Eight Measures

music keeps me alive - musik und popkultur

The Tender Bar – Lebensweisheiten am Tresen

J. R. Moehringer kurz J. R. oder Junior genannt verbringt seine Kindheit / Jugend umgeben von seiner Familie nachdem seine Mutter Dorothy nach finanziellen Schwierigkeiten wieder ins Elternhaus nach Manhasset auf Long Island gezogen ist. Dort betreibt sein Onkel eine Bar namens „The Dickens“. In seinen Memoiren auf dem die Drehbuchvorlage beruht beschreibt J. R. Moehringer die Zeit, die er dort verbracht hat, umgeben von vielen Ersatzvätern, den der eigene Vater, ein Radio-DJ glänzt bis auf kurze Auftritte (im Film) mit Abwesenheit. Dem jungen J. R. Moehringer scheint das aber nichts auszumachen, kennt er seinen Vater eher als Stimme aus dem Radio als aus dem echten Leben. Ein paar Besuche ohne große Annäherung zwischen den beiden ergänzen die Geschichte eines Jungen der im Umfeld seiner Großfamilie aufwächst und in der gemeinsamen Zeit in der Bar seines Onkels mit der Welt im Einklang zu sein scheint.

Seine eigentliche Ersatzvaterfigur wird der ältere Bruder seiner Mutter, Charlie Moehringer, gekonnt verkörpert von Ben Affleck. Ein Onkel, der sich nie mit seinen Lebensweisheiten aufdrängt, aber zur richtigen Zeit mit dem richtigen Spruch zur Stelle ist. Über seinen Onkel entwickelt der junge J. R. Moehringer (dargestellt von Daniel Ranieri) eine Liebe zu Büchern und es reift in ihm der Gedanke heran einmal Schriftsteller zu werden. Doch zuvor studiert er an der Yale Universität und sammelt dort erste Erfahrungen im Erwachsenenalter mit seinen Kommilitonen und dem anderen Geschlecht. George Clooney inszeniert die Geschichte in ruhigem Ton ohne allzugroßer erzählerischer Tiefe aber mit Feingefühl für die Figuren als klassische Coming-of-Age Geschichte, die vor allem durch den durch und durch würdigen Cast mit Leben erfüllt wird. Christopher Lloyd spielt ihren gemeinsamen Vater und seinen Opa. Lily Rabe spielt seine Mutter Dorothy Moehringer. Sein Herz verschüttet der herangewachsene J.R. Moehringer (Tye Sheridan) an Sydney (Brianna Middleton), die aus vornehmen Hause ist und die große Liebe seinerseits aber nicht wirklich erwidert, obwohl sie sich zu ihm hingezogen fühlt. Nach seiner Zeit an der Yale wird er Voluntär bei der New York Times, kann dort aber nicht Fuß fassen, obwohl man von seinen Texten angetan ist. Und immer wieder kehrt er zur Bar seines Onkels zurück, ein durch und durch gelungener Soundtrack umrandet die Geschichte.

„The Tender Bar“ läuft auf Amazon Prime. Die Altersfreigabe von 12 Jahren scheint überzogen, ist der Film doch eine Geschichte für die ganze Familie und kommt bis auf eine Schlüsselszene mit dem Vater ohne Gewaltdarstellung aus.

TOP 10 Alben 2021 – und 3 ehrenvolle Erwähnungen…

Das Jahr 2021 war musikalisch gesehen ein sehr ergiebiges. Die Diversität meiner Liste speist sich auch aus dem Grund, da in vielen Genres gleich mehrere Alben das Prädikat hörenswert verdient hätten, ich aber nur das absolute Lieblingsalbum der Sparte in die Liste mitaufgenommen habe.

Hier nun meine 10 Alben des Jahres 2021:

Idles – CRAWLER

Definitiv eine gehörige Weiterentwicklung zum Vorgängeralbum. „Idles“ definieren immer mehr einen eigenen vitalen vielschichtigen Musikstil, auch wenn das Genre Post Punk für die Band aus Bristol (England) schon ganz gut passt.

Idles – Progress

LOW – Hey What

Auch bei der Band „LOW“ sind Genregrenzen schwer zu ziehen. „Hey What“ ist ein distortionlastiges Gitarrenungetüm, jede Nummer scheint in ihre Einzelteile zerlegt, fügen sich aber in den Soundkosmos der Band deren Name auch gleichzeitig Programm der beiden Mormonen Alan Sparhawk und Mimi Parker aus Duluth, Minnesota ist. Die Band besteht bereits seit 1993 und kann doch auf jedem Album neue Akzente setzen.

Low – Hey

Circuit des Yeux – -io

Haley Fohr aka „Circuit des Yeux“ kann nicht nur auf eine beeindruckende stimmliche Bandbreite zurückgreifen. Auch wenn das Album neben dem Opener „Vanishing“ musikalisch danach eher etwas abflacht ist das kompositorische Talent der Künstlerin aus Chicago, Illinios nicht zu gering einzuschätzen. Das Album erschien am 22. Oktober 2021 bei Matador Records.

Circuit des Yeux – Vanishing

W. H Lung – Vanities

Etwas unter der Wahrnehmungsgrenze zieht das Album der Band aus Manchester (UK) das gesamte Register bezüglich „Tanz dich wütend – werde frei“ Attitüden. „Vanities ist ein sehr seltenes Biest von einem Album: ein Album, das vor Vitalität und der Liebe, dem Versprechen und der Transzendenz gemeinsamer Dancefloor-Erfahrungen nur so strotzt.“ (JPC.de) – Brummende Basslines inklusive.

W. H. Lung – Vanities

CID RIM – Songs of Vienna

Der Wahl-Londoner und gebürtige Wiener Clemens Bacher aka CID RIM ist nicht nur ein hervorragender Schlagzeuger sondern versteht es auch wie kaum ein anderer elektronischer Musiker die hookenden Synthlines seines aktuellen Albums vital und frisch pulsierend zu gestalten ohne über das Ziel hinauszuschießen und zu dick aufzutragen. Minimalismus gewinnt und macht das Album zum zeitgeistlichen Hörgenuß von elektronischer Musik. – A psychedelic ride from the austrian capital.

Cid Rim – Purgatory

Darkside – Spiral

Die letzte Entdeckung meinerseits dieses Jahres. „Acht lange Jahre haben wir nichts mehr von Darkside gehört, die nach ihrem ersten und einzigen Album »Psychic« ein jähes Ende fanden. Nachdem sich die beiden Mitglieder Nicolas Jaar und Dave Harrington in ihren eigenen musikalischen Welten ausgetobt haben, sind sie 2021 endlich wiedervereint und machen Dinge, die sie alleine nie tun würden – auf ihrem neuen Album »Spiral«.“ (JPC.de)

Darkside – Liberty Bell

Dry Cleaning – New Long Leg

Wieder Postpunk, anscheinend eines meiner Lieblingsgenres. Aber man kann sich der Sogwirkung des Spoken-Word Gesangs von Florence Shaw nur schwer entziehen. Das Debütalbum „New Long Leg“ ist bei 4 AD bereits im April diesen Jahres erschienen.

Dry Cleaning – Scratchyard Lanyard

Little Simz – Sometimes I might be introvert

Ist das Hiphop, R’nB, eine Art von Tarantino-Filmmusik oder doch alles gleichzeitig miteinander verwobene in musikalische Größen verpackte afrikanische Kulturgeschichte? „Little Simz nennt ihre Musik selbst »Rap Experimental«. Wie gut dieses Genrebezeichnung passt, zeigt die britische Rapperin, Sängerin und Produzentin mit ihrem neuen Album. Auf »Sometimes I Might Be Introvert« schaut sie 2021 erneut über den Tellerrand der Hip-Hop hinaus und entpuppt sich zudem erneut als großartige Geschichtenerzählerin.“ (JPC.de) – Vielleicht das Album des Jahres, für mich zumindest die Entdeckung des Jahres.

Little Simz- Point and Kill

Mdou Moctar – Afrique Victime

Als der „Van Halen“ West-Afrikas bezeichnet, ist Mdou Moctar schon eine echte Berühmtheit in seiner Heimat. Mit „Afrique Victime“ auf Matador Records veröffentlicht bekam er 2021 auch die Aufmerksamkeit in der westlichen Hemisphäre der Welt. Neben Mdou besteht die Band aus Bassist und Producer Mikey Coltun, Drummer Souleymane Ibrahim und Gitarrist Ahmoudou Madassande. Sie mischen traditionelle Tuareg-Melodien mit E-Gitarrensound zu einer wiederkehrenden hypnotischen Mischung der man sich schwer entziehen kann.

Mdou Moctar – Chismiten

Divide and Disolve – Gas Lit

Divide and Disolve, das Duo um Schlagzeugerin Sylvie Nehill und Gitarristin / Saxophonistin Takiaya Reed ist feministische Ansage und musikalische Reife in sich vereint. Das dritte Studio-Album des Melbourner Doom-Metal-Duos wurde von Ruban Neilson (Unknown Mortal Orchestra) produziert. Gas Lit ist Instrumentalmusik, die sowohl knarzig verstörend als auch schön und von klassischen Elementen durchsetzt ist. Unaufgeregt aber sich reibend zeitgemäß. „Gas Lit“ ist bei Invada Records erschienen. Drone Sound als Abschluß dieser an Genres reichen Liste.

Divide and Dissolve – Denial

ehrenvolle Erwähnungen:

  • Aiko Aiko – Radical Nopinion. Das Wiener Duo verschmelzt zeitgemäße elektronische Musik mit einer Tendenz zu Deep Pop.
  • Tricky – Lonely Guest. Der ungekrönte Meister des schleppenden Beats bugsiert sich mit vielerlei anderer musikalischer Unterstützung wohl zum King of Triphop.
  • The Limiñanas / Laurent Garnier – De Película. Das Psychedelic-Garagen-Duo The Liminanas und der französische Techno-Pionier DJ & Produzent Laurent Garnier haben gemeinsam De Pelicula produziert und das Ergebnis ist weder eine Limiñanas-Techno-Platte noch ein Laurent-Garnier-Rock-Album.

Abschließend ist noch zu erwähnen, das auch der Autor dieser Zeilen sich nach einer Zeit ohne Covid-19 Einschränkungen sehnt und vielleicht kommt es 2022 zu dem einen oder anderen musikalischen Highlight dem man auch Live beiwohnen kann. Mein persönliches ist wohl das hoffentlich stattfindende Doppelkonzert von Michael Kiwanuka und Miss Lauren Hill in Wien.

(Feature-Fotografie von Desi Mendoza on Unsplash)

Aiko Aiko – Radical Nopinion

Aiko Aiko, bestehend aus Nada Aiko und Pascal Holger bezeichnen ihre Musik selbst als eine Art von „Deep Pop“. Für das aktuelle Album haben Sie sich auf einen eher düsteren musikalischen Pfad begeben, ohne die eigene Identität ihrer Musik dabei in Frage zu stellen. Eine Mischung aus Einflüssen von KünstlerInnen wie Björk oder Soap & Skin, sind Aiko Aiko dabei den Klangteppich die ganze Zeit über im sphärisch Unkonkreten zu halten. Dabei entstehen fein austarierte, mitunter mystische Nummern wie „Dans La Forêt“, die schon über 7 Minuten lang sein können. „Radical Nopinion“ könnte der Soundtrack einer Großstadt sein, nebenbei werden die cineastischen Kompositionen mit viel Violine (Daniel Weltlinger) und Cello (Lukas Lauermann) unterlegt.

„Aiko Aikos vielschichtiger, cineastischer und mitunter klassischer kompositorischer Zugang schöpft aus vielen stilistischen Quellen und bewegt sich gerne abseits der abgetretenen musikalischen Pfade, wenn es um Songlängen und -struktur und Taktarten sowie dramaturgische Wendungen geht. In erzählerischen Collagen aus vertonten Bildern und Szenen werden vielfältige Elemente poetisch miteinander verwoben, ergänzen oder widersprechen einander, und verschmelzen zu einem großen Ganzen aus Bedeutung und Klang.“

Aiko Aiko Press Sheet

Das Video zur Single „Al Lat“ beginnt mit einer Ansicht der Erde aus dem All um dann in die Fantasiewelt einer mystischen Figur abzutauchen. Dabei enstehen symbolträchtige Bilder eines „nicht weltlichen“ Wesens das sich zum Rhythmus der Musik bewegt, immer wieder durch VHS-Kassetten Collagen-Schnipsel durchbrochen, wird damit auch der emotionale Höhepunkt der Nummer, ein Breakbeat behafteter Teil unterlegt. Zuletzt bricht eine Person durch eine schwarze Blockade um dann in eine Art Sonne zu stürzen.

Das Album „Radical Nopinion“ wurde am 7. Oktober 2021 bei dem französischen Label WHALES RECORDS veröffentlicht und ist über die gängigen Streamingportale abrufbar. Nebenbei gibt es eine limitierte Auflage von Kassetten und CD’s via der Bandcamp Seite des Wiener Duos.

Summerbreeze Mix – eine Spotify Playlist

Ich hab die letzte Woche an einer Sommer-Playlist gefeilt. Die Playlist umfasst 45 Songs, die meiner Meinung nach ein wenig das Sommer, Sonne, Strand Feeling einfangen. Mit dabei: Lorde, Japanese Breakfast, Sharon van Etten, Biig Piig und einige Titel aus besprochenen Alben von diesem Weblog. Eine leichtfüßige Auswahl, ohne zu sehr in ein Genre abzugleiten, mit älteren, bekannten Nummern und neuen aktuellen Songs. (Titelfoto von Heather Ford auf Unsplash)

summerbreeze mix

Cid Rim – Gathering I & II

Clemens Bacher alias Cid Rim hat dieses Frühjahr zwei Improvisationsstücke auf Bandcamp online gestellt. Die 6:00 und 4:44 Minuten langen Stücke dienen als Inspiration für ein kommendes Album des Wiener Musikers. „A psychedelic Ride from the Austrian Capital“ ist Untertitel und Programm zugleich der beiden Fusion-Rock Nummern. Diesmal soll die Musik für sich selbst sprechen:



Clemens Bacher: Drums, Synths | Sixtus Preiss: Drums | Benny Omerzell: Rhodes | Fabian Rucker: Sax | Peter Rom: Guitar | Clemens Wenger: Synths, Wurlitzer

Recorded by Sixtus Preiss at Sixtus Preiss Studios Vienna | Recording assistant: | Demian Pengg | Mixed and produced by Clemens Bacher | Titelfoto: © Wolfgang Lienbacher. (Die Tracks stehen übrigens gratis als Download zu Verfügung.)

BORSA? Malerei und Zeichnung Georg Rigerl

Das naheliegende Zeichnen galt als Tradition der für die Moderne stilprägenden Malerei der Stillleben. Die Darstellung toter bzw. regloser Gegenstände und deren Auswahl und Gruppierung erfolgte nach inhaltlichen und ästhetischen Aspekten. So war Paul Cézanne ein Meister der Malerei von Früchten, Tischtüchern und Schalen, zusammengefaßt in einer Komposition von Farbe und Struktur. Das naheliegende Zeichnen war wohl auch Georg Rigerls Ansatz als er vor 4 Jahren damit begann alle möglichen leeren Sackerl, Sackl vulgo Einkaufstüten zu malen. Vorerst mit Bleistift auf Papier, dann übertragen in Öl(farbe) auf Leinwand. Die Abbildungen sogenannter Dillybags, wie sie australische Ureinwohner besessen haben brachten den in Graz lebenden Künstler auf die Idee und konfrontierten den Maler mit der Frage nach Not und Mangel, waren die Dillybags doch meist leer, ohne Inhalt abgebildet.

Säcke sind geduldige Modelle, lassen sich hinwerfen und legen, strecken und stauchen. Das scheinbar Unbedeutende durch betrachten, beobachten und gestalten erhöhen. Gegenstände in Beziehung zu anderen Gegenständen. Zwiesprache unbelebter Objekte?

Galerie Centrum

Nun sind ausgewählte Studien und Malereien des Künstlers in der Ausstellung „BORSA? Malerei und Zeichnung Georg Rigerl“ von 10. Juni 2021 – 20. Juni 2021 in der Galerie Centrum (Glacisstraße 9, 8010 Graz) zu sehen.

Georg Rigerl wurde 1953 in Wien geboren. Er lebt und arbeitet seit 1975 in Graz.
Werdegang: Studium der Malerei, Grafik und Kunstpädagogik an der Hochschule für Angewandte Kunst, Wien; Tätigkeit als Kunstpädagoge zwischen1975 und 2013; Arbeit mit Bildmedien aller Art; Diverse Ausstellungen, zuletzt 2017 in der Galerie Blazek, Graz. Link: Webseite des Künstlers

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