Sisters with Transistors – Filmdoku

Die Doku “Sisters with Transistors” geht der Frage nach wie Frauen sich ihren Platz im Bereich der elektronischen Musik erkämpft haben und welche Pionierleistungen sie auf dem Gebiet der Avantgarde erbracht haben. Die Regisseurin Lisa Rovner begibt sich in ihrer ersten abendfüllenden Dokumention auf Spurensuche nach jenen Musikerinnen und Klangkünstlerinnen, die auf dem Gebiet der elektronischen Klangerzeugung eine Vorreiterrolle einnahmen. Die Dokumentation die bislang nur auf Filmfestivals ihre Premiere feierte beginnt in ihrer Recherche in den 1920er Jahren und gibt aufgrund von raren Filmaufnahmen Einblicke in die Arbeitswelt der Künstlerinnen, die manchmal selbst nicht glauben konnten, dass sie sich in dieser fest in Männerhand befindlichen Nische ihren Platz erkämpfen würden.

“SISTERS WITH TRANSISTORS is the remarkable untold story of electronic music’s female pioneers, composers who embraced machines and their liberating technologies to utterly transform how we produce and listen to music today.”

Sisters with Transistors

Einige von ihnen sahen es als Privileg an sich mit elektronischer Musik zu beschäftigen, manche Protagonistin des Films arbeitete als Tontechnikerin bei bekannten Institutionen wie der BBC in England. Die Frauen berichten auch darüber wie diese Form der Arbeit es ihnen ermöglichte sich, fernab von der eingesessenen Musikreproduktion wie dem Konzert und Aufführungsbetrieb, dem klassischen Noten schreiben für andere, dahingehend zu entwickeln, dass ihre Form der Musiknotation von ihnen selbst und ihren elektronischen Klangerzeugern dargebracht wurden. Diese Aufführungspraxis ermöglichte den Frauen, wie auch den Männern dieses Genres einen neuen Umgang mit ihren Kompositionen und kam einer Selbstermächtigung gleich, die vor allem in den 60ern und 70ern des vergangenen Jahrhunderts von KünstlerInnen und Publikum (wenn auch nur in kleinem Kreis) gleichermaßen gewürdigt wurde.

“We women were especially drawn to electronic music when the possibility of a woman composing was in itself controversial. Electronics let us make music that could be heard by others without having to be taken seriously by the male dominated Establishment.”

Laurie Spiegel (Composer)

Wichtige Künstlerinnen jener Zeit wie Daphne Oram, Pauline Oliveros, Delia Derbyshire, Laurie Spiegel etc… kommen in den zusammengestellten Filmaufnahmen zu Wort, erklären einem interessierten, meist männlichem Publikum vor Ort ihre Arbeitsweise, können es mitunter selbst nicht glauben, damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen und zeugen von einem Selbstverständnis im Umgang mit Kästen, die so groß wie sie selbst waren. Laurie Anderson (Performance-Künstlerin, Musikerin und ebenfalls Filmregisseurin) begleitet mit ihrer Stimme aus dem Off die Dokumentation, erzählt von den kleinen und größeren Erfolgen und auch Misserfolgen der Musikerinnen und setzt die Archivaufnahmen mit ihren Kommentaren ins rechte Licht. Auch heute noch ist die Rolle jener Frauen bei weitem nicht so ausgeleuchtet und ihr Schaffen wird hinter jenem der erfolgreichen Männern der Klangkunst nicht so gewürdigt und anerkannt. Die Doku “Sisters with Transistors” will dies ändern und schenkt jenen Pionierinnen ein stückweit jene Aufmerksamkeit, die sie wohl verdienen.


Website: Sisters with Transistors | Trailer |Titelbild: Maryanne Amacher fotografiert von Peggy Weil

Breath of the Wild Soundtrack Compilation Box – Musik in Videospielen

Die Breath of the Wild Soundtrackbox von Nintendo’s gleichnamigen Spiel

Musik von Videospielen fristet oft ein Schattendasein wenn es darum geht Videospiele in ihrer Gesamtheit zu betrachten und fallen auch heutzutage in Bewertungen von Spielen oft unter den Tisch. Eigentlich seltsam, ist es doch oft die Musik eines Spieles, die einen – genauso wie bei Filmscores – emotional stärker mit der Story oder der erzählten Handlung in Verbindung treten lässt. Ist die Handlung spannend verstärkt die Musik das Geschehen auf Monitor oder Leinwand. Ruhige Passagen werden ebenfalls von dazu passender Musik getragen. Scores sind demnach ein fixer Bestandteil unseres Medienkonsums und vielen Spieleentwicklern ist dies bewußt, genauso wie die Fanbase seit langer Zeit für diverse Soundtracks von Spielen schwärmt. Nun gibt es von “Legend Of Zelda – Breath Of The Wild” eine Soundtrackcompilation die auf 5 CD’s alle 211 Songs des Spiels vereint. Ein Booklet in japanischer Sprache und zusätzliches Artwork sind ebenfalls enthalten. Vor allem für Liebhaber des Nintendo Spieles und als stilvolles Collector-Item ist diese Box, die für ca. 55,- Euro bei Amazon angeboten wird, wohl interessant und macht sich gut in jedem Wandregal. Damit kann auch abseits des Spiels die Musik genossen werden.

Der Soundtrack von 'The Journey' wurde für einen Grammy nominiert.

Die Relevanz von Soundtracks in Videospielen wird immer wichtiger und bekommt seit längerer Zeit schon immer mehr Aufmerksamkeit. So war der Soundtrack des Spieles “The Journey” der erste, der für einen Grammy in der Kategorie Beste Filmmusik in einem visuellen Medium (bester Soundtrack) nominiert wurde. Austin Wintory, der sich für den Soundtrack verantwortlich zeigte und bereits für alle drei Spiele des Spielentwicklers thatgamecompany die Musik beisteuerte hat laut Wikipedia seit 2003 an mehr als 300 Songs gearbeitet und ist auch für den Score des aktuellen Spieles “The Pathless” verantwortlich. Gemein ist all diesen Spielen, dass sie auf einprägsame Weise den Protagonisten durch eine fantastische Welt streifen lassen ohne auf gestalterische Mittel von gesprochenem Text oder Dialogen zurückzugreifen, denn die Geschichte wird alleine durch die Musik und die opulente Grafik erzählt. Auch diverse Game Awards wie der Spike Video Game Award oder die bekannten Bafta Game Awards lassen das Genre schon längst nicht mehr in irgendwelchen Schubladen verstauben. Da gibt es zum Beispiel die Webseite Square Enix Music Online, die viele veröffentlichte Musikstücke und ihre Komponisten aufzählt und auch einen eigenen Award vergibt.

Das Nischendasein von Filmmusik und Spielesoundtracks war und ist für Fans schon lange kein Thema mehr, halten die Werke doch auch den Vergleich mit klassischen Kompositionen stand und sind in Punkto Qualität jenen nicht mehr unterlegen. Auch gegenseitige Kooperationen kommen in Mode. So nahm der Soundtrack des Egoshooters DOOM Anleihe an dem Sound von Metal Bands wie Metallica oder Slayer. Robert Prince’s Soundtrack definierte die Herangehensweise an Musik von Videospielen neu. Auch Bands selbst zeigen immer mehr Interesse daran, an einem Spielesoundtrack mitzuwirken. Auf Spotify gibt es eine eigene Playlist von Video Game Soundtracks und der Autor selbst kommt manchmal ins Schwärmen bei Musik von Videospielen, die vor allem mit besonderen Spiele-Erlebnissen meiner Jugend zu tun haben und sofort mit der damals erlebten Emotion verknüpft werden. So trage ich mein eigenes Repetoir an popkulturellen Erinnerungen mit mir herum, bis es beim Hören einer bekannten Melodie wieder ins Bewusstsein dringt. Diese Konnektivität erklärt vielleicht auch warum wir gewisse Melodien in unserem Gehirn stark mit (bereits erlebten) Bildern in Verbindung bringen können. Man denke an die Titelmelodie von Nintendo “Super Mario Brothers” oder der eingängigen Melodie von Tetris, die unzählig oft gecovert, zu einem Teil unseres kollektiven Gedächtnisses und somit Teil unserer Popkultur geworden sind.

“Vertigo Days” – das aktuelle Album von The Notwist

Sie sind wohl irgendwie Lieblinge des Feuilletons, ihre Musik ist einprägsam aber auch etwas ungreifbar. Die Texte ecken nirgends an, wollen beim ersten oberflächlichen Hören einfach gefallen. Doch es gibt wenige Bands die ihrer Musik jene Kraft verleiht, dass man sich sehr eindringlich z.B. musikwissenschaftlich mit dem Gehörten beschäftigen kann, andererseits den Sound von “The Notwist” auch irgendwie nebenher genießen kann. Beim Home Office, während man im Internet surft oder während man zum Beispiel am Sofa ein Buch liest. Die Musik von The Notwist, einer Band gegründet im oberbayrischen Weilheim kann auf mehreren Ebenen überzeugen, hat wie auf dem neuen, im Jänner veröffentlichten Album “Vertigo Days” magische Momente und eine einprägende Musikmelodie, nicht nur deshalb weil die Tracks einem Mixtape gleich nahtlos ineinander übergehen. Unter COVID-19-Bedingungen weitgehend über Internet produziert, wirkten dennoch zahlreiche Gastmusiker mit. Darunter befinden sich Kooperationen mit Saya Ueno von der japanischen Band Tenniscoats oder mit der Argentinierin Juana Molina bei der Nummer “Al Sur” im letzten Drittel des Albums.


Das 14 Nummern umfassende Album ist das erste nach 6 Jahren Pause der Band, deren Mitglieder jene Zeit nicht nutzlos an sich vorüberschreiten ließen sondern in anderen Musikprojekten ihrer Kreativität freien Lauf ließen. Es ist also nicht verwunderlich, dass “Vertigo Days” auf einem breiten, vielseitigen musikalischen & humanistischen Fundament steht. Weilheim als Ort, war der musikalische Schmelztiegel dieses an Krautrock und Off-Rock reichen Soundkosmos welches mit Elektronik und Jazzelementen verfeinert wurde. In diesem Fahrwasser konnten sich Bands wie Console, Tied and Tickled Trio, Lali Puna etc… heraus entwicklen. Viele dieser Bands waren auf dem inzwischen eingestellten Musiklabel Hausmusik vertreten, das oft im Zusammenhang mit der Band erwähnt wird, auch wenn sie nur einzelne Samplerbeiträge (darunter eine Koproduktion mit Calexico) auf diesem Label veröffentlicht hatte. Nach dem Ausstieg von Martin Gretschmann im Jahr 2014, der maßgeblich für die elektronische Ausrichtung der Band bei den davor entstandenen Alben verantwortlich war erschien noch unter seinem Einfluß das achte Studio Album der Band “Close to the Glass” beim Label City Slang. Das am 29. Jänner 2021 erschienene “Vertigo Days” überzeugt mit einer Vielschichtigkeit die in der DNA der Band irgendwie eingeschrieben scheint, und Nummern wie “Ship”, das melancholische “Sans Soleil” oder “Night’s too dark” erheben sich in jene Sphären des Musikgenußes wo die Musik bei weitem mehr ist als die Summe ihrer einzelnen Teile. “Vertigo Days”, auf deutsch am besten mit “schwindelige Tage/ schwindelige Zeiten” übersetzt, ist auf Morr Music, afterhours JP & dem neuen Label der Band “Alien Transistor !” erschienen.

Apple I für 1,5 Millionen US-Dollar auf ebay eingestellt

Steve Jobs & Steve Wozniak in ihrer Werkstatt

Es kommt ja vielleicht nicht von ungefähr, dass eine Person wie Krishna B. Blake gerade jetzt versucht einen Apple 1 Rechner, den er im Jahr 1978 gekauft hat gewinnbringend auf ebay an den Mann/die Frau/den Nerd mit dem gewissen Kleingeld zu bringen. Apple’s Vormachtstellung als wertvollste Marke der Welt kann dem Ansinnen natürlich ein gewisses Gewicht verleihen. Von dem Apple 1 Rechner, der mit einem Schwarzweißfernseher Sony TV-115 (mit einer Bilddiagonale von 11 Zoll), einem Netzteil und einer Datanetics-Tastatur Version D angeboten wird wurden zu seiner Zeit 200 Stück gebaut. Der Computer wurde von Steve Jobs und Steve Wozniak selbst angefertigt und hatte einen Ladenpreis von 666,66 Dollar. Ein dazu passendes Holzgehäuse stammt von Apples Handelspartner Byte Shop. Der Rechner wird im Apple-I-Register (einer Art Webmuseum des Apple 1 Computers) als Nummer 79 geführt. Laut Wikipedia gibt es noch etwas mehr als 60 Apple I Computer, von denen aber nur noch sechs funktionieren sollen. Die meisten befinden sich im Besitz von Museen. Ob Krishna B. Blake die gewünschten 1,5 Millionen US-Dollar bekommt, ist aber fraglich, wurden andere Modelle der gleichen Bauweise bisher für weit weniger Geld bei diversen Auktionshäusern gehandelt. Den bis dato höchsten Preis erzielte ein Exemplar, das 2014 beim Auktionshaus Bonhams einen Verkaufspreis von 905.000 US-Dollar (inklusive aller Gebühren) lukrierte. Jetziger Eigentümer ist das Henry Ford Museum. Wer das nötige Kleingeld dennoch aufbringt kann sich mit dem Apple 1 wohl ein Stück lebendiger, jüngerer Technologiegeschichte des 20. Jahrhunderts nach Hause holen.

This is truly a first for eBay.  This is a verified fully operational original Apple-1 computer system in excellent condition in its original Byte Shop KOA wood case, with original power supply and Datanetics Version D keyboard.[…]

[…]This is a rare opportunity as there are less than 6 known surviving original Byte Shop KOA wood cases with most in museum collections, with this unit being in the best known condition of any of those cases, also protecting the board from dust and corrosion, over the well protected years in special storage.[…]

aus dem ebay Anzeigentext

Fotos des Apple 1 von Krishna B. Blake, aufmerksam geworden via golem.de.

Naive Kunst im museum gugging

Die Freude ist groß, dass die erste Sonderausstellung im museum gugging in diesem Jahr nun mit dem zweiten Anlauf eröffnen kann. Unter dem Titel „naiv.? naive kunst aus der sammlung infeld“ lotet das museum gugging ab 11. Februar 2021 mit über 120 Werken von 31 Künstler*innen die Grenzen der Naiven Kunst aus und beleuchtet ihre Vielfalt. Gezeigt werden Werke von den 1930er bis in die 2000er-Jahre aus Ex-Jugoslawien, Georgien, Polen, Deutschland, Frankreich und natürlich aus Maria Gugging. Dabei soll die gesamte Bandbreite Naiver Kunst näher durchleuchtet und in Kontext zu anderen Kunstströmungen gesetzt werden. Die Naive Kunst ist dem Kunstbegriff des „Art brut“ sehr nahe, wird jene Kunstform doch mit dem Begriff eines rohen, also ursprünglichen Zustands gleichgesetzt. “Art Brut” steht dabei in Zusammenhang mit Jean Dubuffets kunsttheoretischen Anschauungen und wird bei dieser Schau auch durch Werke von Fritz Opitz vertreten sein.

Die herausragenden Leihgaben der nun startenden Schau „naiv.? naive kunst aus der sammlung infeld“ stammen alle aus der zentralen österreichischen Kunstsammlung des Musiksaitenherstellers Peter Infeld, dessen Kunstsammlung über 12.000 Werke beinhaltet und eigentlich im Jagdhaus des Schlosses Halbturn (Burgenland) untergebracht ist. Nach dessen Tod im Jahr 2009 übernahm dessen Frau, Zdenka Infeld die Aufgabe, die seit den 1960er Jahren zusammengetragenen Kunstwerke zu verwalten. Die nun gezeigte Ausstellung wurde von Sammlungsleiterin Yordanka Weiss und Johann Feilacher, dem künstlerischen Leiter des museum gugging, kuratiert.

Ausstellungsansicht “naiv.? naive kunst aus der sammlung infeld” – Slavko Stolnik, Ivan Večenaj-Tišlarov Foto: Ludwig Schedl

Auch wenn ab heute in Österreich Museen wieder öffnen dürfen ist die Möglichkeit eine digitale Schau zu “besuchen” verlockend, vor allem wenn man sich nicht in der (physischen) Nähe des Museums befindet. Die Schau “naiv.? naive kunst aus der sammlung infeld” wird deshalb bei Eröffnung und am ersten Tag der regulären Ausstellung auch virtuell erfahrbar sein. Mittels Anmeldung via E-Mail an museum[at]museumgugging.at ist es möglich, die Ausstellung am 11.02. von 10 – 17 Uhr gratis via Livestream-Rundgang mitzuverfolgen. Die Ausstellung läuft dann bis 5. September 2021 regulär im Austellungsbetrieb des museum gugging.

Kreisky ‘Atlantis’ – Album Review

Kreisky sind: Franz Adrian Wenzl: Stimme, Orgel, Synthesizer. Martin Max Offenhuber: Gitarre, Saz, Chor. Helmuth Brossmann: Bass, Gitarre, Chor. Klaus Mitter: Schlagzeug, Percussion.

Kreisky erzählen auf ihrem neuen Album “Atlantis” kleine Kurzgeschichten, die von ihrem Frontmann Franz Adrian Wenzl mal trocken mal leidenschaftlich rezitiert werden. Kreisky nehmen Anleihe am Alltäglichen, Banalen und heben es in erzählerische Weise auf ein neues Niveau wo sich das Böse und das Blöde, das Kluge und das Kitschige (wie im echten Leben!) stets sehr nah sind. Diese Überschneidungen werden auch musikalisch ins rechte Licht gerückt. „Atlantis“ ist die bis dato musikalisch wie textlich ausgefeilteste und vielseitigste Platte dieser österreichischen Band. Mal krautig, mal rockig brechen die Gitarren und das Schlagzeug über einen herein. Die “Großmeister des Grant” haben sich im deutschen Sprachraum eine feste Fangemeinde aufgebaut. Auch auf ‘Atlantis’ werden weder Hamburger Schule- noch Austropop- Schubladen im klassischen Sinn bedient. Zu schräg scheint der Soundkosmos dieser sich der skurrilen Poesie verschriebenen Band zu sein. Selbst, wenn man konzentriert zuhört, fragt man sich beim ersten Mal Hören des Albums mitunter, wo man da eigentlich gerade hineingeraten ist. Ein Poolbesitzer diagonstiziert dem Nachbarsjungen gleichmal “ADHS”. In der heimlichen Schmachthymne “Kilometerweit Weizen” wird schlußendlich ein Außerirdischer verprügelt.

In “Ein Fall fürs Jugendamt” klärt der Vater seinen Sohn gleichsam darüber auf, dass er es im Leben zu nichts bringen wird. So ehrlich muss der Vater leider sein. Der krautrockigste Track “Meine Zunge ist leer” wird von Wenzel’s Suche nach der Sprache im echohaften Raum auf eine 6 Minuten Nummer hochgesteigert. Noch auf keinem anderen Kreisky Album harmoniert das an tragischen Geschichten nicht arme Album besser mit der Musik der 4 köpfigen Band. Dafür zeigte sich auch der Ex-Bassist Gregor Tischberger als Co-Produzent und mehr als taugliches fünftes Rad am Wagen mitverantwortlich. Im letzten Lied “Wenn einer sagt” kann man auf die skurrile poetische Welt Kreisky’s auf das Banale anstoßen denn das Album endet ungewöhnlich stimmig und versöhnlich, erzählt von einer Welt in der der eigene Dreck schließlich nur einem gehört. Einem selbst. Dafür gibt’s eine dreckige Bewertung von 4/5 Sternen. ★★★★☆ Hörenswert. Am 13. 4. 2021 ist Kreisky (so es durch Covid 19 möglich ist) im Dom im Berg in Graz live zu erleben. Weitere Live Termine: 18.3. Dornbirn Spielboden | 19.3. Salzburg ARGE | 20.3. Linz Posthof | 14.4. Wien Rabenhof

Melt Downer III – Album Review

Der Sound von Melt Downer kommt so brachial daher, dass das dritte Album der Österreicher sich nicht gerade für den Genuß während des Morgenkaffees eignet, denn Melt Downer’s Klangversum besteht aus einem verdichteten Amalgam von Gitarre, Bass und Schlagzeug und geht dabei keine musikalischen Kompromisse ein. Das Songwriting der Band ist stets nahe am Noise- und Postrock-Krach-Plafond angesiedelt. Mehr Fuzz-Verzerrung geht eigentlich nicht. So sollte das Album “III” doch eher bewußt im Alleingang komsumiert werden, wenn man sich voll und ganz der Musik des Trios widmen kann. Dann erfährt man eine Melt-Show der besonderen Güteklasse. Kaum eine österreichische Band ist dermaßen kompakt und geradlinig im Erstellen ihrer Arrangements und der Output der Band (3 Alben innerhalb von 3 Jahren) spricht für die Effizienz ihrer Arbeitsweise. Aufgenommen wurde das Album in den S.T.R.E.S.S. Studio’s verantwortlich für die Produktion zeigt sich Daniel Husayn.

“Melt Downers allumfassende Noise-Rock-Hyperbel ist angemessen, wenn man bedenkt, wie man mit den unzähligen Ungerechtigkeiten des heutigen Lebens umzugehen hat. […] Melt Downer rippen sich durch 8 Songs, klingen dabei kompromisslos wild und drängen ihre 3 Instrumente weit hinaus, auf einen herzergreifenden Trip zurück zum 80er-Punk, aber mit einem konstanten, wenn auch abrupten Schlag gegen den Hinterkopf, der Vergangenes loszulassen vermag.”

Rock is Hell

Schon der Opener des Albums, ‘Piece’ setzt sich als Ohrwurmkracher fest und steht für den Sound von Wolfgang Möstl, Mario Zangl (Mile Me Deaf, Killed by 9V Batteries) and Florian Giessauf. Die Single ‘Gross White’ räumt mit patriarchalen Denkweisen auf, auch wenn Melt Downer ebenfalls nur aus krachmachenden männlichen Bandmitgliedern besteht, ist ihnen eine kritische Denkweise gegenüber dem Patriarchat nicht fremd, eine Tendenz die sich schon durch ihre ersten beiden Alben zieht.

So gesehen arbeiten sich Melt Downer eigentlich an allen großen weltpolitischen Themen ab. “Earth 2”, ‘Minimal’ und “Gothic Fiction” stehen dem in nichts nach. Systemkritik mit Augenzwinkern. Die letzte Nummer des Albums, “Kind” – in 45er-Geschwindkeit auf der B Seite der LP verewigt – schmiegt sich handzahm an einen an, die Gitarren sind großflächig eingesetzt, noisig kratzt sich das Trio durch die 11 Minuten lange Nummer und diese steht im Kontrast zu den anderen schnelleren Nummern des Albums, welches am 22. Jänner 2021 veröffentlicht wurde.

Wertung: 4/5 Sternen ★★★★☆

Links: Numavi Records | Rock is Hell

shame – ‘drunk tank pink’ Album Review

Shame – eine sehr britische Band

Das zweite Studioalbum der britischen Band ‘shame‘ erweitert das Angebot wütender englischer Punk- und Postpunk Stimmen um die Songtexte von Frontman Charlie Steen. Die Stärken des ersten Albums ‘Songs of Praise’, welches von der Kritik hochgelobt wurde, werden bei ‘drunk tank pink‘ in ein erwachseneres, musikalisches Korsett geschnürt. Nach zwei Jahren des exzessiven Tourens und einer danach einhergehenden kollektiven Erschöpfung der Band inklusiver harter Landung in der Realität auch zu Corona Zeiten liefern shame ihren Beitrag zu Post-Brexit Zeiten, zählen Bands wie Talking Heads und die 80er Jahre Female-Funk-Rock Band ESG zu ihren Vorbildern.

Jeder Song des neuen Albums fühlt sich schlüssig und in sich ruhend an, man befindet sich mit Interpreten wie den Sleaford Mods, den Idles oder Fontaines D.C. die ihre Wut ebenfalls gekonnt in musikalische Stücke gießen im selben Boot. Highlights des Albums wie “Snow Day” und “Human, for a minute” wechseln sich mit Power-UP Punk Juwelen wie “Great Dog” ab. Referenzen an die große britische Punk Zeit sind den Bandmitgliedern von ‘shame’ nicht fremd und doch schreiben sie ihre eigene Geschichte in ‘drunk tank pink’ gekonnt weiter. drunk tank pink ist übrigens die Farbe, jener ganz bestimmte Pinkton, der ab den 60er Jahren in den USA in Strafanstalten und Einrichtungen wegen seiner beruhigenden, gewaltreduzierenden Wirkung eingesetzt wurde. Gewaltig kommen auch die elf Nummern des Albums daher, sind sie doch wahre Rohdiamanten, einzig und allein in ihrer brachialen Zerbrechlichkeit von der Gitarre Sean Coyle Smith’s und Charlie Steens Stimme geschliffen, ohne je das feste Fundament des Post-Punk zu verlassen. Das Album, welches von James Ford (Depeche Mode, Florence and the Machine) produziert wurde, ist am 15. 01. 2021 auf dem Label deadoceans veröffentlicht worden. https://deadoceans.com/

Yorgos Lanthimos Filme wirken in der Nachbetrachtung

Yorgos Lanthimos

Nach einem Film des griechischen Regisseurs braucht man auch meistens eine Pause, wie man sie meist bei einem ausgelesenen Buch einlegt, bevor man mit dem nächsten beginnt. Denn Lanthimos hebt das eigene Niveau der persönlichen Bewegtbildbetrachtung. Seine Filme sind oft mit einem doppelbödigen schwarzen Humor ausgestattet, bei denen einem das Lachen im Hals stecken bleibt oder man einfach wirklich lachen muß, da die Situationen in seinen Filmen so surreal daherkommen und das am laufenden Band. Die hölzernen Dialoge im Stil einer griechischen Tragödie aufgesagt und die statisch wirkenden Darstellerdarbietungen unterstreichen die Wucht der Ohnmacht mit denen Lanthimos seine Figuren in seinen Geschichten aufeinander prallen läßt. In seinen Filmen erwartet man praktisch immer eine weitere Deutungsebene, die man entdecken kann. Wenn man Filme von Yorgos Lanthimos sieht, dann möchte man danach kaum noch Filme, die nach klassischem Muster gedreht werden, anschauen. Denn bietet ein Film / eine Serie jene nicht ist man schnell von einem gewöhnlichen Plot gelangweilt. Oft mit Vorbildern aus der griechischen Mythologie behaftet, hinterlassen Filme wie “The Lobster” oder “The Killing of a sacred deer” den Zuschauer anfangs über das tragenden Motiv des Films im Dunkeln. Im Nachhinein betrachtet macht man jene Erfahrung, dass sich die Welt nicht so einfach in schwarz und weiß einteilen läßt, sondern es die Graubereiche sind, die Lanthimos in seinen Filmen Schicht für Schicht zum Vorschein bringt.

Während “The Lobster” als eine bitterböse Satire einer durch und durch verpartnerten Welt in der Zukunft angesehen werden kann, wo Singles innerhalb von 40 Tagen einen neuen Partner/eine neue Partnerin finden müssen, da sie ansonsten in ein Tier ihrer Wahl verwandelt werden, dreht sich in Lanthimos fünftem Spielfilm “The killing of a sacred deer” alles um die Frage von Schuld, mit der die Hautpfiguren des Films lernen müssen umzugehen, denn die Tragödie ist unumgänglich mit der Konsequenz des Handelns verbunden. Colin Farrell spielt einen Herzchirurgen, der aufgrund eines Behandlungsfehlers immer weiter mit seinem eigenen Unvermögen, die Menschen die er liebt zu schützen konfrontiert wird.

Szene in “The Killing of a sacred Deer”

Lanthimos, der in Athen geboren wurde lernte an der Stavrakos Film School das Regiehandwerk. In den 1990ern war er Regisseur bei verschiedenen Videos für griechische Tanztheater sowie für Werbefilme, Musikvideos und experimentelle Theaterstücke. Seine ersten drei Spielfilme “Kinetta”, “Dogtooth” und Alpis” wurden von der Kritik positiv aufgenommen, mit seinem ersten englischsprachigen Film “The Lobster” gelang ihm auch der internationale Durchbruch. “The killing of a sacred deer” und “The Favourite”, der die Zustände auf dem englischen Hof zur Zeit Königin Anne’s im 18. Jahrhundert porträtiert, untermalen das filmische Talent eines Regisseurs, der auch gern einmal für bekannte Modehäuser hinter der Fotokamera steht und Serien für Gucci oder der griechischen Vogue abliefert. Homepage von Yorgos Lanthimos

Hachiku – I’ll probably be asleep

Dreampop, das Musikgenre wird oft mit oberflächlichem Songwriting in Verbindung gebracht. Dass Dreampop aber mehr ist als ein Genre, dessen scheinbare Oberflächlichkeit oft Programm ist, beweißt Hichaku aka Anika Ostendorf mit ihrem 2020er Debutalbum “I’ll probably be asleep” auf Milk! Records.

Das acht Nummern umfassende Album ergründet eine musikalische Suche nach Verbundenheit mit Menschen und Dingen während eine materielle Welt auf den Wunsch trifft, sich dieser durch einer fiktiven Suche nach Zugehörigkeit und Selbstbestimmung Stück für Stück zu entziehen. Davon erzählen Titel wie “You probably think this song is about you” oder “A portrait of the artist as a young woman”. Das Debütalbum erzählt eine Coming of Age Geschichte einer jungen KünstlerInnen dessen Leben irgendwo zwischen den Stühlen stattfand, war Ostendorf mit ihren jungen 25 Jahren schon überall und nirgendwo.

Die vielgereiste Protagonistin Ostendorf spannt dabei den verträumten Bogen ihrer Musik mithilfe von Gitarre und Drumcomputer und schmückt ihre Songs mit vielschichtigen Arrangements Marke Indiependent aus. Die Verbundenheit zur Musik begann für Ostendorf aber schon im zarten Alter von 7 Jahren. Gründete sie doch ihre erste Band “Tutti Frutti” und schrieb eigene Songtexte. Die Nummer “Shark Attack” auf dem aktuellen Album erzählt über die Lücke die der Tod ihres Hundes “Lexus” hinterließ als Anika Ostendorf 14 Jahre alt war.

As a 14-year-old teenager, Lexus was a placeholder for other personal relationships I was probably missing in my life – a best friend that provided me with companionship, unconditional love, comfort and an ally when you think the rest of the world is ganging up on you.

Anika Ostendorf ist in Michigan zur Welt gekommen, hat große Teile ihre Kindheit in der Nähe von Köln verbracht, pendelte zwischendurch zwischen Deutschland, England und Amerika und lebt nun in Australien wo sie durch ein Praktikum bei dem Label Milk! Records mit der dortigen Indiependent Musikszene in Berührung kam. Das Album “I’ll probably be asleep” wurde am 13. November 2020 veröffentlicht.