Yorgos Lanthimos Filme wirken in der Nachbetrachtung

Yorgos Lanthimos

Nach einem Film des griechischen Regisseurs braucht man auch meistens eine Pause, wie man sie meist bei einem ausgelesenen Buch einlegt, bevor man mit dem nächsten beginnt. Denn Lanthimos hebt das eigene Niveau der persönlichen Bewegtbildbetrachtung. Seine Filme sind oft mit einem doppelbödigen schwarzen Humor ausgestattet, bei denen einem das Lachen im Hals stecken bleibt oder man einfach wirklich lachen muß, da die Situationen in seinen Filmen so surreal daherkommen und das am laufenden Band. Die hölzernen Dialoge im Stil einer griechischen Tragödie aufgesagt und die statisch wirkenden Darstellerdarbietungen unterstreichen die Wucht der Ohnmacht mit denen Lanthimos seine Figuren in seinen Geschichten aufeinander prallen läßt. In seinen Filmen erwartet man praktisch immer eine weitere Deutungsebene, die man entdecken kann. Wenn man Filme von Yorgos Lanthimos sieht, dann möchte man danach kaum noch Filme, die nach klassischem Muster gedreht werden, anschauen. Denn bietet ein Film / eine Serie jene nicht ist man schnell von einem gewöhnlichen Plot gelangweilt. Oft mit Vorbildern aus der griechischen Mythologie behaftet, hinterlassen Filme wie “The Lobster” oder “The Killing of a sacred deer” den Zuschauer anfangs über das tragenden Motiv des Films im Dunkeln. Im Nachhinein betrachtet macht man jene Erfahrung, dass sich die Welt nicht so einfach in schwarz und weiß einteilen läßt, sondern es die Graubereiche sind, die Lanthimos in seinen Filmen Schicht für Schicht zum Vorschein bringt.

Während “The Lobster” als eine bitterböse Satire einer durch und durch verpartnerten Welt in der Zukunft angesehen werden kann, wo Singles innerhalb von 40 Tagen einen neuen Partner/eine neue Partnerin finden müssen, da sie ansonsten in ein Tier ihrer Wahl verwandelt werden, dreht sich in Lanthimos fünftem Spielfilm “The killing of a sacred deer” alles um die Frage von Schuld, mit der die Hautpfiguren des Films lernen müssen umzugehen, denn die Tragödie ist unumgänglich mit der Konsequenz des Handelns verbunden. Colin Farrell spielt einen Herzchirurgen, der aufgrund eines Behandlungsfehlers immer weiter mit seinem eigenen Unvermögen, die Menschen die er liebt zu schützen konfrontiert wird.

Szene in “The Killing of a sacred Deer”

Lanthimos, der in Athen geboren wurde lernte an der Stavrakos Film School das Regiehandwerk. In den 1990ern war er Regisseur bei verschiedenen Videos für griechische Tanztheater sowie für Werbefilme, Musikvideos und experimentelle Theaterstücke. Seine ersten drei Spielfilme “Kinetta”, “Dogtooth” und Alpis” wurden von der Kritik positiv aufgenommen, mit seinem ersten englischsprachigen Film “The Lobster” gelang ihm auch der internationale Durchbruch. “The killing of a sacred deer” und “The Favourite”, der die Zustände auf dem englischen Hof zur Zeit Königin Anne’s im 18. Jahrhundert porträtiert, untermalen das filmische Talent eines Regisseurs, der auch gern einmal für bekannte Modehäuser hinter der Fotokamera steht und Serien für Gucci oder der griechischen Vogue abliefert. Homepage von Yorgos Lanthimos

Hachiku – I’ll probably be asleep

Dreampop, das Musikgenre wird oft mit oberflächlichem Songwriting in Verbindung gebracht. Dass Dreampop aber mehr ist als ein Genre, dessen scheinbare Oberflächlichkeit oft Programm ist, beweißt Hichaku aka Anika Ostendorf mit ihrem 2020er Debutalbum “I’ll probably be asleep” auf Milk! Records.

Das acht Nummern umfassende Album ergründet eine musikalische Suche nach Verbundenheit mit Menschen und Dingen während eine materielle Welt auf den Wunsch trifft, sich dieser durch einer fiktiven Suche nach Zugehörigkeit und Selbstbestimmung Stück für Stück zu entziehen. Davon erzählen Titel wie “You probably think this song is about you” oder “A portrait of the artist as a young woman”. Das Debütalbum erzählt eine Coming of Age Geschichte einer jungen KünstlerInnen dessen Leben irgendwo zwischen den Stühlen stattfand, war Ostendorf mit ihren jungen 25 Jahren schon überall und nirgendwo.

Die vielgereiste Protagonistin Ostendorf spannt dabei den verträumten Bogen ihrer Musik mithilfe von Gitarre und Drumcomputer und schmückt ihre Songs mit vielschichtigen Arrangements Marke Indiependent aus. Die Verbundenheit zur Musik begann für Ostendorf aber schon im zarten Alter von 7 Jahren. Gründete sie doch ihre erste Band “Tutti Frutti” und schrieb eigene Songtexte. Die Nummer “Shark Attack” auf dem aktuellen Album erzählt über die Lücke die der Tod ihres Hundes “Lexus” hinterließ als Anika Ostendorf 14 Jahre alt war.

As a 14-year-old teenager, Lexus was a placeholder for other personal relationships I was probably missing in my life – a best friend that provided me with companionship, unconditional love, comfort and an ally when you think the rest of the world is ganging up on you.

Anika Ostendorf ist in Michigan zur Welt gekommen, hat große Teile ihre Kindheit in der Nähe von Köln verbracht, pendelte zwischendurch zwischen Deutschland, England und Amerika und lebt nun in Australien wo sie durch ein Praktikum bei dem Label Milk! Records mit der dortigen Indiependent Musikszene in Berührung kam. Das Album “I’ll probably be asleep” wurde am 13. November 2020 veröffentlicht.

Midihub von Blokas Labs

Midi, der Standard zur Übertragung musikalischer Steuerinformationen zwischen elektronischen Instrumenten besteht mittlerweile seit dem Jahr 1982 und wurde von Dave Smith in Kooperation mit Ikutaro Kakehashi von der Roland Corporation entwickelt. Der Musikübertragungsstandard ist vor allem (elektronischen) MusikerInnen durch seinen charakteristischen fünfpoligen DIN-Buchsen-Stecker ein Begriff. Mididaten werden vor allem zur Synchronisation von verschiedenen Musikinstrumenten wie Drumcomputern und Synthesizern verwendet und sind aus einem zeitgemäßen Musiksetup nicht mehr wegzudenken. Dass man mit dem MIDI Standard aber auch mehr bewerkstelligen kann als bloße Synchronisation zeigen einen ja mitunter die in verschiedenen DAWs zu Verfügung stehenden Midi-Effekte, die in die jeweilige Effektkette einer Audio- bzw. Midispur eingebettet werden können.

Das Litauische StartUp Blokas Labs (Blokas.io) hat diese speziellen Funktionen nun in eine kompakte Midithru-Box gepackt und zur Serienreife gebracht. Für einen Ladenpreis von umgerechnet 164,- Euro ermöglicht das Midihub damit neben der Übertragung von Mididaten auch die Bearbeitung der Effektkette mithilfe sogenannter Pipes, die in einem Editor am Computer bearbeitet werden können.

Der Midihub Editor

“Eingehende oktavierte MIDI-Signale splitten, um zwei Synthesizer anzusteuern, aus einfachen Noten volle Akkorde zaubern, gewisse Daten filtern oder MIDI-Daten hinsichtlich Velocity, Channel und Notenwert remappen, das alles geht mit dem Blokas Midihub. Alle Einstellungen lassen sich im Gerät speichern, so dass man den Midihub neben dem Einsatz im Studio auch live einsetzen kann.”

www.amazona.de

Nach der Bearbeitung werden die Daten in der Box gespeichert. Damit kann das Gerät im “Standalone” auch ohne Anschluss am Computer in Betrieb genommen werden. Dies ermöglicht die Anwendung vor allem in sogenannten DAWless Setup’s, wo Instrumente ohne Computerunterstützung betrieben werden. Das Midihub mit seinen 4 Ein- und Ausgängen ermöglicht somit komplexere Ansteuerungen von midifähigen Geräten und hebt den schon etwas in die Jahre gekommenen Midi-Standard und den Austausch von Steuerungsdaten auf ein neues Niveau.

technische Daten:

ParameterValue
Input/Output Connectors8 x DIN-5 Female Sockets & USB-B Port
MIDI Loopback LatencyLess than 1.5ms
Activity LEDs4 x MIDI Input, 4 x MIDI Output & 1 x Status
Storage8 Presets
Other Input1 x The Button
ParameterValue
EnclosurePowder-Coated 1mm Steel
PowerBus-Powered – Computer or 5V USB Power Supply
Current Draw50mA @ 5.1VDC
CableUSB-B 1m Cable Included
Dimensions75mm x 108mm x 36mm
Weight285g

Shared Particles – AK/DK’s drittes Studioalbum

Das Drum & Synth Duo AK/DK veröffentlichen nun ihr -bereits im Jahr 2019 aufgenommenes- drittes Studioalbum”Shared Particles”. Die Mischung aus Post-Punk Elementen mit gefiltertem Gesang und das Schlagzeugspiel vermischen sich zu einem vielschichtigen Klangteppich und so reiht sich das Album nahtlos in die Riege des treibenden Selbstverständnisses von englischen Post Punk Bands wie ‘Fat White Family’, ‘W.H. Lung’ oder den ‘Snapped Ankles’ ein. AK/DK formen ihren Sound aus modularen Synthesizer-Setups, steuern jene durch selbstgebastelte Effektpedale und Ed Chivers und Graham Sowerby dreschen auch ordentlich in das jeweilige Drumkit. Die aus Brighton (England) stammende Formation findet die Inspiration ihrer Sounds in Bands wie den Elektronik-Pionieren Kraftwerk oder Krautrock Formationen wie Can.

Shared Particles – der titelgebende Track wurde schon im Juni 2020 veröffentlicht

Kompromisslos wird “Shared Particles” von den beiden Musikern auch zu Ende gedacht. 2x Synths / 2x Drums heißt die Devise. Kein Song läßt auf dem Album wirklich aus, vielmehr verdichten die beiden die Möglichkeiten ihres zwei Personen-Setups und greifen dabei tief in die Trickkiste und spielen gekonnt mit Elementen verschiedenster Genres ohne wie aus der Konserve hervorgeholt zu klingen. Ein wenig klingt AK/DK wie ein auf Steroiden hängen gebliebener Jean-Michel Jarre, dessen Studio-Schlagzeuger auch einfach mal in einer Session ohne Kompromisse drauflos drischt. Oder wie Mark Mothersbaugh’s Band Devo zu ihrer besten Zeit.

If thumping, new wave, club-oriented music if your bag then look no further than AK/DK’s third record ‘Shared Particles’. This album looks to be full of arpeggiated synths and pummelling acoustic drums. Titular lead single ‘Shared Particles’ is a proper banger, too. Norman Records

Die Arrangements der Songs steuern zwar auf keine klar auszumachenden Höhepunkte hinaus, bangende Kopfbewegungen sind dennoch und gerade deshalb erwünschte Nebeneffekte beim Hören ihres dritten Studioalbums. ‘Shared Particles’ ist am 27. November bei dem Label ‘Little Miss Echo‘ erschienen. Eine limitierte colored-Vinyl Ausgabe des Albums ist bereits vergriffen. Link: AK/DK auf Bandcamp

Bewertung : ★★★★☆ – 4 von 5 Sternen

Raspberry Pi 400 – Desktopversion des berühmten Mini-Computers

Bei der Markteinführung des Raspberry Pi im Jahr 2012 war der Erfolg des Mini Computers damals für die Entwickler aus dem Umfeld der Cambridge Universität überhaupt nicht absehbar. Man wollte einfach einen Einplatinen-Rechner anbieten, um den StudentInnenschwund im Informatikstudium entgegenzuwirken. Geworden ist es ein Gerät, dass viele Menschen zum Basteln an Code und Peripherie ermutigte und so entstand eine weltweite Community, deren Basteleien und Projektideen überall im Netz zu finden sind. Mit 36 Millionen verkauften Einheiten (Stand 2020) ist die Geschichte des Raspberry Pi und der Raspberry Pi Foundation eine wahre Erfolgsgeschichte. Mit dem Raspberry Pi 400 wurde das aktuelle Modell, der Raspberry Pi 4, in ein Tastaturgehäuse eingebaut und so ein Mini-Desktop Computer der alten Schule entworfen, der von seiner Bauart an Zeiten von Amiga 500 und Comodore C64 erinnert.

Mit einem Preis von ca. 70,- Euro für das Peripheriegerät mit Prozessor entstehen neue Anwendungsmöglichkeiten, auch wenn die Idee der ‘Maker’-Platine dabei etwas in den Hintergrund rückt. Anwendungsgebiete könnten Schule und interessierte SchülerInnen sein, muss schlussendlich doch nur ein Monitor angeschlossen werden um zu arbeiten. Mit dem erweiterten Raspberry Pi 400 KIT bekommt man neben einer schicken rot-weißen Maus eine Speicherkarte mit vorinstalliertem Betriebssystem (NOOBS), ein HDMI Kabel sowie ein offizielles Raspberry Pi-Handbuch für Anfänger (in englischer Sprache). Das RP-KIT mit deutschem Tastaturlayout und EU-Netzteil kann bereits jetzt bestellt werden, wird aber frühestens ab Mitte Dezember ausgeliefert. Der Ladenpreis liegt bei ca. 105,- Euro.

Für manche Bastler und dem harten Kern der Raspberry Pi Gemeinschaft stellt die Tastaturversion vielleicht keine wirkliche nutzbare Option dar. Auch die Leistung des Raspberry kann mit anderen Desktoprechnern, die gebraucht auch schon um 150,- Euro zu haben sind, nicht wirklich mithalten. Um grundlegende Programmierkenntnisse zu erlangen, einfache Schreibarbeiten zu erledigen (Libre Office ist beim OS mit-installiert) oder im Internet zu surfen reicht der Raspberry Pi 400 mit seinen 4 Gbyte RAM aber aus und mit dem günstigen Preis wird sich zeigen wohin die weitere Reise gehen wird.

technische Daten Raspberry Pi 400:

ProzessorBroadcom BCM2711 quad-core Cortex-A72 (ARM v8) 64-bit SoC @ 1,8 GHz
RAM4 GB LPDDR4-3200
KonnektivitätDual-band (2.4 GHz und 5.0 GHz) IEEE 802.11b/g/n/ac wireless LAN
Bluetooth 5.0, BLE
Gigabit Ethernet
2 × USB 3.0 und 1 × USB 2.0
GPIOHorizontaler 40-Pin GPIO-Header
Video & Sound2 × micro HDMI-Eingänge (bis zu 4Kp60)
MultimediaH.265 (4Kp60 Dekodierung)
H.264 (1080p60 Dekodierung, 1080p30 Enkodierung)
OpenGL ES 3.0 Grafik
SD-KarteMicroSD-Kartenslot für Betriebssystem und Datenspeicher
TastaturTastatur mit deutschem Layout (QWERTZ)
Stromversorgung5 V DC via USB
Betriebstemperatur0°C bis +40°C
Abmessungen (max.)286 × 122 × 23 mm

Michael Kiwanuka: Tiny Desk (Home) Konzert

Michael Kiwanuka greift hier bei einem NPR-Tiny-Desk Konzert zur Gitarre und spielt eine Nummer auch auf einem Wurlitzer Elektro Piano, welches für seinen warmen, weichen Klang bekannt ist. Aus einer Wohnung in London spielt Kiwanuka, dessen Eltern aus Uganda stammen, fünf Nummern seiner beiden Alben “Love & Hate” und “Kiwanuka”. Die ruhige Ausstrahlung des 33 jährigen Soul Musikers und sein Songwriting Talent kommen bei dem Video stark zur Geltung. Vor allem die Akkustik Version von “Cold Little Heart” (Minute 13:20) überzeugt. Sein für dieses Jahr angesetztes Konzert in Wien wurde auf 2021 verschoben.

Set Liste:

  1. “Light”
  2. “Hard To Say Goodbye”
  3. “Hero”
  4. “Cold Little Heart”
  5. “Solid Ground”

Die fast 300.000 Aufrufe auf Youtube lassen die Schlußfolgerung zu, dass Michael Kiwanuka mit seiner Musik bereits eine große, breit gestreute und alle Altersklassen umfassende Fan-Base hat. Das 22 minütige Video versüßt etwas die Wartezeit auf mein Konzert-Highlight (sofern es stattfinden kann) des Jahres 2021.

Kruder & Dorfmeister – 1995 | Ein Album kommt 25 Jahre zu spät.

Als das Abhängen auf dem eigenen Sofa einem politischen Statement gleichkam, als das Nichts-Tun und Nichts Wollen, das Gehen lassen von jugendlichem Charme umgeben war und quasi eine Gegenströmung zum immer Können immer Wollen Techno-Jahrzehnt darstellte, dann war der Sound von Kruder & Dorfmeister in den 90ern zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Man befand sich quasi in lethargischem Geisteszustand immer um 5 Uhr früh am Wiener Donaukanal, auf einer Chillout-Wiese oder im eigenen Zuhause. Downtempo, die Entschleunigung des Musikbusiness, der Soundtrack der unzähligen Afterhourstunden begleitete einen damals, die Brutstätte des Sounds, die Musikweltstadt Wien lag zwar nicht danieder und war in den 90ern auch nicht so “herrlich hin-hin-hin” wie es Falco schon besungen hatte.

Das “gemütliche Dahinwurschteln” war aber unweigerlich zum neuen Lifestyle erkoren worden und infizierte von Wien aus die gesamte globale Musikwelt. Die Herren Kruder und Dorfmeister waren mittendrin. Nach dem 1998 veröffentlichten K&D Sessions DJ Mix Album, waren es Remix-Arbeiten für Popstars vom Format Madonna’s oder Depeche Mode’s (ein Remix für David Bowie wurde nicht realisiert) Der/die DJ und RemixerIn avancierte zum Star hinter den Turntables, auch wenn er nur ca. 12% der lukrierten Einnahmen eines Tracks von Plattenlabel und Vertrieb zugesichert bekam, war die Kunstform des Remix in den 90ern zum popkulturellen Aushängeschild einer -die Nacht zum Tag- machenden Jugend geworden. Raven war gestern, gemütliches Schunkeln wurde en vogue deren Protagonisten hinter den Turntables hießen damals eben auch Peter Kruder und Richard Dorfmeister, ein Frisör und ein Musikstudent wurden zum musikalischen Gegengewicht von Techno und dessen Motto Immer weiter, immer schneller.

1995 – 14 Nummern die wirken wie aus der Zeit gefallen

Dem aktuellen Album ‘1995’ fehlt aber vor allem dieser zeitgeschichtliche Kontext, da es zu einer Zeit entstanden ist, als man noch einen Bezug zu damaligen musikalischen Strömungen hatte herstellen können. Bands wie Massive Attack, Portishead oder Tricky, die Stadt Bristol im Gesamten gaben zeitgleich ihr musikalisches Statement ab. Aber im Gegensatz zu Künstlern wie Tricky, dessen aktuelle Veröffentlichungen noch immer frisch und einfühlsam klingen, so rauscht bei ‘1995’ der Kontext-Zug gänzlich an einem vorbei da die 14 Nummern zu sehr aus der Zeit gefallen wirken. Auch wenn die beiden Wiener in Interviews betonen, hier lediglich eine Veröffentlichung aus dem Jahr 1995, ihr erstes wirkliches Studioalbum veröffentlicht zu haben scheint den Tracks die wurschtelnde Seele abhanden gekommen zu sein. Falls man aber schon damals K&D Fan war, sich deshalb vielleicht auch beim Mobilfunkanbieter ‘One’ einen Handyvertrag holte, da man ihren Werbe-Jingle mit K&D in Verbindung brachte, dann ist man vielleicht auch heute noch vom Sound des Albums angetan und schwelgt in eigenen Erinnerungen an jene Zeit. Für alle anderen und der jüngeren Generation wirkt das Album wahrscheinlich eher wie eine Anordnung verschiedener mitgeschnittener Studio-Jam-Sessions, deren Grundgerüst meist auf einem einfach gehaltenen durchgängigen Beat aufbauen. Zu lasch ist der Sound, zuwenig oft die Energie vorhanden bei jedem Soundschnipsel an die Verzahnung mit den 90er Jahren und dessen Lebensgefühl vieler junger Leute zu denken. Auch fehlt heutzutage, im Jahr 2020, die dazugehörige Szene die den kometenhaften Aufstieg von K&D erst möglich machte.

1995 – Album Cover

Denkt man an die Wiener Clique und dem gemütlichen dahinwurschteln, der Verzahnung von dem jungen Alternative-Radiosender FM4 (für dessen Bestehen wir von deutschsprachigen Nachbarländern beneidet wurden) mit der Clubszene von damals, dann fallen Namen wie Sugar Bee, Gümix, Makossa oder der viel zu früh verstorbene FM4 Moderator und DJ Werner Geier aka ‘Demon Flowers’, dessen Label Uptight Records für die Wiener Hiphop & Triphop-Szene vielleicht genauso wichtig war wie das G-Stone Label. Kruder und Dorfmeister wollen einem ein Album, welches 25 Jahre nach seiner Entstehung veröffentlicht wird nicht als den Neuen-heißen-Scheiß verkaufen, dennoch hätte etwas musikalisches Bemühen und der eine oder andere neue Track dem Album eine erfrischende Note verliehen und gut getan. So ist das Album ein Stück Zeitgeschichte aus einem Jahrzehnt, welches der Schreiber dieser Zeilen auch erlebt hat und mitunter entstehen im Gehirn synaptische Verbindungen mit dem Lebensgefühl von damals, viele neue enthusiastische Fans werden K&D mit ‘1995’ nicht gewinnen können, zu formal wirkt der Akt dieser Veröffentlichung nach 25 Jahren von Tracks die auf einem DAT-Tape verborgen im Schrank ihr dasein fristen mußten und so läßt einen das Soundgewand der 14 Tracks leider eher unberührt zurück. ‘1995’ ist am 13.11. 2020 auf dem hauseigenen Label G-Stone veröffentlicht worden.

Soundtrack Deutschland – deutscher Pop im Scheinwerferlicht

Die FAZ-Redakteure Oliver Georgi und Martin Benninghoff sind eigentlich Politikjournalisten. Trotzdem und gerade auch deshalb, da beide leidenschaftliche Hobbymusiker sind, haben sie nun versucht der deutschen Seele in der Popmusik nachzustellen. In ihrem Buch “Soundtrack Deutschland – Wie Musik made in Germany unser Land prägt” führen die beiden Autoren 23 Interviews mit deutschen Pop Größen wie Peter Maffay,  Judith Holofernes, Trettmann,  Marius Müller-Westernhagen, Smudo und Michi Beck (Fantastische 4), Sven Väth, Adel Tawil und anderen.

Martin Benninghoff und Oliver Georgi

Dafür reisten sie ein ein Jahr quer durch Deutschland und wurden überrascht wie selbstreflektiert auch Musiker wie der eigentlich für seine Schlagermusik bekannte Heino sein können. Judith Holofernes spricht über die weiterhin vorhandenen patriarchalen Strukturen im Musikbusiness, Sven Väth nimmt Stellung zum Thema ob Techno in Deutschland jemals eine revolutionäre DNA in sich getragen hat und inwieweit junge elektronische Musiker sich in ihrem Werk davon beinflußt sehen. Vielleicht hat man nicht mit jedem der 23 MusikerInnen eine musikalische Verbindung oder hört deren Musik, über Geschmack läßt sich ja bekanntlich streiten. Die Musik spiegelt vor allem wider, wie eine Gesellschaft mit großen Themen wie Heimat, Wiedervereinigung, Fremdenhass oder Emanzipation umgeht und umgegangen ist. Da jene Themen in Form von Pop-Songs von den KünstlerInnen verarbeitet wurden versuchen die Autoren des Buches in Form von Interviews einer deutschen Idee von Pop nachzuspüren.

Von Schlager bis Punk, Neuer Deutsche Welle bis Dancemusik, Hiphop bis Metal: Die deutsche Musiklandschaft war vielleicht noch nie so vielfältig wie heute. Und ob Heino oder Felix Jaehn, Adel Tawil oder Judith Holofernes, Trettmann oder die Fantastischen Vier: Diese Künstlerinnen und Künstler haben die deutsche Musik geprägt – und bilden so den “Soundtrack” des Landes.

aus dem Klappentext des Buches

Mit seinen Interviews richtet das Buch den Fokus auf ein Stück Zeitgeschichte deutschsprachiger Populärkultur. Es ist seit 3. November 2020 im Handel erhältlich, die gebundene Ausgabe kostet 36,- Euro. Fotografiert wurden die im Buch abgebildeten KünstlerInnen von Daniel Pilar. Link zum Verlag: https://www.emf-verlag.de/produkt/soundtrack-deutschland/

Noveto – Sound Beamer 1.0

So etwas wie Zukunftsmusik gibt es ja bekanntlich nicht. Aber das Produkt eines israelischen Startups klingt zumindest danach. Vor kurzem wurde der Soundbeamer 1.0 von Noveto öffentlich vorgestellt. Das Gerät, dass im Äußeren einer mittelgroßen Soundbar gleicht und mit einer Kamera ausgestattet ist ermöglicht das Hören direkt am Ohr, ein Kopfhörer wird nicht gebraucht.

Sound Beamer 1.0

Mittels Ultraschallwellen wird die Soundquelle direkt an die Ohren des Hörers geschickt ohne dass die Umgebung etwas davon mitbekommt. Die Kamera erfaßt dabei mittels 3D Sensoren die Kopfbewegungen des Hörers und sendet die Klanginformationen direkt an die Ohren. Der eigenen ‘Soundbubble’ steht nichts im Weg.

Für andere unhörbar, wird der Sound im Umfeld der Ohren erst erfahrbar.

Das sogenannte Sound Beaming ermöglicht Anwendungen für Gamer, die in einer Umgebung mit mehreren Menschen ohne andere zu stören spielen wollen oder bewirkt, dass Informationen eines Navigerätes für Autofahrer nur für sie allein hörbar sind. Videokonferenzen können abgehalten werden auch wenn mehrere Personen im Raum anwesend sind. Andere Soundquellen können aber weiterhin wahrgenommen werden.

“We’re really against the social isolation that headphones cause,” says former Noveto CEO Brian Wallace. (Rolling Stone Magazine)

Bewegt man sich außerhalb des Schallfeldes versiegt auch die Soundquelle, erst wenn man sich wieder in den Radius der 3D Sensoren begibt wird das Audiosignal hörbar. Die Technologie ist mit der Vorstellung des Sound Beamer 1.0 noch nicht marktreif, erste Produkte sollen aber im Dezember 2021 verfügbar sein.

Link: Noveto Systems

Sounds of the Forest – interaktive Karte von Klängen aus dem Wald

Viele Musiker, egal ob aus der Sparte der klassischen Musik oder auch der aktuellen Populärmusik beschäftig(t)en sich thematisch mit dem Wald oder Bäumen und schöpften daraus ihre Inspiration. Manche aktuelle Band hat den “Baum” im Bandnamen wie z.B. Cypress Hill, oder besingen einen Zitronenbaum wie der Welterfolg ‘Lemon Tree’ von Fool’s Garden aus dem Jahr 1995. Zur gleichen Zeit macht die Elektronikformation ‘Coldcut’ mit ihrer Nummer ‘Timber‘ auf die Ausbeutung des Regenwaldes aufmerksam, Radiohead besingen mit ‘Fake Plastic Trees’ aus ihrem Album ‘Bends’ eine künstlich geschaffene Plastik-Bäume-Umgebung, einer aus dem Lot geworfenen Welt.

Die Karte ‘Sounds of the Forest’ lädt zum digitalen Waldbaden rund um den Globus ein.

Mit dem Timber Festival in England gibt es seit 2019 sogar ein Musikfestival, dass sich mit der Beziehung des Menschen mit dem Wald in Form von Vorträgen, Workshops und Live-Acts auseinandersetzt und 2021 von 2. – 4. Juli stattfinden wird. Das Projekt “Sounds of the Forrest” der Initiatoren des Timber Festivals (National Forest Company und Wild Rumpus) lädt dazu ein, mit dem Handy eine 1-minütige Sequenz eines Waldspaziergangs aufzunehmen und auf deren Homepage hochzuladen. Daraus ensteht die interaktive ‘Sounds of the Forest‘ Weltkarte, auf der bereits über 550 Beiträge von Waldklängen aus aller Welt online gestellt wurden. Diese kurzen ‘Einblicke’ in die Soundkulissen der Wälder dieser Welt werden als Fieldrecordings auch KünstlerInnen für das Festival 2021 als Inspiritation und Grundlage für Audioproduktionen dienen. Die interaktive Karte, auf der man nach wie vor selbst Beiträge hochladen kann findet sich auf der Homepage https://timberfestival.org.uk/soundsoftheforest-soundmap/

Bäume und der Wald waren und sind Quelle für Erholung & Entspannung des Geistes und deren Erleben fußt auch auf einem reduzierten Ich-Gefühl welches durch die Besinnung auf sich selbst entsteht, wenn man sich der Soundkulisse, den Gerüchen und dem buchstäblichen ‘im Wald stehen’ hingibt. Nicht umsonst ist Waldbaden in Japan, „Shinrin Yoku“ genannt, eine eigene Form des sich – Hineinbegebens in den Wald – wissenschaftlich belegt gesund und erholsam für Körper und Geist. Vor allem die reduzierte Soundkulisse im Wald läßt uns oft erst richtig innerlich zu Ruhe kommen. Die Soundkarte ‘ Sounds of the Forest‘ ersetzt zwar diese Walderfahrung nicht, aber mit dem einen oder anderen Sound-Snippet kann man der Alltagswelt vielleicht doch eine kurze Zeit lang entkommen. (aufmerksam gemacht worden von Tropone via Twitter.)