Wassertropfen ist, saugt sich diese Pigment-Bindemittel-Mischung mit Regenwasser an und bindet sich am Bildträger. Das lass ich dann trocknen. Danach wird das überschüssige Pigment abgeschüttelt und mit Luftdruck entfernt, bis es zwischen den Regentropfen wieder ganz weiß ist. Das ist im Groben der Prozess.

Regen-Momentaufnahme © Daniel Hafner

 

CK: In deinem Zyklus Regenmomentaufnahmen wie auch in deinem Projekt Musik aus der Batterie schaffst du gewisse Rahmenbedingungen oder Konditionen und überlässt die eigentliche Arbeit dem Zufall oder – wie in Regenmomentaufnahmen – natürlichen Prozessen. Ich finde diese Idee schön, dass du gewissen Dingen einfach freien Lauf lässt. Ist das eine bevorzugte Weise von dir mit (deiner) Kunst umzugehen?

Ja bestimmt.

Rain Momentums, Schloss Ulmerfeld, Amstätten, 2010, photo by Bernhard Hosa

CK: Woher kommt das?

Oft erscheinen uns Dinge als Zufall, die möglicherweise nicht bloß Zufall sind, weil sie einfach ein Teil oder ein wesentlicher Teil der Sache an sich sind. Wenn man künstlerisch arbeitet, wird man sehr oft mit Zufall konfrontiert, daran kommt man nicht vorbei. Es ist einfach notwendig, sich damit zu befassen. Das hab ich vielleicht von Jörg Schlick gelernt, er hat sehr viel mit Zufall gespielt.

CK: Was einem auffällt ist eine gewisse Distanz in Arbeiten wie Regenmomentaufnahmen oder den Morphotransformationen. Du sagst selbst, dass Teile deiner Arbeiten als kühl und verschleiert beschrieben werden können. Kannst du mit Reduktion einfach besser?

Reduktion ist generell eine Notwendigkeit bei der Vermittlung von Inhalten.

Junge Künstler haben selten die Chance an Ausstellungen teilnehmen zu können. Wenn sie die Möglichkeit bekommen, dann stürzen sie sich in die Arbeit. Du hast in diesem Zusammenhang in einem Gespräch mit mir die Entstehung von “warmer Kunst” erwähnt. Ich fand das sehr spannend. Was genau bedeutet “warme Kunst”?

Junge Künstler neigen dazu, ihren Ideen viele hübsche Kleidungsstücke anzuziehen, bis diesen sehr warm geworden ist und man sie kaum mehr sieht… Tatsächlich macht es aber sehr großen Spaß, eine Idee so lange mit kaltem Wasser zu waschen bis nur mehr das Wesentliche überbleibt. Ich mag es sogar, wenn der Idee zum Schluss ein wenig kalt geworden ist. Das dazu passende Wort der Akademischen Schule wäre “Reduktion”.

CK: Wenn man dich erlebt und kennenlernt, merkt man, dass du ein sehr fröhlicher und offener Mensch bist. Deine Arbeiten wirken aber auch oft kühl und distanziert. Wie passt das zusammen?

Ich finde gar nicht, dass das ein Widerspruch ist. (lacht.) Vielleicht gleicht mich das aus. Ich mag nicht meinen persönlichen Geschmack präsentieren. Ich hab etwas gegen das öffentlich machen von persönlichem Geschmack. Das interessiert mich nicht, das finde ich nicht interessant, wenn das jemand macht. Deshalb versuche ich meine Ideen auf den Punkt zu bringen. Sobald irgendwelche Entscheidungen zu treffen sind, die ich rein aufgrund meines Geschmacks lösen könnte, hinterfrage ich sofort, ob das überhaupt nötig ist, ob man dafür nicht eine Lösung haben kann, die der Sache selbst einfach entspricht.

Deine Arbeiten sind sehr oft geprägt von einem wissenschaftlichen Ansatz, den du konsequent verfolgst. Woher kommt die Überkreuzung künstlerischer Arbeit und wissenschaftlicher Herangehensweise?

Mhm. Gute Frage. Von meinem Opa. (lacht). Ich mag den Dingen auf den Grund gehen. Ich mag gern nach Prinzipien der Logik, auf klare Art und Weise an Dinge herangehen. Ich hab gern einen logischen Überblick über die Dinge. Das ist eigentlich alles. Ich helfe mir damit nur.

CK: Ist das ein Kriterium, wenn du dir Kunst anderer KünstlerInnen anschaust?

Nein nicht so. Man könnte es aber anders sagen. Ich hab Schwierigkeiten mit Kunst, die zu sehr unwissenschaftlich ist, die zu sehr in der Luft schwebt oder auf Prinzipien des Geschmacks beruht. Man kann es auch nicht so verallgemeinern. Ich sehe es jedenfalls gern, wenn ein Künstler einen klaren logischen Zugang zu seiner Kunst, seinem Kunstwerk hat. Es fallt irgendwie auf.

Morphotransformationen C-print, Aluminium, 70×100 cm, 2006

CK: Dieser klarer Zugang ist ja auch in deiner Arbeit Morphotransformationen zu finden. Ist es Absicht, dass manche Linienverläufe nicht wieder in den Hintergrund zurückfinden oder ist es etwas, dass im Zuge der Bearbeitung nicht anders möglich war?

Es sind ein paar Details eingebaut, die das Ganze ein bisschen unklar machen. Es sind zum Beispiel ein paar Schattenverläufe und Transparenzen drin, die aus dem starren Grundsystem nicht direkt hervorgehen. Das waren bewusste Entscheidungen.

CK: Wie enstanden die Morphotransformationen?

Die Bilder entstanden aus dem spielerischen Umgang mit einem einzigen Werkzeug, einem sehr banalen Werkzeug. Der Entstehungsprozess ist eigentlich unglaublich simpel und darin liegt für mich auch der Reiz.

Mit Musik aus der Batterie bist du auch als Musiker tätig. Du hast ein eigenes Profil auf myspace.com. Ein weiteres musikalisches Projekt deinerseits ist Winterstrand, wo du mit deinen beiden Brüdern Musik machst. Was war die Intention von Musik aus der Batterie?

Musik aus der Batterie beschäftigt sich mit “versteckten Potentialen” geräuscherzeugender Billigchips aus Kinderspielzeugen und Werbeartikeln, die durch gezielte Manipulation der Stromversorgung hervorgebracht werden können. Während ich den Chips selbst musikalische und kompositorische Fähigkeiten zuschreibe, setzte ich mich lediglich dafür ein, die dafür nötigen Umstände zu schaffen. Also Musik aus der Batterie ist Musik, die nicht ich erzeuge. Aber ich bin dabei.

Modulation-Box, Sound-Modules, Plugs, 2006

CK: Eine Frage zu den Personen, denen du in deinem Leben schon begegnet bist. Du warst außerordentlicher Student von Jörg Schlick und hattest bis kurz vor seinem Tod Kontakt zu ihm. War das eine sehr bewegende Zeit, eine Zeit, die dich beeinflusst hat?

Ich hab in erster Linie für ihn gearbeitet. Aber unser Arbeitsverhältnis war so locker, dass da sehr viel Zeit für diverse Auseinandersetzungen war. Er war auch ein Mensch, der sich für alle möglichen Dinge interessiert hat und eben auch für meine Arbeiten und darum haben wir öfters diverse Diskurse geführt – allgemein über Kunst, oder über seine oder meine Arbeit. Er hat mich auch sehr viel gefragt zu seiner Kunst, weil es ihn interessiert hat. (lacht) Er hat mich oft gefragt, wenn er irgendwas gemacht hat, ob es nun gut ist, oder scheiße. (lacht nochmals) Ich hab schon immer versucht ihm ehrlich zu antworten.

CK: Hat die Begegnung mit ihm Spuren hinterlassen?

Nicht direkt im Bezug auf die Arbeit. Aber es hat auf jeden Fall in anderen Bereichen etwas hinterlassen, zum Beispiel was meine Sicht dem Kunst- oder Kunstbetrieb gegenüber betrifft. Ich denke, ich war früher auch viel verkrampfter. Er vertrat natürlich eine Extremposition. Er hat auf alles geschissen und ich hab das sehr schön gefunden, dass jemand auf alles scheißen kann bzw. dass das in dieser Form möglich ist. Er hat bestimmt auch viele Feinde gehabt, bis zum Schluss.

CK: Du arbeitest im Moment als Assistent des Künstlers Peter Kogler, bei dem du mitunter 2004 an der Akademie der bildenden Künste in Wien studiert hast. Hat dich diese Zeit ebenfalls beeinflusst?

Die Zeit, die ich bei ihm studiert hab, hat mich schon weitergebracht. Vor allem den Blick dafür zu behalten, diesen Bogen zu spannen; von Arbeit zu Arbeit. Auch einen besseren Überblick zu bekommen über die Strömungen der Zeit. Er hat auf jeden Fall meinen Blick geschärft und mich noch kritischer gemacht, meiner Arbeit gegenüber.

CK: Gab es sonst noch Personen in deinem Leben, die dich in künstlerischer Weise beinflußten?

Ja. Bestimmt. Eine Hand voll Professoren und Künstler deren Arbeit mich beeindruckt hat.

CK: War es schon mal mühsam Künstler zu sein?

Jeden Tag. (lacht)

CK: Hat dich deine Arbeit schon jemals in eine Zwangssituation im Sinne eigentlich will ich gar nicht, aber die Arbeit gehört erledigt gebracht?

Eigentlich nicht. Ich hab mein Fundament so großflächig angelegt, dass ich da genug Platz hab. Ich habe irgendwie die Möglichkeit, in sämtlichen Bereichen/Medien zu arbeiten, und trotzdem kann ich dieses Gefühl haben, dass ich haben will. Trotzdem, eine halbe Tonne Karton von A nach B zu transportieren, oder Geld zu verdienen macht auch nicht unbedingt immer Spaß.

CK: Was denkst du eigentlich über die Texte, die bis jetzt über deine Kunst verfasst worden sind?

Sehr gescheit. Es stimmt natürlich alles, vor allem die Dinge, die ich selbst gar nicht mehr verstehen kann. Ich glaub, dass meine Kunst noch wesentlich gescheiter ist als ich selbst. Deshalb halte ich diese Texte für wichtig und notwendig.

CK: Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Du meinst künstlerisch?

CK: Genau. Gibt es Ausstellungsbeteiligungen, die geplant sind?

Ich bin bei ein paar Sachen dabei, aber sie fallen mir im Moment nicht ein. Eigentlich peinlich…(Pause) Und im April gibt es eine Musik aus der Batterie Performance.

Du hast bislang noch keine Galerie, die dich vertritt. Ist das eine schwierige Angelegenheit Galerien für die eigene Arbeit zu interessieren?

Ich weiß gar nicht, ob mir eine Galerie im Moment helfen würde. Mein “Kunstbetrieb” ist im Moment nicht ausgelegt auf Produktion und deshalb bin ich lieber bei ein paar Ausstellungen dabei, für die ich mir Zeit nehmen kann, wo ich Spaß dabei hab. Einen Galeristen zu haben, für den ich ständig irgendwelche Sachen nach produzieren muss, das wird früh genug kommen.

CK: Wie schaut ein besonders gelungener Tag bei dir aus?

Wenn ich abends total erschöpft ins Bett falle – und der Tag sollte generell mindestens 36 Stunden haben.

CK: Vielen Dank fürs Interview.

Danke gleichfalls.

Daniel Hafners bisherige Arbeiten sowie weitere Informationen zu seiner Person sind auf der vom Künstler vor kurzem eingerichteten Webseite http://danielhafner.com abrufbar.

Interview mit Christian Sundl (Wilhelm show me the Major Label)

Wilhelm show me the major label ist ein junges Grazer Gitarrenlabel, welches Ende 2007 gegründet wurde. Vor kurzem sind die ersten beiden Releases auf Compact Kassetten veröffentlicht worden. Christian Sundl, Mitbegründer von WSMTML, erschien beim interview zwar mit Mp3-Player – gedreht hat sich das Gespräch aber um das Musikmedium der 70er und 80er Jahre, Indie-Noise, die Bands des Labels und die kommenden Releases. (veröffentlicht am 8. Juli 2008)

CK: Wozu habt ihr eigentlich ein Label gegründet?

Christian: Das Label dient zur Unterstützung der zahlreichen Bands, die auch abgesehen von WSMTML nirgendwo vertreten sind. Ich habe zuvor schon die Pressearbeit für Lady Lynch gemacht. Ob ich für eine Band oder gleich für 7, 8 Bands die Pressearbeit mache ist relativ egal. Der Zeitaufwand ist annähernd der gleiche. Da war es dann kein großer Schritt zum Label. Es sind ja nur ein paar Stunden in der Woche und es macht mir auch Spaß.

CK: 9 bands sind doch für ein junges Label ganz schön viel?

Christian: Wir sind 5,6 Bands von maximal 7 Leuten oder so. Da jeder in jeder Band zusammenarbeitet. Das komische ist, dass die Projekte gar nicht so unterschiedlich sind, man hat den Bereich Indie und dann unterteilt man das in den Bereich Noise, Post-Punk, aber im Grunde ist alles Indie. Da ist man dann schon sehr speziell bei den einzelnen Bands. Da wird ein Genre aufgeteilt in noch mehr Subgenres. Im Grunde ist es so, dass jeder seine Hauptprojekte, die für jeden am wichtigsten sind, hat.

CK: Es gibt eine zweite Person die an dem Label beteiligt ist, oder?

Christian: Ja, die Idee des Labels ist von m Mario Rampitsch von feinkostroyal. Er trat mit dem Vorschlag an mich heran.

CK: Warum gerade ein Kassettenlabel?

Christian: Zuallererst einmal ist es ein Medium das abspielbar ist. Heute haben viele Menschen noch einen Kassettenplayer bei sich daheim herumstehen. Es gibt aber noch einen anderen Aspekt: Sie wird von anderen Labels kaum mehr verwendet. Wenn wir als Promo mit einer CD daherkommen und sagen, dass das die CD mit unseren bands ist, dann hat das nicht so den Effekt. Die Musik ist die gleiche aber eine Kassette hat heutzutage einfach einen anderen Stellenwert.

1. Mixtape von Wilhelm show me the major Label

CK: Die erste Auflage ist bereits vergriffen. Habt ihr damit gerechnet so schnell ausverkauft zu sein?

Christian: Im Grunde sind 50 Kassetten ja nicht soviel, die muss man schon durch Freunde loswerden (lacht). Die Kassette von „tv buddhas“ (2. Release) ist da auch so ein Prüfstein, wie andere Bands angenommen werden. Bei Lady Lynch haben wir von der ersten CD ungefähr hundert Stück verkauft. Aber wie viele Leute es sich wirklich angehört haben weiß ich nicht. Da liegt die Zahl meiner Meinung nach bei 20 Personen. Ich komme jetzt drauf wie praktisch Kassetten sind. Die sind einfach robust, da passiert einfach nichts. Die Hülle wird zwar relativ schnell hin, aber wenn eine CD herunterfällt und ein Kratzer drin ist dann ist es vielleicht schon vorbei. Man kennt auch noch das Geräusch wenn man eine Kassettenhülle aufmacht und es knirscht. Der Albumcharakter kommt bei den Kassetten ebenfalls viel stärker raus.

CK: Neben den Kassetten bietet ihr die Musik zum digitalen Download an. Wie komme ich wenn ich die Kassette gekauft habe zu den mp3s?

Christian: In den Kassetten befindet sich ein Code mit dem man Zugang zu den mp3s auf unserer Homepage bekommt. Wenn wir das nicht gemacht hätten bestünde die Gefahr, dass sich die Leute vielleicht nur die Kassetten kaufen und die Musik nicht anhören. Die Kassette ist zwar ein Sammlerstück welches man vielleicht daheim stehen haben will. Die Leute sollen aber eben nicht nur das Objekt kaufen.

CK: Was steckt hinter dem Namen WSMTML?

Christian: angefangen hat das mit „Wilhelm show me the Diagram“, das war eine Myspace Seite, wo freunde von mir CD Reviews geschrieben haben und ich hab die gepostet. Der Name kommt von einem Lied von Rip Rig + Panic, einer New Wave Free Jazz Partie aus den 80ern mit Neneh Cherry. Die hatten ein Lied das hieß Wilhelm show me the diagramm. Dann gibt es die Konzertreihe wilhelm show me the microphone“ und auf WSMTML sind wir einfach so gekommen. klingt auch witzig, und es passt ja auch, dass es ja so sein soll dass größere Labels auf die Bands aufmerksam werden.

TV Buddhas / Black Fox Dance

1. TV Buddhas – La Lo Loo (first take)
2. TV Buddhas – Headache Party
3. TV Buddhas – Buddha Rock
4. Black Fox Dance – Lüste des Blues

TV Buddhas
Demo Versions Recorded by Doron Bantam at Fast Music. August 07, Tel Aviv, Israel Mixed by Zaiden
TV Buddhas are Mickey Triest and Juval Haring

Black Fox Dance
Recorded and mixed by Andreas Perner
Black Fox Dance are Martin Gupper and Christian Sundl

released 20 July 2008

Wilhelm show me the Major Label

CK: Gibt es einen gemeinsamen musikalischen Nenner der Bands die auf dem Label vertreten sind?

Christian: Im Grunde genommen ist der Sampler als Mixtape eine Ausnahme, da auch viele Elektro Bands darauf vertreten sind. Der Fokus liegt aber mehr auf Indie-gitarren Musik. Ob das jetzt mehr Post-Punk wird, oder mehr Noise ist. Die Gitarre steht schon im Vordergrund.

CK: Wie kann ich als MusikerIn / Band eigentlich an euer Label herantreten und ist das Label an einen Musikstil gebunden?

Christian: Einfach ein Email schreiben und sagen, dass ich es sie mir anhören soll. Es ist dann schon so, dass manche Sachen super sind und mir gefallen aber dann doch nicht passen. Bis jetzt ist das noch nicht passiert, da sich die Anfragen auch noch in Grenzen halten. Klassische neue Musik wäre zum Beispiel unpassend auf dem Label, obwohl es prinzipiell super ist.

CK: Ende der 70er und Anfang der 80er war die Kassette ja ein Medium gegenkultureller Strömungen. Mit der Etablierung der Leerkassette war es dann auch das erste DIY Verbreitungsmedium, da es leicht möglich war seine eigene Musik zu veröffentlichen. Hat dieser oder ein ähnlicher Gedanke bei der Wahl des Mediums eine Rolle gespielt?

Christian: Auf jeden Fall. Dadurch hat die Kassette einen sympathischen Symbolstatus und das spielt natürlich auch eine Rolle. Es gibt aber auch immer mehr Kassettenlabels. Hauptsächlich aus dem experimentellen Hardcore Bereich, viele aus Deutschland. da gibt es auch noch Labels, die sich die Kassetten im Supermarkt kaufen. Wir lassen sie aber produzieren, wegen der Optik und dem Design.

CK: Wer ist für die grafische Gestaltung der Kassetten verantwortlich?

Christian: Beim ersten Release war es Philipp Kanape der bei dem Grafikdesignbüro engarde arbeitet. Wir schauen, dass jedes Mal ein anderer Künstler oder Designer etwas macht, damit es schön abwechslungsreich bleibt. Das Artwork ist ein wichtiger Aspekt. Es hat den gleichen Stellenwert wie eine Nummer auf dem jeweiligen Album.

CK: Wie und wo produziert ihr die Kassetten?

Christian: In Leipzig gibt es jemanden. Der hat ein Gerät wo man von einer Kassette auf 7 gleichzeitig überspielen kann. Wir haben auch überlegt es selbst zu machen aber da es nicht so teuer ist, lassen wir produzieren.

CK: Habt ihr Kontakte zu anderen Kassettenlabels?

Christian: Das label Numavi verwendet alle Medien – eben die, die sie für richtig halten. Gerade haben sie eine Diskette herausgebracht. Darauf findet sich eine 1-minuten Nummer. (lacht) Wir haben generell Kontakt zu Labels die CDs produzieren. Der Kontakt bei anderen Kassettenlabels passt meistens nicht, da die Musik einfach nicht zu unserer passt.

CK: Was verbindest du persönlich mit einer Kassette? Gibt es Kindheits- oder Jugenderinnerungen wenn du an das Medium denkst?

Christian: Irgendwann zum 12. Geburtstag hab ich einen Kassettenspieler bekommen und meine Mutter hat mir damals auch meine erste Kassette aufgenommen. Die war mit Liedern bespielt, die eigentlich nur ihr gefallen haben. (lacht) Aber es war okay. Mit zwölf ist man da noch nicht so. Meine erstes Nirvana Album war auch auf Kassette. Also bin ich auch noch in die Grunge-Zeit mit Kassetten gekommen. Irgendwann bin ich aber umgestiegen.

CK: Welche Veröffentlichungen / Aktivitäten sind geplant?

Christian: Am 26. Juli wird die Split Kassette von „killed by 9V batteries“ und blackfox dance am „Sil Festival“ in Niederösterreich präsentiert. Da sind wir jetzt gerade mit den Aufnahmen fertig. Wir haben noch eine russische Band. Die heißt pboyul und klingt sehr nach Tuxedomoon. Von denen kommt auch ein Release heraus und im Sommer gibt es noch einmal eine Auflage vom Mixtape.

CK: Was bietet ihr euren Bands? Habt ihr Vertriebsstrukturen oder wie kommen die Kassetten unter die Leute?

Christian: Es kommt immer darauf an. da wir immer geringe Stückzahlen machen gehen wir davon aus, dass 50 Stück relativ schnell weg sind. Falls doch welche übrigbleiben werden diese, da wir bei „kim records“ als Sublabel laufen, über den Vertrieb von Trost auch in anderen Plattenläden erhältlich sein. Wir stellen auch 3-4 Kassetten zum Verkauf zu dux records. Noch dazu gibt es auf der Homepage von KIMpop einen Shop wo man sie bestellen kann.

CK: Seid ihr auch für elektronische Bands / Projekte offen?

Ja wenn sich jemand meldet und es ist gut, wieso nicht. Es ist ja auch schwer. Elektronische Bands haben glaube ich ein bisschen Angst vor Kassetten. Es muss auch in den Clubs gut kommen. Die sind sehr auf Qualität bedacht und das ist bei den Kassetten nicht so gegeben. Da ist es für Noise Bands leichter. Wobei die Qualität der Kassetten schon gut ist. Also es ist nicht so, dass es rauschen würde. (lacht)

CK: Wie sieht es mit Feedback und Presseecho aus?

Christian: Auf fm4 hatten wir schon 2 Interviews, sowie einen Bericht. Es sind vor allem kleine, die man halt kennt. fm4, der Falter, das Skug. Blogs kennt man oft auch nicht. Ich bin von Lady Lynch auch so gewohnt, dass die Presse auf mich zukommt. (lacht) Man hat nie richtig Pressearbeit gemacht aber es gibt immer wieder jemanden von einer Zeitung oder Zeitschrift, dem es gefällt und etwas machen möchte und beim Label ist es ungefähr das gleiche. Sobald man die Journalisten dann kennt, spart man sich eine große Presseaussendung und schickt es an diejenigen, die es interessiert.

CK: danke für das interview.

auf der homepage von WSMTML finden sich Infos zu den einzelnen Bands, viele Hörproben sowie Informationen zu den bisherigen Veröffentlichungen.