Kategorie: Interview

Richard David James aka Aphex Twin ist ein Phänomen. Es gibt kaum einen elektronischen Musiker, über den so viele Gerüchte im Umlauf sind wie über ihn. Irgendwie schafft er es eben nicht wirklich irgendwo medial präsent zu sein, er meidet Interviews und doch… wenn von ihm etwas kommt, dann spricht wieder die ganze Musikwelt von ihm. Von dem Genie, dem 2-fachen Familienvater der in 2. Ehe mit einer Russin verheiratet ist, dem großen Vertreter der Intelligent Dance Music, wie man in Amerika gerne etwas sperrigere elektronische Tanzmusik nennt. Jetzt ist wieder von ihm zu lesen oder besser gesagt zu hören denn er hat eine neue Single mit dem Namen T69 collapse veröffentlicht und gleichsam eine im Herbst erscheinende neue EP angekündigt.

T 69 collapse ist vielleicht nicht Richard D. James überzeugendstes Werk, denn eine neue Offenbarung ist die Single nicht. Zu vorhersehbar ist die Struktur des Tracks, kurzer euphorischer Aufbau der Melodien, dann Break hin zu mehr düsteren Klangsphären um dann am Ende die Nummer zusammenzuführen und die Versöhnung der beiden Klangteppiche zu propagieren. Dennoch ist Aphex Twin Musik immer wieder erwähnenswert, denn 1. machen nicht viele Leute mit dem Bekanntheitsgrad solche Musik und 2. bleibt er sich dabei ja auch treu – ein frischerer experimentiellerer Zugang hätte dem Track aber gut getan. Man kann noch gespannt auf die Veröffentlichung der EP warten, die am 14. September auf Warp Records erscheinen wird. Aber meine Erwartungshaltung zur neuen EP ist eher gedämpft.

Sicher erwähnenswert ist das von Kollegen Weirdcore abgieferte, sehenswerte Video zum Track. Dennoch für Freunde von Labels wie Warp und Rephlex war Aphex Twin immer der Motor, der andere Veröffentlichungen der Labels gepusht hat, jetzt ist er mehr jemand der mit seinem eigenen Sound im Soundkosmos der Labels mitfährt, das Steuer hat er anderen Künstlern überlassen. Sein Gesamtwerk darf man aber nicht gering schätzen. Er hat soviele junge Leute beeinflußt, zum Musikmachen inspiriert und war lange Zeit eben der um den man nicht herumkam, wenn es um innovative elektronische Musik ging. Lesenwert ist sicher eines der raren und wirklichen ausführlichen Interviews aus dem Jahre 2014, welches er Dave Noyze für Syrobonkers gegeben hat. Er spricht darin über seine Art Musik zu machen, Synthesizer und Sequenzer die er verwendet, das musikalische Talent seines damals 5 jährigen Sohnes und zeigt dabei auch Seiten seinerseits von eher privater Natur. Das Interview ist ein Monat nach erscheinen wieder vom Netz genommen worden und der Text ist nur mehr via der Waybackmachine von Archive.org erreichbar.

 

Interview Musik

Mimu (Miriam Moné) wird von mir in ein kleines Interview über Medienkunst, ihrem Werdegang als Künstlerin und ihrer Befindlichkeit zur Kunst verwickelt. Sie lebt und arbeitet in Wien und studiert “Digital Arts” an der Angewandten, kommt eigentlich aus dem Grafik / Visuals Bereich und ist neben ihrer Medienverbundenheit auch als Musikerin aktiv. (Interviewer Christian Kahr / veröffentlicht am 26. Mai 2007)

CK: Miriam Moné steht für…?

Hmm. das Produkt zweier Elterntiere, die mir diesen Namen gaben. Logischer Schritt, Nestflucht und Neuerfindung. Sich einen neuen Namen geben. Mimu.

CK: Wie kamst du zur Kunst?

So ganz tatsächlich fiel ich in der Mittelschule einem Zeichenlehrer auf, aufgrund einer Begabung in zeichnerischer Hinsicht. Der nahm mich in der fünften Gymnasium in seinen Maturantenkurs und beschloss dann quasi für mich, mich auf eine andere Schule zu verfrachten. Das war dann eine HTL für Grafikdesign. In den folgenden 5 Jahren lernte ich grundsätzliches der Verbrauchsgrafik und begann sukzessive mein Nervenkostüm zu zerrütteln. Nach Abschluss der Schule empfand ich eine tiefe Abneigung gegen alles was für mich in den vorhergegangenen Jahren als “Kunst” definiert wurde. Nach einem halben Jahr Auszeit begann ich zu erkennen, dass sich was auszudenken um es dann umzusetzen ohne Hierarchie und Druck von “oben” doch ganz geil ist und meinem Wesen entspricht. Somit definierte ich langsam alte Begrifflichkeiten neu und kam zu der Erkenntnis, dass alles nur so ist wie ich es in dem Moment sehe. Ich glaub so ganz ohne äußere Einflüsse ist es oft schwer seinen “Weg” zu erkennen.

CK: Welche sind die Künstler die dich inspirieren und warum?

Tja, es gibt verschiedenste Einflüsse. Die Jugendstilgrafik hat mich z.B. stilistisch sehr beeinflusst (z.B. Aubrey Beardsley). Die Geisteshaltung der Dadaisten kommt mir auch sehr vertraut vor, Kurt Schwitters Gedichte sprechen meine Sprache. die Situationisten und ihre Verfahrensweisen kann ich auch gut verstehen.

CK: Wie würdest du deine Arbeitsweise beschreiben?

Unterschiedlich. die Wahl der Waffen kommt auf die jeweilige Situation und ihre Anforderungen an. Intuitiv. Es geht meistens schnell und die Idee “pickt” grundsätzlich mal. Additiv. Ich zerlege, um wieder zusammen zu bauen. Ich füge ein Element an das nächste und stricke an dem gesamten bis ich das Gefühl habe es reicht. Letzteres trifft auf mich besonders zu, egal ob visuelles oder auditives Endprodukt. Vielleicht umgibt mich deshalb immer ein leiser hauch Chaos. Wer bei mir ein schwarzes Quadrat auf weißem Grund sucht, wird sich zuerst durch einen Haufen anderer Dinge wühlen müssen. Das ist Freud und Leid gleichzeitig.

CK: Was beschäftigt dich zur Zeit/ hat Einfluss auf deine Arbeit?

Großen Einfluss auf meine Arbeit hat das Internet, wenn auch in indirekter Form. Ich bin leidenschaftlicher Foundfootage-Sammler, Angebot und Target beeinflussen einander. Nach und nach stoße ich dann auf Thema und Ästethik die mich inhaltlich und formal interessieren. Natürlich gibt es bestimmte Kernfelder die mich immer wieder magisch anziehen, abhängig von der jeweiligen Lebenslage, meistens ergibt ein Thema das andere. Meine Produktionen sind generell mit einem kleinen Zwinkern und trockenem Humor ausgestattet, ohne dabei jedoch humoristisch zu sein. Ich verbinde gerne sanft Gegensätze, technische Zeichnungen und Pläne in ihrer geometrischen Filigranität sich einem Schmuckstück gleich von zb eher drolligen Ausschneide-Papierpüppchen bzw. generell humanoiden Elementen abheben. Was Grafik betrifft bin ich mittlerweile geübter Collageur, verbinde Fundstücke des Internets aller möglicher Jahrzehnte zu neuen Bedeutungen, Inhalten und Aussagen, genieße die Macht die dahinter steckt bis ins letzte Pixel hinein. Ich kann die Bilder sprechen lassen und unmerkbar verändern, gewaltsam dazu zwingen meine Denke weiterzugeben. Ein Zwiegespräch zwischen Pixel auf dem Opfertisch und mir. Das digitale Skalpell schon in der Hand. Ich denke den größten teil der Energie die es braucht um etwas schöpfe ich aus meinem inneren Antrieb. Viele Dinge die mich beschäftigen ergeben sich aus Gemütslagen, grundsätzlichen Orientierungen meiner selbst und Erinnerungen. Ich habe eine starke Identifikation mit allem was ich mache, daraus ergibt sich natürlich auch ein unglaublicher Hang zur Selbstkritik und Unsicherheit. Ich bin meine Arbeit, meine Arbeit bin ich.

CK: Was genau ist ein found-footage-sammler?

Jemand der das Internet durchstreift, bewaffnet mit diversen Suchbegriffen und gezielt Daten sammelt, die in irgendeiner Form interessant erscheinen. Manchmal Arbeitsmaterial, Information, Bilddaten und digitale Souvenirs jeder Art.

Wieviele Stunden pro Tag verbringst du vor dem Internet?

Ich könnte nicht behaupten jemals offline zu sein. Ich kommuniziere hauptsächlich auf diese Art. Der Datentransfer hat eigentlich kein wirkliches Ende. Aktiv würde ich sagen 8 bis 10 Stunden.

CK: Du kommst eigentlich aus dem Grafikbereich studierst aber im Moment Medienkunst auf der Angewandten in Wien. Wie hat es dich dorthin verschlagen?

Im Prinzip war es so, dass es mich von der Schaffung einzelner Bilder (Grafik) nach einiger Zeit zum bewegten Bild getragen hat. Eine sehr natürliche Entwicklung irgendwie. Beim bewegten Bild kommt die Tonkomponente dazu und schon ist der nächste Schritt bereit getan zu werden, in Richtung Audio und Musik. Der eine Interessenssektor schließt den anderen nicht aus, das eine profitiert vom anderen. So kann man in meinen Visuals z.B. eine starke Grafikkomponente ausmachen, wenig bis kein Videomaterial, wo meine Wurzeln absolut durchscheinen. Meine tatsächlichsten (aktiven) Ur-Anfänge liegen in der Handzeichnung. Mir kommt vor, dass besonders durch das Werkzeug Computer, die Verfahrensweise und der Weg hin zum Output jeglicher Art genormt und an sich ähnlich ist, für mich daher umso natürlicher das alles irgendwann ineinander greift. Ich wollte auf jeden Fall nicht nur im Segment Grafik mit all seinen wirtschaftlichen Ausprägungen bleiben.

CK: Wo würdest du deine Kunst gerne einmal sehen? Siehst du dich mehr auf Messen oder doch klassisch im Museum?

Kommt aufs Werk drauf an. Kann auch fernab von dem Ganzen existieren. Auf der Straße, im Netz, als Objekt im Regal, als teil des Alltags. Aber müsste ich wählen, nwürde ich die Messe nehmen.

CK: Gibt es ein Publikum für Medienkunst?

Ja. Und in gleicher Art wie sich Hightech in den Alltag schleicht wird Medienkunst auch in den traditionellen Kunstbetrieb hineinwachsen. Werte wandeln sich, so oder so.

CK: Ist Medienkunst wichtig? Gibt es Entwicklungen in der Medienkunst die dir gar nicht zusagen?

Ich denke Medienkunst ist eine logische Konsequenz unserer Zeit, unserer Gesellschaft. eine gewisse Wichtigkeit könnte sich z.B. ergeben wenn man den Künstler als den Joker sieht, der mit Technologien spielt, sie gezielt missbraucht um deren Tragweite auch dem technisch vielleicht nicht so versierten Mitmenschen klarzumachen. Ich denke Medienkunst ist jene Gattung die die Möglichkeiten hat globale Zusammenhänge, Actio und Reactio in allen möglichen Bereichen auf eine fast naturwissenschaftliche Weise aufzuarbeiten. Über bestimmte Entwicklungen könnte ich mich jetzt nicht mokieren, jedoch fällt mir schon auf, dass die meisten Leute, auch viele die teil des Kunstbetriebes sind, keinen Bezug zu Medienkunst haben. Das Spektrum reicht von Unverständnis bis Abneigung. Ich denke es ist gefährlich eine formal gelungene Umsetzung (im technischen Sinn) vor den Inhalt zu stellen, denn was dem Durchschnittsbetrachter bleibt, ist das Ergebnis. Versteht der Betrachter nicht, ist die Sache für mich gescheitert.

CK: Das letzte erwähnenswerte “konsumierte” Medienkunstwerk war…?

Hmm. Also eine Ruth Schnell Arbeit hat mir eigentlich sehr gut gefallen:eine senkrechte Reihe von LEDs baut in zeitlicher Abfolge einen Buchstaben Reihe für Reihe auf. Wenn man direkt drauf schaut sieht man nichts außer blinkender Lamperl. Wenn man jedoch sich weiter im Raum umsieht, sieht man in den Augenwinkeln das Wort entstehen. Im Prinzip wird die Latenz des Auges und des Bildaufbaus genutzt um die Message lesbar zu machen. Der Knaller ist halt dass man es erst sieht wenn man wegschaut.

Miriam Moné bei Preisverleihung von Ö1

CK: Woher nimmst du deine Inspiration?

Ich habe die frage eigentlich oben schon beantwortet mit “aus mir selber”. Irgendwer hat mal gesagt, alle Künstler sind Getriebene. Ich hatte schon immer Skrupel mich selber vorbehaltlos als Künstler zu definieren, aber getrieben und williges Opfer eines Schaffenszwangs bin ich auf jeden Fall. Wenn ich nun behaupte ich bin meine eigene Inspiration, mein eigener Motor, mag das subjektiv für mich stimmen, tatsächlich würde ich aber ehrlicherweise noch die gesamte Populärkultur der 80er, 90er und 00er anführen. Ich war ein völlig versautes Fernsehkind und ergötze mich immer noch geifernd und gewissenlos an dem Trash unsrer Zeit, bloß das Youtube und Co. durch ihren mist-ondemand, Funk- und Fernsehen den Rang abgelaufen haben. Elektronische Musik ist ein wichtiger Aspekt meines Lebens. Auch Extremzustände sind durchaus inspirierend. Verliebtheit, Trauer, Wut katalysieren und bündeln Potential, das sonst selig schlummert. Äußerst lähmend ist für mich Zwang von außerhalb.

CK: Wenn wir youtube erwähnen mit seinem mist-ondemandreden wir automatisch über Partizipation der User durch das Internet. Das Kosewort Web2.0 fliegt durch die Datenkabel. Siehst du in dieser Welle der Partizipation auch neue Wege für Künstler Sachen zu transportieren?

Auf jeden Fall ist die “Community” aus ähnlich interessierten hilfreich. Ich glaube Kosewort Web 2.0 beschreibt indirekt eine clevere Methode sich selbst effizient zu vermarkten.

CK: Wieviel Zwang herrscht an deiner Universität?

Im Moment fühle ich mich sehr gezwungen und das macht mich nicht froh. Link zu Mimu auf Facebook: https://www.facebook.com/mimu.merz

Interview

~mit trompeten und posaunen~

13 AutorInnen – aus dem Umfeld der in Salzburg gegründeten Literaturplattform Poetro – haben im Eigenverlag ihr erstes Buch veröffentlicht. PerVERS – Anthologie junger AutorInnen ist der Titel der Textsammlung, welche seit Anfang März bei ihren Lesungen, oder über ihre Webseite käuflich erworben werden kann. Ich frage Catherine T. Nicholls und Christian Winkler (2 AutorInnen und WegbegleiterInnen der Plattform) nach ihren persönlichen Perversitäten, stoße mich am etwas eigenwilligen Titel, und will wissen, was eigentlich aus der auf der Rückseite des Buches postulierten Revolution geworden ist. (Interviewer: Christian Kahr / veröffentlicht am 16. April 2008)

CK: Habt ihr perverse Eigenheiten an euch?

Christian W.: Perverse Eigenheiten hat, glaub ich, jeder Mensch, der sich nicht gänzlich einer wohlgestalteten Norm unterwirft. Frei übersetzt bedeutet pervers ja im Grunde nichts anderes als eigenartig. Solltest du rein zufällig auf den Titel unserer ersten Publikation abzielen (ähem): Ja. Das Buch ist eigenartig.

CK: Inwiefern?

Catherine: Also ich finde das Buch nicht eigenartig.

Christian: In erster Linie ist es eigenartig, weil es keinen Verlag im herkömmlichen Sinne hat. Das allein ist zwar an sich noch nichts besonderes, weil es ja zig Bücher gibt, die von AutorInnen im Eigenverlag herausgebracht werden. eigenartig, also besonders, finde ich aber den Versuch, dass 13 junge Menschen sich auf einen Haufen hauen und in einem gemeinschaftlichen Prozess ein Buch herausbringen.

Catherine: Das Buch ist eigen, doch nicht eigenartig. Finde ich. Meiner Meinung nach sind es gar nicht so die Umstände, die es das machen, sondern eher die INstände. also der Inhalt.

per Vers – Anthologie junger AutorInnen

CK: Also nochmals zurück zur Ausgangsfrage: Habt ihr gewisse Aspekte an euch, die ihr als eigenartig bezeichnen würdet?

Catherine: Eigenartige Aspekte… mal nachdenken. Eher gewisse Paradoxien. Eigenartig ist vielleicht, dass ich in der früh esse wie ein Scheunendrescher und dafür den ganzen Tag nichts mehr brauche.

Christian: Oh ja, wir sind alle sehr eigenartig, hoffentlich. Ich will nicht aufwachen und feststellen, dass jegliche Eigenart verbannt wurde, jeglicher Individualismus einem gesamtgesellschaftlichen Dogma unterworfen wurde. Aber wenn du was konkretes wissen willst: Ich trag lieber das Gewand meiner Großmutter, als mir neues zu kaufen. Da weiß ich wenigstens, dass ich mit meinen beschränkten Finanzen keine dubiosen Gewandhäuser, Sweatshops und ähnliches finanziere. Außerdem bin ich viel zu faul, mir neues Gewand zu kaufen.

CK: Was turnt euch ab? (also außer Klimawandel und Neoliberalismus)

Catherine: Socken. ich weiß, ein Klischee, aber das ist ziemlich furchtbar. Auch: der Gedanke an dreckiges Geschirr oder Harald Schmidt.

Christian: Socken sind furchtbar, da muss ich dir trotz Barfußkulturklischee rechtgeben. Aber nicht nur deswegen: Sehr lochanfällig sind diese Dinger. Überhaupt mag ich Löcher nicht gerne. Ja: cher „turnen“ mich ab. Ich steh mehr auf deren Gegenteil, auf  Anhebungen. aber wenn wir schon beim Klischee sind: Klimawandel und Neoliberalismus, vor allem Neoliberalismus turnt mich eher up als ab, falls man das so sagen kann, das bringt Blut zum wallen, da will man Banner schwingen gehen und Zeichen setzen.

Catherine: Das nenne ich jetzt eine eigenartige Eigenartigkeit.

CK: Auf dem Umschlag steht, ihr wolltet eigentlich die Revolution, dann hat es aber doch nur für das Buch gereicht. Seid ihr des Aufbegehrens müde oder arbeitet die Rebellion noch in euch? bzw. Was ist euch dazwischengekommen?

Christian: Das Buch.

Catherine: Das Leben. Unsere Eigenheiten. der Umschlag rückt sozusagen ins Licht, was man zwischen den Zeilen lesen kann: Nämlich die Ironie zu all dem Trompeten über die Revolution.

CK: Und vor dem Leben? Was war da?

Catherine: Die Nudelsuppe. Nein. Vor dem Leben? Die Kindheit.

Christian: Wenn man es ganz sozialromantisch sehen will, und ich will das, dann stecken in der Eigenart des Buches einige kleine, aber doch bestehende Ansätze des Aufbegehrens. Uns war es zum Beispiel wichtig, nicht einfach ein Produkt im Sinne der Betriebswirtschaft in den von Marktstrategen und Unterhaltungsgier gezeichneten Literaturbetrieb zu knallen, sondern ohne Rücksicht auf Geschmäcker, ohne Sinn für wohlgeformte Finanzkalkulationen, ohne Anpassungswillen (ich sag bewusst -Wille-, wer weiß, wie opportunistisch wir uns eigentlich verhalten) unser eigenes, kleines Buch zu machen. Deswegen auch der Entschluss, alle Schritte der Gestaltung unabhängig und selber in die Hand zu nehmen.

Christian Winkler

CK: Zum Thema Revolution: Dieser Tage wird ja überall (zumindest in den Feuilletons) über das Jahr 1968 geschrieben. Was denkt ihr drüber?

Catherine: Ich glaub, Dutschke war das (bin mir jetzt nicht sicher, müsste man nachrecherchieren), der meinte, wir alle verlangten nach dem Zuckerl der Revolte anstatt nach dem Brot der Reform. Wir sind noch nicht oft genug enttäuscht worden, um dem voll zustimmen zu können. Ich genieße das. Denn auch wenn du tagsüber trompetest und posaunst, kannst du des nächtens schlafen so wie der Rest der Welt. Ich für meinen Teil trompete was das Zeug hält, weil mich sonst der Hals juckt, und weiß trotzdem, dass es Utopien sind, für die wir unsere Zeit verschwenden. Das wird mal die Zeit sein, von der wir sagen, dass es die Beste war. Wenigstens das war es dann wert und wenn das alles was bringen sollte – noch besser.

Christian: 1968 ist für mich persönlich ein sehr sympathischer Mythos, den wir höchstwahrscheinlich nur deswegen gerade ansprechen, weil er von der Unterhaltungsindustrie hochstilisiert wird. Ohne 68er Mythos gäbe es keine Verkaufszahlen von Palästinertüchern als Modeaccessoire und Geldbörseln mit Che-Portrait. Das wäre natürlich tragisch (lacht). Wie Catherine sagt: Wir trompeten, weil der Hals juckt, aber abends gehen wir schlafen.

CK: Das Buch ist seit 1. März über eure Homepage, bei euren Veranstaltungen aber auch im Handel erhältlich. Wie schaut es mit erhaltenem Feedback aus?

Catherine: Die Leute sagen oft: ” Ja, sehr viele coole Sachen dabei, aber einiges hab ich einfach nicht kapiert.” Ich muss dann immer lachen und sage: “Uns geht es genauso”. Ach ja und: Meine Oma ist ein bisschen kritisch. Zu viel Sex für ihre Begriffe, aber sie findet die Bilder toll… Soviel zu den Altersgruppen.

CK: Könnt ihr noch andere Beispiele (für Feedback) nennen? Gibt es ein Feedback, das bei euch hängen geblieben ist?

Catherine Nicholls

Catherine: Mein persönlicher Favorit war der Kommentar: “Ohh, das glänzt ja so hübsch!”

Christian: Ich finde es bemerkenswert, dass Feedback von den unterschiedlichsten Menschen, Altersgruppen, Medien und Institutionen kommt. Ich hab mir anfangs nicht erwartet, dass sich zb der Standard an unserem Titel stößt, während wohlbetuchte Damen unseren Mut zur Sozialkritik loben, dass die Vielschichtigkeit der Texte einmal – so wie wir das sehen – als Zeichen eines radikal freien, sich keinen formalen oder inhaltlichen Dogmen unterwerfenden Literaturbegriffs und einmal als Mangel an eigenem Literaturbegriff gesehen wird. Aber allgemeiner: Sehr positives Feedback.

CK: Also ich hab mich an eurem Titel auch gestoßen. Das hat so einen verkrampft wirkenden Witzcharakter für mich. Eure Veranstaltungstitel wie „T’schuldings, wir würden gern lesen…” oder “Von der Unvernunft gebissen” wirken da frischer. Der Buchtitel klingt nach einem augenzwinkernden in die Taille stoßen – Nach einem: „Hey, das ist doch lustig.“ oder?

Christian: Es freut mich, dass du genau diesen Punkt ansprichst, weil ich denke, dass aus diesem Grund mehrere Leute wenig mit dem Titel anfangen können. Mein persönlicher Zugang hat aber wenig mit Humor oder Unterhaltung als mit der eigentlichen Bedeutung des Wortes zu tun, also perversio, aus dem lateinischen oder griechischen kommend, da bin ich mir nicht mehr so sicher, ich glaub aus dem lateinischen; Jedenfalls: perversio: Die Verdrehung (von Moralvorstellungen). Die gängigste Moralvorstellung, bzw. besser ausgedrückt: Maxime des heutigen Literaturbetriebs (mit Betonung auf Betrieb) ist nun mal der Wunsch von AutorInnen und Verlegern, mit simpler Unterhaltungsliteratur groß Kohle abzusahnen. Das verdrehen wir mit einem Buch, das keine Privatperson monetär bereichert. Darüber hinaus erhält pervers, wie wir auch typografisch hervorgehoben als per vers darstellen, eine weitere Bedeutungsebene durch das lateinische per=durch, also: Durch den Vers, durch das Wort. Auch ein bisschen Klischee, aber ein schönes Klischee: der Stift ist mächtiger als das Schwert.

Catherine: Sagen wir mal so, wir haben sehr lange für den Titel überlegt und abgewogen. Da war “per vers” noch gar nicht in der Auswahl. der Titel ist dann spontan entstanden und ich fand die Situation einfach gut. Eben das sollte es nicht sein: Krampfhaft. Das wirkt vielleicht nach außen etwas so, das ist uns schon bewusst, aber für uns hat es genau die Gegenwirkung.

CK: Ich finde, euer Buch ist ein Kulturprodukt von vielen. Es sticht nicht sonderlich aus der Masse von Kulturprodukten hervor.

Catherine: Stimmt nicht. Spätestens wenn du es in die Sonne legst, sticht es heraus.

CK: Diese ganzen Sprachspiele, etwas dass GermanistInnen angeblich so toll finden, das finde ich oft eher anstrengend. Ich vermisse eine Haltung, ein Statement.

Catherine: Das finde ich genau das beste an dem Buch. Mich nervt diese ständige “alles muss immer ein bestimmtes Statement haben”, wie soll das auch gehen mit 13 Leuten? Wir haben keine gleiche Meinung und wollen auch damit nicht viel zu tun haben. Ein Buch ist ein Buch, keine politische Erklärung.

Christian: Da kann ich Cathi nur recht geben. Unser Konzept ist klar und bewusst die Konzeptlosigkeit. Ein Buch von 13 Leuten und ihren unterschiedlichen Sichtweisen auf Literatur. Da kommt nun mal kein einheitliches Statement, kein einheitlicher Literaturbegriff, keine gleichgeschaltene Haltung raus. die Statements haben wir zwischen den Zeilen versteckt. Man entdeckt zum Beispiel an Orten, an denen man es nicht erwartet, wie dem Impressum, Anspielungen auf Kulturpolitik und Bücherverbrennungen, andernorts Statements zu Essiggurken, Danchlor und Persil.

CK: Es geht mir auch nicht um ein politisches Statement, sondern mehr um eine Haltung. Ich entdecke darin keine literarische Kontinuität, also etwas, was sich an einer Literaturgeschichte reibt, sie widerspiegelt oder mit Witz aufgreift. Die Texte wirken mitunter sehr herausgerissen aus jeglichem Kontext.

Catherine: Aus dem Kontext herausgerissen – na hoffentlich. Der Kontext umgibt uns ja ständig. Wenn du sagst, das Buch ist nichts besonderes, widersprichst du dir ein bisschen. Oder wie meintest du das?

Christian: Die literarische Haltung, die du vermisst, ist etwas, das du von einer offenen Literaturplattform, in der jedeR der AutorInnen einen Freiraum von 10-15 Seiten als solchen nutzen soll, nicht erwarten kannst. Die Reaktion auf dagewesenes im Sinne einer bewussten Fortsetzung einer literarischen Position bzw. im Sinne einer bewussten Abgrenzung und/oder Neuerfindung des literarischen war nicht das Ziel des Buches. Das kommt, wenn sich durch den offenen Plattformgedanken Menschen mit einer gleichen, literaturhistorisch manifestierten Haltung zusammenfinden, was vorerst nicht unser Anspruch ist. In diesem Projekt steht die Vermischung unterschiedlicher literarischer Positionen und Texte im Vordergrund, aus dem Kontext gerissen und in einem Buch präsentiert.

CK: Das Buch hat für mich eher den Touch eines Kultur- Accessoire, anstatt einer Textsammlung, einer in der Subkultur verankerten AutorInnenschaft.

Catherine: In der Subkultur verankert sein ist irgendwie paradox. Das Buch ist eine Textsammlung, natürlich, und Kulturaccessoir-? -Naja, vielleicht. Aber daran sind wir selber schuld. Wir reden manchmal zu viel über Kultur und zu wenig über das Buch.

CK: Es könnte für mich halt ruhig “dreckiger”/punkiger sein. So selbst zusammengestoppeltes Zeitungspapier…

Catherine: Irgendwann willst du aber auch, dass dein Buch nicht beim ersten Lesen auseinanderfällt.

Christian: Du wirst lachen, aber es gab die Idee, mit Moosgummi als Stempel und geklautem Altpapier als Oberfläche zu arbeiten. Aber du musst verstehen, als wir uns auf perVERS als Titel einigten, war klar, das Buch muss der oberflächlichen Bedeutungsebene von Perversion auch optisch entsprechen: glitzernd, glänzend, prunkvoll und edel.

CK: Seid ihr durch andere literarische Strömungen beeinflusst? Habt ihr Vorbilder? Wo würdet ihr euch selbst verorten?

Catherine: Ich fühle mich zwischen der Brieffreundschaft zweier Siebenjähriger und den Memoiren von Henry Millers Hauskatze.

Christian: Ich sehe mich klar in der zwar schon längst dagewesenen, viel gerühmten und viel gepeitschten, aber mir immer noch sehr sympathischen Abkehr von gängigen Erzählstrukturen, Sprachkritik und dem Spiel mit Assoziationsströmen verankert. Vor allem Ding interessiert mich. Ding sollte hochleben!

CK: Ihr existiert seit 2005 als Literaturplattform poetro. könnt ihr kurz euren Werdegang als Kollektiv skizzieren? Wie habt ihr zusammengefunden? Welche Stationen waren bislang wichtig?

Catherine: Am Anfang waren wir zu viert mit einer Idee und einem kreativen Freundeskreis. Unterstützung kam von Jugendzentren und dem Literaturhaus Salzburg, inzwischen haben wir uns ja über Österreich verteilt und nun gibt es einige wichtige Stationen.

Christian: Eine nicht unwichtige Bedeutung unseres Antriebs trägt der Ort, an dem wir uns zusammengefunden haben: Salzburg. Eine Stadt, in der es erstens wenig Raum für selbstorganisierte Projekte junger Menschen mit künstlerisch-kreativen Ambitionen und zweitens eine sehr kleine Szene von jungen Menschen gibt, denen der Mischmasch aus (Festspiel)-Hochkultur und (Brauchtums)-Prestigekultur nicht nur zuwider läuft, sondern die da auch aktiv was dagegen bzw. für eben eine junge, freie Kulturszene tun. unser Spezialgebiet war die Literatur und die Vernetzung mit anderen (Sub)kulturellen Ausdrucksformen. In Salzburg haben da schnell die handlungswütigen Menschen zusammengefunden. Seit dem entwickelt sich das ganze Projekt. wer mehr drüber wissen will: Auf unserer Seite gibt es eine Rubrik zu unsren bisherigen Lesungen & Aktionen.

CK: Ihr seid, wenn ich das richtig verstanden habe, aus Salzburg abgewandert, weil euch das kulturelle Umfeld zu wenig Möglichkeiten bot. Könnt ihr kurz die Umstände skizzieren, die euch zu einer No-Future Haltung bewegt hat?

Catherine: Nein, ich bin nicht aus Salzburg weg, nur weil es dort schwieriger ist, etwas auf die Beine zu stellen. Es hatte persönliche Gründe. Aber es stimmt, dass nach und nach alle Treffpunkte für kulturinteressierte Menschen von der Stadt dicht gemacht werden (Café Denkmal, Mark Freizeit.Kultur, die alte Arge Nonntal etc.); Ist verdammt schade, aber noch schlimmer ist es, dass viele Leute dadurch entmutigt werden und Salzburg verlassen. so wie wir. Eigentlich sehr feige…

Christian: Auch bei mir ist das nicht ganz richtig, weil ich in erster Linie nach Graz ging, um zu studieren. Aber es stimmt schon, nach einer gewissen Zeit fängt man an zu resignieren. In Salzburg waren wir vor unsrem Umzug nach Graz sehr stark an der Besetzung des Kulturgeländes Nonntal und anderen kulturpolitischen Aktionen beteiligt. Nach 3-4 Monaten Besetzung mit vielen Lesungen, Konzerten und Freiraumdiskussionen kam der Abriss. Das motiviert nicht sonderlich. Andererseits bewegt sich gerade dort, wo die Maxime des Aufrechterhaltens bestehender Umstände hochgehalten wird, umso mehr.

Catherine: Jaja, keiner macht was, bis der eigene Arsch brennt.

jopa, ein im buch vertretener autor, beim abschmecken. © poetro

CK: Wie habt ihr die Zeit der Arge Nonntal Besetzung erlebt?

Christian: Eine wunderbar schöne, von tiefen Freundschaften und großen Emotionen geprägte Zeit war das. Wir – zumindest ich dachte mit ein paar Lesungen, Flugzetteln und Bannern die mozartstädtische Kulturlandschaft verändern zu können. Das war eine herrliche Vorstellung, der ich mich gerne wieder ergeben würde. Nüchtern betrachtet haben wir durch die Besetzung der Arge das Bewusstsein der salzburger Öffentlichkeit sensibilisiert. Die abstrusen Budgetverteilungen der Stadt, sowie die Notwendigkeit eines autonomen Zentrums sind wieder zum Thema geworden.

CK: Ihr lebt nun beide in Graz. Seid ihr schon im literarisch-kulturellen Umfeld von Graz subsumiert oder bewahrt ihr euch den Blick von Außen? Und wie erlebt ihr, als außenstehende Personen die kulturproduktiven Kräfte der Stadt?

Catherine: Der Blick von Außen… Wichtig und unvermeidlich, weil ja doch immer mit dem, was man die letzten Jahre erlebt hat, verglichen wird. Man steht immer so ein bisschen dazwischen. Auch je nachdem, ob man gerade begeistert ist oder gerade gar nichts passt. Je nachdem fühlt man sich dann natürlich dazu oder eben nicht dazugehörig als Teil der Kulturlandschaft in Graz. (lacht)

Christian: Der Blick von außen ist mir sehr wichtig, ich kann das Ganze hier noch nicht so richtig einschätzen. Andererseits will ich in einer lebendigen Stadt wie dieser nicht auf das ein- und mitmischen verzichten. Es tut sich gerade sehr viel, die “freie”, selbstorganisierte Kulturszene, der ich mich persönlich am nächsten fühle, bewegt sich wahnsinnig schnell, rund ums Combinesch, ums Spektral und ums Sub erwacht ein neues Bewusstsein des Sich-Vernetzens. Im “etablierten” Bereich sticht für mich ganz klar das Forum Stadtpark als spannendster Ort heraus. Da möchte ich auch noch einiges auf die Beine stellen.

CK: Ihr sprecht ja auch von synthetischer Verschmelzung verschiedenster Subkultur-Ströme auf eurer Homepage. Irgendwelche Utopien in diese Richtung? Warum ist Vernetzung ein wichtiger Aspekt für euch?

Christian: Warum? Ganz einfach: Zusammen ist es schöner. Man unterstützt sich gegenseitig, lernt spannende Menschen / KünstlerInnen / Ideen / Visionen kennen, stellt gemeinsam etwas auf die Beine und bündelt Energien.

Catherine: Stimmt. Das hat für mich nicht unbedingt immer einen groß philosophischen Hintergrund. ist einfach interessanter wenn nicht nur Literatur dabei ist.

Christian: Die Utopien, die kommen dann von selber. Wobei ich mir im Moment erst wieder über den Unterschied von Sub- und nicht Subkultur klar werden muss, die Grenzen verschwimmen zu unklar. In diesem Fall hemmt die Philosophie und das Zerdenken das einfache Anpacken ein wenig. (lacht)

CK: Danke fürs Interview.

Interview

Daniel Hafner ist ein relativ junger Künstler. Mit seinen 28 Jahren steht der ehemaligeAssistent und Weggefährte von Jörg Schlick kurz davor von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Seine Herangehensweise an Arbeiten ist stets humorvoll, die eigentlichen Werke wirken aber distanziert, ja mitunter sogar kühl. Seine Leidenschaft gilt dem kleinen Detail, welches er mit wissenschaftlichen Methoden und Prinzipien der Logik herauszukitzeln versucht. Manche Ideen schlummern oft mehrere Jahre, bis sie für ‘reif genug’ befunden werden oder wie Puzzle-teile zueinander finden. Helve fragt nach seiner Wahrnehmung von Kind-sein im künstlerischen Prozess, seiner Meinung zu persönlichem Geschmack, als Basis künstlerischen Schaffens, sowie nach seinen bisher ausgestellten Arbeiten. (erstmals veröffentlicht am 19. Jänner 2008 / Interviewer: Christian Kahr)

Christian Kahr: Was ist deine Motivation als Künstler zu arbeiten?

..es hat für mich mit einer Sehnsucht zu tun, Kind zu sein. Es bedeutet, mich in einen Zustand größter Aufmerksamkeit zu bringen, bei dem aber zugleich Grenzen verschwimmen und Regeln, Muster und das Endliche sich auflösen. Nur dann ist es möglich, Dinge aus ungewohnten Blickwinkeln betrachten zu können und Ideen oder Gedanken “blind” zu verfolgen, scheinen sie noch so unmöglich.

CK: Wie gehst du an eine Arbeit heran?

Ich habe gewisse Themen an denen ich immer wieder arbeite, weil mir zum Beispiel neue Aspekte einfallen oder auffallen – Projekte die ich sozusagen immer wieder neu überdenke. Dass ich von Grund auf neu eine Idee entstehen lasse, kommt gar nicht so oft vor.

CK: Gibt es Parallelen in den unterschiedlichen Entstehungsprozessen deiner Arbeiten?

Bestimmt. Da müsste ich länger drüber nachdenken. Ich weiß jetzt nicht, ob ich die wie aus der Pistole raus kriege. Was die unterschiedlichen Entstehungsprozesse gemein haben, ist vielleicht eine grundsätzliche Herangehensweise; eine bestimmte Art von Assoziationsketten. Ich hab eigentlich ziemlich schnell ein Bild, eine gewisse Vorstellung von etwas im Kopf und nähere mich dieser dann in irgend einer Form an – je nachdem was es für eine Sache ist. Wenn ich Tests oder mal nur Zeichnungen mache oder mich mit einem neuen Material beschäftige, schau ich einfach was möglich ist.

CK: Du arbeitest mit sehr unterschiedlichen Medien/Materialien. Gibt es dennoch einen roten Faden der sich durch deine Arbeiten zieht?

Klar gibt es den, der ist aber schwer in Worte zu fassen. Es ist vielleicht auch oft nur ein Gefühl, das ich hab, oderein Gefühl, das ich haben will, wenn ich eine Sache, ein Arrangement, eine Installation oder ein Bild von mir anschaue oder irgendwo in einer Ausstellung zeige. Ich will ein gewisses Gefühl haben und das muss authentisch sein. Da bin ich sehr streng mit mir selbst. Ich will erreichen, dass alle Arbeiten, die ich zeige, in einem Verhältnis zu meinen anderen Arbeiten stehen.

CK: Was ist das für ein bestimmtes Gefühl?

Das will ich für mich gar nicht so festhalten oder analysieren. Ich denke, wenn sich jemand mehrere Arbeiten von mir anschaut, kann er sich das ungefähr vorstellen. Das ist eine Angelegenheit, die ich für mich selbst verschlüsselt lassen möchte.

CK: Hast du ein Lieblingsmedium? Malerei/Fotografie?

Das könnte ich so nicht sagen. Ich passe meine Arbeitsweise eher dem Material oder dem jeweiligen Medium an. Du nennst 2 Sachen, die ich schon lang nicht mehr gemacht habe. Fotografie kommt eigentlich gar nicht so oft vor – ist früher öfter vorgekommen. Und Malerei auch ganz selten. Im klassischen Sinn Fotografie oder Malerei zu machen finde ich generell schwerer, weil ich so schnell Angst hätte, dass ich irgendwas nicht mitbekommen hab, oder dass es irgendwas schon gegeben hat, weil ich ja so ein Banause bin und mich viel zu wenig mit dem, was schon da war, beschäftige. Also das ist jetzt banal ausgedrückt, aber über Fotografie oder Malerei trau ich mich nur drüber, wenn ich da ein Konzept hab, das über das Medium hinausgeht.

Wald [0,5t Papier], 500 kg of white cardboard, installation view, Kunsthaus Graz, 2006 © Daniel Hafner

CK: Kommen wir mehr auf deine Arbeiten zu sprechen. Deine Installation Wald 0,5t ist wohl als Skulptur zu bezeichnen. Was ist das Besondere daran, eine Papierrolle auf diese Art und Weise auszurollen und zu präsentieren?

Das Besondere. (schmunzelt) Das was niemand darf, nämlich drin zu stehen in dem Haufen und darin untergehen zu können und mit dieser Masse an Material zu spielen. Das sind alles Dinge, die mir ganz großen Spaß machen. Das ist mit Sicherheit ein Aspekt, der ganz wichtig ist. Was dann in weiterer Folge durch das Spielen mit dem Material spannend war, sind die durch die Materialeigenschaften entstehenden Räume. Ich bin da ganz stark auf Räume fokussiert, die man damit schaffen kann.

CK: Was interessiert dich an Räumen?

Räume können einen unmittelbar fesseln. Was einen fesselt, kann einen in einen Kind-ähnlichen Zustand versetzen, weil man für einen Moment alles vergisst, was man im Kopf hat. Das kann auch alles andere sein.

Dieser kindliche Zustand ist etwas sehr wesentliches, worauf du gern zu sprechen kommst. Wie schaut dieser Zustand aus?

Die Aufnahme und das Rezipieren von all dem, was man als Mensch aufnehmen kann – Gefühlsreize, Sehreize, Dinge, die man hört – passiert viel unmittelbarer; es geht alles viel direkter und ungefilterter in den Kopf, unreflektierter als später, mit dem Älterwerden. Das ist das, was auch die Zeitwahrnehmung so stark beeinflusst. Das ist das Eine. Und ein anderer Aspekt ist, dass man als erwachsener Mensch immer viel mit sich herumträgt und das ist meistens eine Last. Ich trage viel in meinem Kopf herum, was ich gern in manchen Momenten nicht da haben will, aber es gibt so Zustände, wo es geht, wo es funktioniert, wo sich diese Dinge auflösen.

CK: Bei Regenmomentaufnahmen bildest du mittels Pigment-verfahren Regentropfen auf einem Bildträger ab. Kannst du kurz den Prozess beschreiben?

Wie du schon gesagt hast, es ist eine 1:1 Abbildung von Regentropfen. Der Prozess funktioniert so, dass ich meinen Bildträger mit einer Grundierung versehe, die weder zu fett noch zu saugend sein darf. Damit gehe ich dann in den Regen. Ich lass es für eine gewisse Zeit drauf regnen und geh damit dann wieder unter das Dach. Ich hab nun einen Bildträger voll mit Regentropfen. Im nächsten Arbeitsschritt streue ich eine Mischung aus Pigment und pulverisiertem Bindemittel auf, eine hauchdünne schwarze Schicht. Das staubt irrsinnig und was passiert ist: Überall, wo ein Wassertropfen ist, saugt sich diese Pigment-Bindemittel-Mischung mit Regenwasser an und bindet sich am Bildträger. Das lass ich dann trocknen. Danach wird das überschüssige Pigment abgeschüttelt und mit Luftdruck entfernt, bis es zwischen den Regentropfen wieder ganz weiß ist. Das ist im Groben der Prozess.

Regen-Momentaufnahme © Daniel Hafner

 

CK: In deinem Zyklus Regenmomentaufnahmen wie auch in deinem Projekt Musik aus der Batterie schaffst du gewisse Rahmenbedingungen oder Konditionen und überlässt die eigentliche Arbeit dem Zufall oder – wie in Regenmomentaufnahmen – natürlichen Prozessen. Ich finde diese Idee schön, dass du gewissen Dingen einfach freien Lauf lässt. Ist das eine bevorzugte Weise von dir mit (deiner) Kunst umzugehen?

Ja bestimmt.

Rain Momentums, Schloss Ulmerfeld, Amstätten, 2010, photo by Bernhard Hosa

CK: Woher kommt das?

Oft erscheinen uns Dinge als Zufall, die möglicherweise nicht bloß Zufall sind, weil sie einfach ein Teil oder ein wesentlicher Teil der Sache an sich sind. Wenn man künstlerisch arbeitet, wird man sehr oft mit Zufall konfrontiert, daran kommt man nicht vorbei. Es ist einfach notwendig, sich damit zu befassen. Das hab ich vielleicht von Jörg Schlick gelernt, er hat sehr viel mit Zufall gespielt.

CK: Was einem auffällt ist eine gewisse Distanz in Arbeiten wie Regenmomentaufnahmen oder den Morphotransformationen. Du sagst selbst, dass Teile deiner Arbeiten als kühl und verschleiert beschrieben werden können. Kannst du mit Reduktion einfach besser?

Reduktion ist generell eine Notwendigkeit bei der Vermittlung von Inhalten.

Junge Künstler haben selten die Chance an Ausstellungen teilnehmen zu können. Wenn sie die Möglichkeit bekommen, dann stürzen sie sich in die Arbeit. Du hast in diesem Zusammenhang in einem Gespräch mit mir die Entstehung von “warmer Kunst” erwähnt. Ich fand das sehr spannend. Was genau bedeutet “warme Kunst”?

Junge Künstler neigen dazu, ihren Ideen viele hübsche Kleidungsstücke anzuziehen, bis diesen sehr warm geworden ist und man sie kaum mehr sieht… Tatsächlich macht es aber sehr großen Spaß, eine Idee so lange mit kaltem Wasser zu waschen bis nur mehr das Wesentliche überbleibt. Ich mag es sogar, wenn der Idee zum Schluss ein wenig kalt geworden ist. Das dazu passende Wort der Akademischen Schule wäre “Reduktion”.

CK: Wenn man dich erlebt und kennenlernt, merkt man, dass du ein sehr fröhlicher und offener Mensch bist. Deine Arbeiten wirken aber auch oft kühl und distanziert. Wie passt das zusammen?

Ich finde gar nicht, dass das ein Widerspruch ist. (lacht.) Vielleicht gleicht mich das aus. Ich mag nicht meinen persönlichen Geschmack präsentieren. Ich hab etwas gegen das öffentlich machen von persönlichem Geschmack. Das interessiert mich nicht, das finde ich nicht interessant, wenn das jemand macht. Deshalb versuche ich meine Ideen auf den Punkt zu bringen. Sobald irgendwelche Entscheidungen zu treffen sind, die ich rein aufgrund meines Geschmacks lösen könnte, hinterfrage ich sofort, ob das überhaupt nötig ist, ob man dafür nicht eine Lösung haben kann, die der Sache selbst einfach entspricht.

Deine Arbeiten sind sehr oft geprägt von einem wissenschaftlichen Ansatz, den du konsequent verfolgst. Woher kommt die Überkreuzung künstlerischer Arbeit und wissenschaftlicher Herangehensweise?

Mhm. Gute Frage. Von meinem Opa. (lacht). Ich mag den Dingen auf den Grund gehen. Ich mag gern nach Prinzipien der Logik, auf klare Art und Weise an Dinge herangehen. Ich hab gern einen logischen Überblick über die Dinge. Das ist eigentlich alles. Ich helfe mir damit nur.

CK: Ist das ein Kriterium, wenn du dir Kunst anderer KünstlerInnen anschaust?

Nein nicht so. Man könnte es aber anders sagen. Ich hab Schwierigkeiten mit Kunst, die zu sehr unwissenschaftlich ist, die zu sehr in der Luft schwebt oder auf Prinzipien des Geschmacks beruht. Man kann es auch nicht so verallgemeinern. Ich sehe es jedenfalls gern, wenn ein Künstler einen klaren logischen Zugang zu seiner Kunst, seinem Kunstwerk hat. Es fallt irgendwie auf.

Morphotransformationen C-print, Aluminium, 70×100 cm, 2006

CK: Dieser klarer Zugang ist ja auch in deiner Arbeit Morphotransformationen zu finden. Ist es Absicht, dass manche Linienverläufe nicht wieder in den Hintergrund zurückfinden oder ist es etwas, dass im Zuge der Bearbeitung nicht anders möglich war?

Es sind ein paar Details eingebaut, die das Ganze ein bisschen unklar machen. Es sind zum Beispiel ein paar Schattenverläufe und Transparenzen drin, die aus dem starren Grundsystem nicht direkt hervorgehen. Das waren bewusste Entscheidungen.

CK: Wie enstanden die Morphotransformationen?

Die Bilder entstanden aus dem spielerischen Umgang mit einem einzigen Werkzeug, einem sehr banalen Werkzeug. Der Entstehungsprozess ist eigentlich unglaublich simpel und darin liegt für mich auch der Reiz.

Mit Musik aus der Batterie bist du auch als Musiker tätig. Du hast ein eigenes Profil auf myspace.com. Ein weiteres musikalisches Projekt deinerseits ist Winterstrand, wo du mit deinen beiden Brüdern Musik machst. Was war die Intention von Musik aus der Batterie?

Musik aus der Batterie beschäftigt sich mit “versteckten Potentialen” geräuscherzeugender Billigchips aus Kinderspielzeugen und Werbeartikeln, die durch gezielte Manipulation der Stromversorgung hervorgebracht werden können. Während ich den Chips selbst musikalische und kompositorische Fähigkeiten zuschreibe, setzte ich mich lediglich dafür ein, die dafür nötigen Umstände zu schaffen. Also Musik aus der Batterie ist Musik, die nicht ich erzeuge. Aber ich bin dabei.

Modulation-Box, Sound-Modules, Plugs, 2006

CK: Eine Frage zu den Personen, denen du in deinem Leben schon begegnet bist. Du warst außerordentlicher Student von Jörg Schlick und hattest bis kurz vor seinem Tod Kontakt zu ihm. War das eine sehr bewegende Zeit, eine Zeit, die dich beeinflusst hat?

Ich hab in erster Linie für ihn gearbeitet. Aber unser Arbeitsverhältnis war so locker, dass da sehr viel Zeit für diverse Auseinandersetzungen war. Er war auch ein Mensch, der sich für alle möglichen Dinge interessiert hat und eben auch für meine Arbeiten und darum haben wir öfters diverse Diskurse geführt – allgemein über Kunst, oder über seine oder meine Arbeit. Er hat mich auch sehr viel gefragt zu seiner Kunst, weil es ihn interessiert hat. (lacht) Er hat mich oft gefragt, wenn er irgendwas gemacht hat, ob es nun gut ist, oder scheiße. (lacht nochmals) Ich hab schon immer versucht ihm ehrlich zu antworten.

CK: Hat die Begegnung mit ihm Spuren hinterlassen?

Nicht direkt im Bezug auf die Arbeit. Aber es hat auf jeden Fall in anderen Bereichen etwas hinterlassen, zum Beispiel was meine Sicht dem Kunst- oder Kunstbetrieb gegenüber betrifft. Ich denke, ich war früher auch viel verkrampfter. Er vertrat natürlich eine Extremposition. Er hat auf alles geschissen und ich hab das sehr schön gefunden, dass jemand auf alles scheißen kann bzw. dass das in dieser Form möglich ist. Er hat bestimmt auch viele Feinde gehabt, bis zum Schluss.

CK: Du arbeitest im Moment als Assistent des Künstlers Peter Kogler, bei dem du mitunter 2004 an der Akademie der bildenden Künste in Wien studiert hast. Hat dich diese Zeit ebenfalls beeinflusst?

Die Zeit, die ich bei ihm studiert hab, hat mich schon weitergebracht. Vor allem den Blick dafür zu behalten, diesen Bogen zu spannen; von Arbeit zu Arbeit. Auch einen besseren Überblick zu bekommen über die Strömungen der Zeit. Er hat auf jeden Fall meinen Blick geschärft und mich noch kritischer gemacht, meiner Arbeit gegenüber.

CK: Gab es sonst noch Personen in deinem Leben, die dich in künstlerischer Weise beinflußten?

Ja. Bestimmt. Eine Hand voll Professoren und Künstler deren Arbeit mich beeindruckt hat.

CK: War es schon mal mühsam Künstler zu sein?

Jeden Tag. (lacht)

CK: Hat dich deine Arbeit schon jemals in eine Zwangssituation im Sinne eigentlich will ich gar nicht, aber die Arbeit gehört erledigt gebracht?

Eigentlich nicht. Ich hab mein Fundament so großflächig angelegt, dass ich da genug Platz hab. Ich habe irgendwie die Möglichkeit, in sämtlichen Bereichen/Medien zu arbeiten, und trotzdem kann ich dieses Gefühl haben, dass ich haben will. Trotzdem, eine halbe Tonne Karton von A nach B zu transportieren, oder Geld zu verdienen macht auch nicht unbedingt immer Spaß.

CK: Was denkst du eigentlich über die Texte, die bis jetzt über deine Kunst verfasst worden sind?

Sehr gescheit. Es stimmt natürlich alles, vor allem die Dinge, die ich selbst gar nicht mehr verstehen kann. Ich glaub, dass meine Kunst noch wesentlich gescheiter ist als ich selbst. Deshalb halte ich diese Texte für wichtig und notwendig.

CK: Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Du meinst künstlerisch?

CK: Genau. Gibt es Ausstellungsbeteiligungen, die geplant sind?

Ich bin bei ein paar Sachen dabei, aber sie fallen mir im Moment nicht ein. Eigentlich peinlich…(Pause) Und im April gibt es eine Musik aus der Batterie Performance.

Du hast bislang noch keine Galerie, die dich vertritt. Ist das eine schwierige Angelegenheit Galerien für die eigene Arbeit zu interessieren?

Ich weiß gar nicht, ob mir eine Galerie im Moment helfen würde. Mein “Kunstbetrieb” ist im Moment nicht ausgelegt auf Produktion und deshalb bin ich lieber bei ein paar Ausstellungen dabei, für die ich mir Zeit nehmen kann, wo ich Spaß dabei hab. Einen Galeristen zu haben, für den ich ständig irgendwelche Sachen nach produzieren muss, das wird früh genug kommen.

CK: Wie schaut ein besonders gelungener Tag bei dir aus?

Wenn ich abends total erschöpft ins Bett falle – und der Tag sollte generell mindestens 36 Stunden haben.

CK: Vielen Dank fürs Interview.

Danke gleichfalls.

Daniel Hafners bisherige Arbeiten sowie weitere Informationen zu seiner Person sind auf der vom Künstler vor kurzem eingerichteten Webseite http://danielhafner.com abrufbar.

Interview

Wilhelm show me the major label ist ein junges Grazer Gitarrenlabel, welches Ende 2007 gegründet wurde. Vor kurzem sind die ersten beiden Releases auf Compact Kassetten veröffentlicht worden. Christian Sundl, Mitbegründer von WSMTML, erschien beim interview zwar mit Mp3-Player – gedreht hat sich das Gespräch aber um das Musikmedium der 70er und 80er Jahre, Indie-Noise, die Bands des Labels und die kommenden Releases. (veröffentlicht am 8. Juli 2008)

CK: Wozu habt ihr eigentlich ein Label gegründet?

Christian: Das Label dient zur Unterstützung der zahlreichen Bands, die auch abgesehen von WSMTML nirgendwo vertreten sind. Ich habe zuvor schon die Pressearbeit für Lady Lynch gemacht. Ob ich für eine Band oder gleich für 7, 8 Bands die Pressearbeit mache ist relativ egal. Der Zeitaufwand ist annähernd der gleiche. Da war es dann kein großer Schritt zum Label. Es sind ja nur ein paar Stunden in der Woche und es macht mir auch Spaß.

CK: 9 bands sind doch für ein junges Label ganz schön viel?

Christian: Wir sind 5,6 Bands von maximal 7 Leuten oder so. Da jeder in jeder Band zusammenarbeitet. Das komische ist, dass die Projekte gar nicht so unterschiedlich sind, man hat den Bereich Indie und dann unterteilt man das in den Bereich Noise, Post-Punk, aber im Grunde ist alles Indie. Da ist man dann schon sehr speziell bei den einzelnen Bands. Da wird ein Genre aufgeteilt in noch mehr Subgenres. Im Grunde ist es so, dass jeder seine Hauptprojekte, die für jeden am wichtigsten sind, hat.

CK: Es gibt eine zweite Person die an dem Label beteiligt ist, oder?

Christian: Ja, die Idee des Labels ist von m Mario Rampitsch von feinkostroyal. Er trat mit dem Vorschlag an mich heran.

CK: Warum gerade ein Kassettenlabel?

Christian: Zuallererst einmal ist es ein Medium das abspielbar ist. Heute haben viele Menschen noch einen Kassettenplayer bei sich daheim herumstehen. Es gibt aber noch einen anderen Aspekt: Sie wird von anderen Labels kaum mehr verwendet. Wenn wir als Promo mit einer CD daherkommen und sagen, dass das die CD mit unseren bands ist, dann hat das nicht so den Effekt. Die Musik ist die gleiche aber eine Kassette hat heutzutage einfach einen anderen Stellenwert.

1. Mixtape von Wilhelm show me the major Label

CK: Die erste Auflage ist bereits vergriffen. Habt ihr damit gerechnet so schnell ausverkauft zu sein?

Christian: Im Grunde sind 50 Kassetten ja nicht soviel, die muss man schon durch Freunde loswerden (lacht). Die Kassette von „tv buddhas“ (2. Release) ist da auch so ein Prüfstein, wie andere Bands angenommen werden. Bei Lady Lynch haben wir von der ersten CD ungefähr hundert Stück verkauft. Aber wie viele Leute es sich wirklich angehört haben weiß ich nicht. Da liegt die Zahl meiner Meinung nach bei 20 Personen. Ich komme jetzt drauf wie praktisch Kassetten sind. Die sind einfach robust, da passiert einfach nichts. Die Hülle wird zwar relativ schnell hin, aber wenn eine CD herunterfällt und ein Kratzer drin ist dann ist es vielleicht schon vorbei. Man kennt auch noch das Geräusch wenn man eine Kassettenhülle aufmacht und es knirscht. Der Albumcharakter kommt bei den Kassetten ebenfalls viel stärker raus.

CK: Neben den Kassetten bietet ihr die Musik zum digitalen Download an. Wie komme ich wenn ich die Kassette gekauft habe zu den mp3s?

Christian: In den Kassetten befindet sich ein Code mit dem man Zugang zu den mp3s auf unserer Homepage bekommt. Wenn wir das nicht gemacht hätten bestünde die Gefahr, dass sich die Leute vielleicht nur die Kassetten kaufen und die Musik nicht anhören. Die Kassette ist zwar ein Sammlerstück welches man vielleicht daheim stehen haben will. Die Leute sollen aber eben nicht nur das Objekt kaufen.

CK: Was steckt hinter dem Namen WSMTML?

Christian: angefangen hat das mit „Wilhelm show me the Diagram“, das war eine Myspace Seite, wo freunde von mir CD Reviews geschrieben haben und ich hab die gepostet. Der Name kommt von einem Lied von Rip Rig + Panic, einer New Wave Free Jazz Partie aus den 80ern mit Neneh Cherry. Die hatten ein Lied das hieß Wilhelm show me the diagramm. Dann gibt es die Konzertreihe wilhelm show me the microphone“ und auf WSMTML sind wir einfach so gekommen. klingt auch witzig, und es passt ja auch, dass es ja so sein soll dass größere Labels auf die Bands aufmerksam werden.

 

CK: Gibt es einen gemeinsamen musikalischen Nenner der Bands die auf dem Label vertreten sind?

Christian: Im Grunde genommen ist der Sampler als Mixtape eine Ausnahme, da auch viele Elektro Bands darauf vertreten sind. Der Fokus liegt aber mehr auf Indie-gitarren Musik. Ob das jetzt mehr Post-Punk wird, oder mehr Noise ist. Die Gitarre steht schon im Vordergrund.

CK: Wie kann ich als MusikerIn / Band eigentlich an euer Label herantreten und ist das Label an einen Musikstil gebunden?

Christian: Einfach ein Email schreiben und sagen, dass ich es sie mir anhören soll. Es ist dann schon so, dass manche Sachen super sind und mir gefallen aber dann doch nicht passen. Bis jetzt ist das noch nicht passiert, da sich die Anfragen auch noch in Grenzen halten. Klassische neue Musik wäre zum Beispiel unpassend auf dem Label, obwohl es prinzipiell super ist.

CK: Ende der 70er und Anfang der 80er war die Kassette ja ein Medium gegenkultureller Strömungen. Mit der Etablierung der Leerkassette war es dann auch das erste DIY Verbreitungsmedium, da es leicht möglich war seine eigene Musik zu veröffentlichen. Hat dieser oder ein ähnlicher Gedanke bei der Wahl des Mediums eine Rolle gespielt?

Christian: Auf jeden Fall. Dadurch hat die Kassette einen sympathischen Symbolstatus und das spielt natürlich auch eine Rolle. Es gibt aber auch immer mehr Kassettenlabels. Hauptsächlich aus dem experimentellen Hardcore Bereich, viele aus Deutschland. da gibt es auch noch Labels, die sich die Kassetten im Supermarkt kaufen. Wir lassen sie aber produzieren, wegen der Optik und dem Design.

CK: Wer ist für die grafische Gestaltung der Kassetten verantwortlich?

Christian: Beim ersten Release war es Philipp Kanape der bei dem Grafikdesignbüro engarde arbeitet. Wir schauen, dass jedes Mal ein anderer Künstler oder Designer etwas macht, damit es schön abwechslungsreich bleibt. Das Artwork ist ein wichtiger Aspekt. Es hat den gleichen Stellenwert wie eine Nummer auf dem jeweiligen Album.

CK: Wie und wo produziert ihr die Kassetten?

Christian: In Leipzig gibt es jemanden. Der hat ein Gerät wo man von einer Kassette auf 7 gleichzeitig überspielen kann. Wir haben auch überlegt es selbst zu machen aber da es nicht so teuer ist, lassen wir produzieren.

CK: Habt ihr Kontakte zu anderen Kassettenlabels?

Christian: Das label Numavi verwendet alle Medien – eben die, die sie für richtig halten. Gerade haben sie eine Diskette herausgebracht. Darauf findet sich eine 1-minuten Nummer. (lacht) Wir haben generell Kontakt zu Labels die CDs produzieren. Der Kontakt bei anderen Kassettenlabels passt meistens nicht, da die Musik einfach nicht zu unserer passt.

CK: Was verbindest du persönlich mit einer Kassette? Gibt es Kindheits- oder Jugenderinnerungen wenn du an das Medium denkst?

Christian: Irgendwann zum 12. Geburtstag hab ich einen Kassettenspieler bekommen und meine Mutter hat mir damals auch meine erste Kassette aufgenommen. Die war mit Liedern bespielt, die eigentlich nur ihr gefallen haben. (lacht) Aber es war okay. Mit zwölf ist man da noch nicht so. Meine erstes Nirvana Album war auch auf Kassette. Also bin ich auch noch in die Grunge-Zeit mit Kassetten gekommen. Irgendwann bin ich aber umgestiegen.

CK: Welche Veröffentlichungen / Aktivitäten sind geplant?

Christian: Am 26. Juli wird die Split Kassette von „killed by 9V batteries“ und blackfox dance am „Sil Festival“ in Niederösterreich präsentiert. Da sind wir jetzt gerade mit den Aufnahmen fertig. Wir haben noch eine russische Band. Die heißt pboyul und klingt sehr nach Tuxedomoon. Von denen kommt auch ein Release heraus und im Sommer gibt es noch einmal eine Auflage vom Mixtape.

CK: Was bietet ihr euren Bands? Habt ihr Vertriebsstrukturen oder wie kommen die Kassetten unter die Leute?

Christian: Es kommt immer darauf an. da wir immer geringe Stückzahlen machen gehen wir davon aus, dass 50 Stück relativ schnell weg sind. Falls doch welche übrigbleiben werden diese, da wir bei „kim records“ als Sublabel laufen, über den Vertrieb von Trost auch in anderen Plattenläden erhältlich sein. Wir stellen auch 3-4 Kassetten zum Verkauf zu dux records. Noch dazu gibt es auf der Homepage von KIMpop einen Shop wo man sie bestellen kann.

CK: Seid ihr auch für elektronische Bands / Projekte offen?

Ja wenn sich jemand meldet und es ist gut, wieso nicht. Es ist ja auch schwer. Elektronische Bands haben glaube ich ein bisschen Angst vor Kassetten. Es muss auch in den Clubs gut kommen. Die sind sehr auf Qualität bedacht und das ist bei den Kassetten nicht so gegeben. Da ist es für Noise Bands leichter. Wobei die Qualität der Kassetten schon gut ist. Also es ist nicht so, dass es rauschen würde. (lacht)

CK: Wie sieht es mit Feedback und Presseecho aus?

Christian: Auf fm4 hatten wir schon 2 Interviews, sowie einen Bericht. Es sind vor allem kleine, die man halt kennt. fm4, der Falter, das Skug. Blogs kennt man oft auch nicht. Ich bin von Lady Lynch auch so gewohnt, dass die Presse auf mich zukommt. (lacht) Man hat nie richtig Pressearbeit gemacht aber es gibt immer wieder jemanden von einer Zeitung oder Zeitschrift, dem es gefällt und etwas machen möchte und beim Label ist es ungefähr das gleiche. Sobald man die Journalisten dann kennt, spart man sich eine große Presseaussendung und schickt es an diejenigen, die es interessiert.

CK: danke für das interview.

auf der homepage von WSMTML finden sich Infos zu den einzelnen Bands, viele Hörproben sowie Informationen zu den bisherigen Veröffentlichungen.

Interview

Sie haben bereits in ihrer Kindheit mit Tapeloops experimentiert, Radiosendungen zerstückelt und ihren eigenen Environmental-Aufnahmen gelauscht. Ihre Alben werden aus einem Pool an Rohmaterial kompiliert, dauern nicht länger als 30 Minuten und spannen dabei den Bogen zwischen verschiedensten emotionalen Zuständen. Die Rede ist von ‘den ewigen Optimisten’ Winterstrand. Die 3 Brüder Simon, Daniel und Matthias Hafner haben Ende letzten Jahres ihr aktuelles Album „to be the odd one out„ (zu dt.: der Außenseiter sein) auf dem österreichischen Netlabel laridae veröffentlicht. Anlass genug mit ihnen über ihre terroristischen Unternehmungen in ihrer Kindheit, über die Wichtigkeit etwas zu Ende zu bringen, die existenziellen Themen des aktuellen Abums, das Musizieren mit der Familie und den manchmal aufkommende Neid auf das Schaffen des anderen zu reden. Welcome to the dark Side of Winterstrand. (Interviewer: Christian Kahr. Datum der Erstveröffentlichung: 5. März 2008)

CK: Ende vergangenen Jahres ist euer aktuelles Album „to be the odd one out“ auf dem Netlabel laridae erschienen. Was war die Intention dieses Album zu machen?

Simon: Eigentlich ist es schon über ein Jahr her, dass wir mit Herwig Holzmann (photophob), geredet haben, dass es Sinn machen würde auf laridae zu veröffentlichen. Es hat sich dann doch über ein Jahr gezogen, weil wir auch mit anderen Projekten beschäftigt waren. Es ist eigentlich kein großes Konzept dahinter, wir machen in unterschiedlichen Phasen unterschiedlich viele Tracks. Das Album ist eigentlich eine Art Compilation, obwohl der Gedanke da war etwas in eine darkere Richtung zu bringen als wir es bis jetzt gemacht haben. Es sind vor allem Aspekte die eher düster ausgefallen sind, die aber genauso melodiöse Teile beinhalten.

Matthias: Diese eher düstere Grundstimmung ist aber natürlich auch etwas das gewachsen ist. Ich würde jetzt also nicht sagen, dass das jetzt ein Konzept war, dem wir nur nachgeeifert haben.

Daniel: Es ist einfach schön sich dem Druck auszusetzen Dinge zu einem Ende zu bringen. Das kann einen gut weiterbringen.

CK: Seit der Veröffentlichung von “to be the odd one out” ist mittlerweile etwas Zeit verstrichen. Was sind eure persönlichen Erfahrungen mit dem Album, was denkt ihr über erhaltenes Feedback?

Simon: Das außergewöhnlichste Feedback war: Das Album ist so super, so hätte das neue Tom York Album (The Eraser A.d.V.) sein sollen. (lacht) Das ist schon hart weil das natürlich eine ganz andere Qualität hat. Wir sind ja sehr kritisch mit unserer eigenen Sachen und viel zu wenig selbstbewusst. Dann ist es lustig eine Kritik zu hören, die sozusagen über das Ziel hinausschießt. Ich denke aber, dass es vielen Leuten gefällt. Generell bin ich schon etwas Feedback süchtig, weil ich soviel Energie investiere und die brauche ich dann auch wieder zurück. Wenn ein paar Leute wirklich berührt sind oder etwas daraus schöpfen können, dann ist das viel wert.

Matthias: Ich hab mich in letzter Zeit – seit ich in Berlin war im Prinzip – eher zurückgezogen was die Musik betrifft bzw. mich mehr auf andere Dinge konzentriert. Daher ist mein Blickwinkel auf alle Prozesse von Winterstrand ein etwas anderer als bei Simon und Daniel. Dieses Album ist das erste, bei dem ich eigentlich nichts beigesteuert habe als Kritik – also meine Meinung als mehr oder minder beeinflussendes Moment. Deshalb hab ich etwas Distanz zu diesem  Album. Trotzdem finde ich es großartig! Es versteckt sich in dem Album ein wichtiger und gelungener Prozess denke ich.

Daniel: Ich bin – und das unterscheidet mich von Simon – relativ uninteressiert an Feedback und Öffentlichkeit – mein persönlicher Zugang zum Album hat sich seither kaum geändert – ich höre es hin und wieder und ich finde es nach wie vor rund.

Simon: Das finde ich ja gerade so toll, dass es euch nicht interessiert. Ich bin halt der, der das ganze ein wenig mehr nach Außen zerrt .. und deswegen hat sich diese Feedbackschleife bei mir gebildet … ist zwar manchmal nervig.. aber da das Feedback ja auch meistens gut ist, hab ich kein Problem damit.

Daniel: Ich fühle mich dadurch aber immer ein wenig in einer Schuldposition.

Simon: Das kommt sicher deshalb weil du zu spät getauft worden bist. (lacht)

Matthias: Ich hab nie Schuldgefühle – wahrscheinlich weil ich nie getauft worden bin.

CK: Wie entstand der Titel zu „to be the odd one out“, eurem aktuellen Album?

Daniel: Ich weiß es nicht mehr…

Simon: Bis jetzt war es ja meistens recht klar wie die Alben heißen. Aber diesmal hab ich ein wenig gesucht .. also wie schon alles fertig war. Im “Leo” gebe ich zu.

Matthias: Wir hatten da ein Foto, das wir sehr gerne als Coverbild benützt hätten – dazu passte der Titel ganz gut, aber letztendlich hat sich das Cover dann doch geändert.

Simon: Weil es ja ein wenig um die düstere Stimmung ging am Album kam ich dann zu diesem “Außenseiter sein”. Also das schmerzliche Gefühl – als Kind, als Teenager – manchmal auch später noch.

Daniel: Dass ich das erst jetzt erfahren muss.

CK: Was verbindet ihr persönlich mit dem Gefühl ‘ein Außenseiter zu sein’?

Daniel: Die Tracks haben für mich auch mit existenziellen Themen zu tun wie eben das Gefühl ein Außenseiter zu sein, welches wir sicher alle kennen.

Simon: Das sich selbst Fragende (possibly); das sich Trauen (dimensionsbrecher). das sich getraut haben (rave dans un champ des choux-raves). Was im französischen soviel heißt wie “Rave in einem Kohlrabifeld“… eben so ein Wortspiel…

Daniel: Dann das Erkennen von Fehlern (morbide)

Matthias: Ich kann mich mit der Rolle des Außenseiters auch identifizieren – das hat so was von einem Urkampf.

Simon: Genau! und „the white table“ (alles Nummern des Albums A.d.V) am Schluss.. also – Quasi: Alles ist möglich… Schön eigentlich, dass wir das jetzt so auflösen. Jetzt merk ich erst, dass das wirklich rundherum passt.

Matthias: “Alles wird gut” – das ist irgendwie das Gefühl das unsere Schlussnummern auch immer transportieren wollen.

Daniel: : )

Simon: ja… Alles wird gut! Die ewigen Optimisten…

Matthias: Dabei sehe ich mich als kritischen Realisten. Wie auch immer.

CK: Wann gibt es bei euch den Punkt wo ihr sagt, jetzt mach ich eine Nummer, weil ich mein Gefühl am besten in dieser Form ausdrücken kann?

Matthias: Ich glaube, dass da eben das System des Kompilierens aus einer ganzen Menge Tracks heraus da ganz zentral ist. Also, wenn ich mir vorstelle so aus einem linearen Produktionsprozess heraus ein Album entstehen zu lassen, dann glaube ich, wäre es nicht möglich solche Bögen zu spannen. dann würden sich die einzelnen Nummern vermutlich zu sehr ähneln.

Daniel: Bei mir ist das eher so: Simon sagt mir das es schon höchste Eisenbahn ist, die fürs nächste Album ausgewählten Tracks weiterzumachen – dann warte ich noch ca. zwei Wochen bis eineinhalb Monate und dann setz ich mich so um 23:30 hin und öffne mein Programm. Das ich einen neuen Track mache kommt eher selten vor und lässt sich weder zeitlich noch situationsbedingt festhalten. Jedoch ist es meistens phasenweise, dass ich z.B. innerhalb von einem oder zwei Monaten 5 neue Tracks mache.

Matthias: Für mich gibt es jedenfalls sehr viele unterschiedliche Arten eine Nummer zu beginnen. Manchmal gibt es eine konkrete Idee wie eine Melodie oder ein Soundexperiment, oder einfach nur Lust. Dann abwarten ob sich diese Lust irgendwie manifestiert in etwas begeisterungwürdigen.

CK: Werdet ihr das Konzept des Kompilierens auf den nächsten Alben beibehalten?

Simon: Im Prozess verändert sich das ganze doch immer stark, aber wir haben für das nächste Album schon viele Nummern die wir verwenden wollen. Die sind nicht hundertprozentig aktuell. Es gibt auch Tracks die dann noch im Planungszeitraum davor entstehen. Wir tragen einzelne Fragmente zusammen. Was wichtig ist: Wir komponieren nicht zweckgebunden an einer Nummer aber es sollte für uns gefühlsmäßig eine Seite wiedergespiegelt werden, die wir im Album noch präsent haben wollen. Es geht um Aspekte die wir berücksichtigt haben wollen, da wir alle drei unterschiedliche Zugänge haben.

Daniel: Ich springe gerne über meinen Schatten. deshalb hätte ich auch nichts dagegen, wenn das nächste Album sich sehr unterscheidet von den vorherigen. Ich würde es begrüßen.

 

Matthias: Es ist halt immer wichtig, dass man einen Schritt weiter geht. – In welche Richtung der dann ausfällt ist Geschmackssache. Dass wir da marktorientiert denken würden, davon sind wir sowieso weit entfernt. Rumprobieren, ausprobieren, das ist für mich sehr zentral. Das System des Kompilierens kommt dem dann halt auch sehr entgegen.

CK: Was ist für euch das besondere eines Winterstrand Albums bzw. eurer Musik?

Matthias: Das Besonderste an unserer Musik ist für mich, dass sie von uns ist.

Simon: Also auch wenn das Winterstrand – Musikmachen nicht unbedingt unter Zeitdruck passiert, ist es dennoch oft in Schüben – wo dann gleich mal 2-5 Tracks entstehen – und oft geht es mir durch persönliche Probleme dabei emotional sehr intensiv – oder auch wenn ich durch Krankheit ans Bett “gefesselt” bin, dann mach ich Musik. Das wird meistens auch ganz gut. Ich bin ja auch auf meine Solosachen (Simon/Off Sun People Anm.d.V.) konzentriert aber dennoch weiß ich, dass wenn ich mich dann wieder hinsetze mit dem “Winterstrand Gedanken” dann kommt etwas aus einer momentanen Stimmung heraus. Sehr oft bin ich auch von Sachen beeinflusst die um mich herum passieren. Stimmungen und manchmal auch Zitate von Filmen die mich berühren.

Matthias: Für mich ist der Prozess des Machens ein sehr geheimnisvoller – ich könnte nicht sagen wo da der Kern dabei liegt.

CK: Daniel gab diesem Chatgespräch den Titel „Musizieren mit der Familie“. Was ist anders wenn man mit Menschen, die man schon so lange kennt gemeinsam an einer Sache arbeitet?

Daniel: Die Kommunikation und das Wissen um das Wissen des anderen.

Simon: Das Grundverständnis glaub ich ist ganz anders. Ich muss da nicht unbedingt Sachen hin und herschicken. Die Möglichkeit – auch wenn du keinen einzigen Sound bewegt hast – in einem konkreten Stück es als “dein” Stück begreifen zu können.

Matthias: Au ja. Für diesen Fall hast du Simon ja aber auch noch die Ausweichmöglichkeit auf dein eigenes Pseudonym.

Daniel: Ich aber auch.

Simon: Ich glaub das mit dem Pseudonym ist nur eine Möglichkeit Winterstrand von ganz viel Schrott zu verschonen… (lacht)

Matthias: verdammt.

Daniel: nein.

CK: Ihr habt ja schon im Kindesalter mit Klang und Musik experimentiert. Wie sah eurer damaliger Zugang im Vergleich zu heute aus?

Daniel: Es ist ein Traum von mir wieder so frei zu denken wie es für mich damals selbstverständlich war. Ich versuche, meist erfolglos, mir den Alltag so zu gestalten das ich mich von Zeit zu Zeit total gehen lassen kann.

Simon: Eigentlich gibt es zwei Zeitstränge. Auf der einen Seite die Anfangszeit am Rechner Musik zu machen, das ist die Linie die sich bis heute durchzieht… Und davor die Zeit, die wir als Kinder damit verbracht haben, mit Sound zu experimentieren. Die eigenen Stimmen aufnehmen, eigene “Radiosendungen” aufnehmen, mit Instrumenten herumspielen. Damals hat das begonnen, so zur Volksschulzeit mit Tape-Loops, Boxen rausstellen, die Nachbarn terrorisieren mit auf 30 Minuten geloopten Rülpsen und Klospülungen (lacht)… oder auch Environmentaufnahmen. Das haben wir so gesehen relativ früh gemacht. Schauen was passiert und die Sachen zusammenstückeln war die Devise. Das hat sich etwas verlaufen durch Schulstress und andere Sachen. Dann bekam ich irgendwann über einen Schulkollegen das Programm Fasttracker. Da sahen wir das erste mal die Möglichkeit mit dem Computer so etwas ähnliches zu machen. Das hat sich weiterentwickelt – hat uns nicht mehr losgelassen.

Matthias: Ich muss da bescheiden sagen, dass ich, was die Musik betrifft total der Mitläufer war. Was die beiden Jungs, die ja beide älter sind als ich, gemacht haben war für mich halt auch immer interessant und da hab ich dann halt immer auch mitgemischt. oder mich eingemischt.

Simon: Wir waren lange Zeit sehr isoliert weil wir niemanden kannten, der auf diese Art Musik machte. Wir haben es hauptsächlich für uns gemacht. Für Daniel und Matthias ist es heute vielleicht noch mehr so wie damals. Bei mir ist das Auflegen dazugekommen und dadurch bin ich da auch etwas mehr nach Außen gegangen. Das haben meine Brüder nie auf diese Weise gemacht.

das gesamte Album zum Anhören:

 

CK: Man hört auf dem aktuellen Album (wie bei den Alben zuvor) auch Aufnahmen aus der Experimentierphase eurer Kindheit. (the white table – A.d.V.) da hat sich über die Jahre doch ganz schön viel Material angesammelt, oder?

Simon: Als Kind denkt man nicht primär an Archivierung, da ist der erlebte Moment das, was zählt. Deshalb ist da auch immer wieder vorgekommen das etwas gelöscht wurde. aus der frühen Phase als wir mit dem Computer angefangen haben, haben wir mehr Material. Da haben wir mit Tapes gespielt, mit Mikrophonen, Gitarren, Effektgeräten und Feedbackschleifen experimentiert. Zu „the white table“: Der Track wurde 2-3 Wochen vor der Veröffentlichung fertiggestellt. Es gibt so gewisse Fixpunkte in unseren Alben. Wir entwickeln uns da nicht so von Album zu Album. es gibt so eine Struktur wie das Album ausschauen soll und da brauchen wir eine Schlussnummer, die für uns ein bestimmtes Gefühl transportiert. So wie auf dem Miga-Album ist da ein Sample drinnen, welches ein wenig versteckt ist. Beim Miga-Album muss man die Nummer rückwärts spielen und bei „The White Table“ muss man das eher herausfiltern.

Daniel: Yes.

CK: Eure Alben sind eigentlich Mini-Alben, sie sind relativ kurz, bestehen aus maximal 9 Nummern. Ist das Konzept oder einfach nur Zufall?

Daniel: Konzept und Zufall sollten sich meiner Meinung nach nicht ausschließen.

Simon: Ich würde sagen ab jetzt ist es Konzept. (lacht) Bei den ersten beiden Alben hat es sich zufällig ergeben. Es waren neun Nummern mit ca. 30 Minuten Länge. Ich finde das schön einen Rahmen zu haben und wir werden das wahrscheinlich so beibehalten. Früher waren Alben auch nicht länger als 30 bis 40 Minuten. Zum Beispiel alte LPs, die nicht so dicht bespielt waren. Ich hab viele 70er Jahre Schallplatten, die sind einfach nicht länger. Später, wie die CD auf den Markt gekommen ist, hat es dann meistens längere Versionen gegeben oder einen Bonus Track. Dass ein Album eine Stunde oder 74 Minuten lang ist, hat ja auch etwas mit technologischer Entwicklung zu tun. Für mich muss ein Album, um eine runde Sache zu sein, nicht zwingend 60 Minuten lang sein.

Matthias: Außerdem machen kurze Alben weniger Arbeit. (lacht) Nein, im Ernst: Ich finde es einfach auch sinnvoller die Essenz eines Produktionszyklus herauszufiltern und das bedingt eben, dass man sich mit kritischem Blick von vielem trennt, was man gemacht hat und was man eben nur als mittelmäßig ansieht oder so. Weniger ist mehr – der alte Spruch der kommt da für mich schon zum tragen.

CK: Ihr wohnt im Moment örtlich voneinander getrennt in Wien und Graz. Wie schaut die Arbeit an den einzelnen Nummern aus? Schickt ihr euch gegenseitig Samples zu, oder hört ihr euch fertige Sachen der anderen einfach nur an?

Simon: Auf der einen Seite arbeiten wir auf unterschiedlichen Produktions-plattformen d.h. rein technisch können wir zumindest im Moment gar nicht die Tracks austauschen.

Matthias: Unsere Sample-Bänke tun wir immer wieder mal, wenn auch sehr sporadisch, einander abgleichen; also wenn da was interessantes neues Material dazu kommt. Das bedingt allein schon der Neid.

Simon: Wir haben auch sehr viele Nummern die halbfertig auf unseren Rechnern herumliegen – wo der eine dann den Track vom anderen fertigstellt. Es passiert schon, dass wir Tracks austauschen, aber die liegen eher in einem Archiv herum und werden dann mal ausgegraben. Es passiert eher, dass jemand von uns eine Nummer entdeckt und er denkt er möchte die jetzt fertigstellen oder zumindest daran weiterarbeiten. Wir schicken aber Tracks hin und her um uns gegenseitig zu bestärken bzw. wo wir um die Meinung des anderen zu der Art der Nummer und/oder des Arrangements bitten. Feedback holen ist wichtig und das funktioniert eigentlich sehr gut. Bei der Fertigstellung des Albums sitzen wir dann noch zusammen und gehen die Nummern nochmals durch um unseren soundtechnischen Ansprüchen gerecht zu werden. Was wir früher auch nicht gemacht haben. es ist auch unser erstes Album mit professionellem Mastering für das sich unser Freund Kabelton (Gerald Schauder – A.d.V.) verantwortlich zeichnete. Wenn man das gemasterte Album mit früheren vergleicht macht es schon einen Unterschied. Obwohl alles seine Qualität hat. Ich finde Sachen, die roh produziert sind nach wie vor spannend. Sich mit Mastering als Prozedur zu beschäftigen, ist aber im Moment gerade für mich sehr interessant.

Daniel: So ist es.

Matthias: Mir ist das Mastering auch nicht wurscht. Ich bin immer schrecklich unzufrieden, wenn was nicht richtig fetzt, so wie ich mir das vorstelle. Ich möchte, dass das Mastering oder die richtige Mischung einfach etwas ist, das man so als technische Grundvoraussetzung beherrscht, um sich dann voll auf den kreativen Teil des Produzierens konzentrieren zu können. Im Moment ist es bei mir aber eher noch so, dass Nummern so entstehen, dass am Ende noch ein schrecklicher Kampf ums Mastering ansteht. Aber das wird auch zunehmend besser.

CK: In welcher Art und Weise beeinflussen eure anderen Betätigungsfelder/Projekte Winterstrand und umgekehrt?

Matthias: In meinem Fall momentan insofern, dass ich zurzeit sehr wenig Musik mache. Aber das wird sich demnächst wieder ändern. Aber ich merke keine direkte Beeinflussung oder Wechselwirkung was meine unterschiedlichen Tätigkeiten oder Interessen betrifft.

Daniel: Schwierige Frage. Ich arbeite ja in sehr viele Richtungen in so einem fast oszilierenden Rhythmus. Es scheint, als käme ich immer wieder auch zurück zum derartigen Musik machen.

Matthias: Ich habe seit jeher den Kampf mit mir selbst, dass ich mich auf kein Interessensfeld richtig konzentrieren kann, da immer so viele Dinge parallel interessant sind. So ändert sich auch mein Musikgeschmack andauernd. Es entstehen dann sehr oft Dinge, die nicht mit Winterstrand unter einen Hut zu bringen sind, weil sie eben so ein ganz anderes Feld öffnen. Diese Stücke bleiben dann meistens unfertig liegen und warten darauf, dass sie irgendwann wieder von mir wahrgenommen werden. Es passiert ja oft, dass wir alte Nummern von einander wiederentdecken und in ganz neuem Licht sehen. Diese werden dann wieder aufgenommen und adaptiert, oder daraus gesampelt. So entstehen wieder neue interessante Dinge. Es ist auf jeden Fall nie etwas umsonst. Ich glaube daran, dass wir irgendwann auch wieder etwas näher zusammenkommen, was Winterstrand betrifft.

Simon: Ich sag mal so. Ich würde mir vielmehr Winterstrand in meinem täglichem Leben wünschen. Wie das dann konkret aussehen könnte weiß ich auch nicht. Es ist eher eine Sehnsucht mit der ich mich bewege und die in gewissen Momenten, beim Livespielen, Musikmachen, zusammensitzen mit Familie oder guten freunden, Musikhören und beim Tanzen manchmal erreicht wird.

CK: Das neue Album, “to be the odd one out”, klingt dunkler und schwerer als die Letzten. Woher kam der Wunsch ein eher düsteres Album zu machen?

Simon: Weil es eine Seite an uns ist, die uns wichtig ist, die aber bei den bisherigen Veröffentlichungen unterrepräsentiert war. Es hängt auch durchaus mit dem Live Spielen zusammen. Wir spielen ja nicht so oft, aber wenn wir spielen machen wir dann teilweise eigene Tracks dafür, die durchaus in eine düstere Richtung gehen. Das hat uns eigentlich sehr viel Spaß gemacht und wir haben diese Musik als besonders kraftvoll empfunden. Das wollten wir ein bisschen weitergeben. Grundsätzlich macht das schöne, melodiöse im Gegenspiel mit den dunkleren Teilen ja auch einfach mehr Sinn. Für mich war die Intention, dass vieles was wir um uns wahrnehmen, doch sehr dunkel ist und da ist das Album eine Art Gegenreaktion. Man kann es aber auch so sehen: Wir haben eigentlich eine glückliche Zeit durchlebt und deshalb hatten wir die Möglichkeit etwas dunkleres zu machen.

Matthias: Immer nur diese lieblichen Melodien – das ist nicht nah am Leben. In der Masse kann das mittlerweile so abstoßend auf mich wirken. Das Album finde ich ja eigentlich gar nicht düster – es bewegt sich für mich nur in dem Spannungsfeld zwischen den gewohnten “schönen” Melodien und eben etwas härteren Elementen.

Daniel: Ich empfinde an den Tracks auch gar nichts düsteres. Es geht wie es eben auch im Leben ist, halt nicht immer um die selben Dinge. Manchmal geht es einem eben nicht gut.

Matthias: Für mich hat das gar nicht unbedingt mit persönlicher Verfassung zu tun sondern viel mehr mit beobachten des Umfelds oder der Welt – ohne zu pathetisch klingen zu wollen.

CK: Die Melodien wie bei der Nummer ‘sense of nothing’ sind sehr verspielt und komplex. Die Ästhetik erinnert mich mitunter an Musik von Philip Glass. Wie entstehen eure Melodien / erste Teile eurer Musik und mit welchen Programmen arbeitet ihr?

Daniel: Der Link zur minimal Musik finde ich schön. Danke. Ich habe ja auch ein Soloprojekt am laufen wo es viel mehr in diese Richtung geht. Was die Produktion betrifft bin ich wieder zurückgekehrt zu unserem Ursprung und arbeite in einem Trackerprogramm. Das arbeiten dort ist sehr roh und abstrakt – die Möglichkeiten im Vergleich zu einem Ableton Live (Digital Audio Workstation A.d.V.) sind sehr eingeschränkt – aber es bietet auch viele Möglichkeiten die man sonst nirgendwo hat.

CK: In eurer Musik sind unterschiedlichste Einflüsse auszumachen. Neben elektronischen Anlehnungen an Labels wie Warp oder Rephlex findet man bei euch auch Einflüsse, die eher in Funk, Jazz und früher experimenteller Elektronik fußen. Habt ihr für Winterstrand musikalische Vorbilder und wenn ja welcher Art?

Simon: Ich würde sagen was Winterstrand betrifft, mittlerweile nicht mehr. Es hat viele Sachen gegeben die uns in unserer Anfangsphase schon stark beeinflusst haben oder von denen wir beeindruckt waren. Es spielte sicher auch die Motivation eine Rolle, einen Track zu machen der so klingt wie der oder der. Warp und Rephlex hatten sicher auch großen Einfluss. Es war ja aktuelle Musik, die uns beeinflusst hat, wie wir mit dem Computer angefangen haben Musik zu machen. Da war aber auch viel Jazz dabei – beeinflusst durch Platten die wir von unseren Eltern hatten. Dub – grundsätzlich als Produktionsweise – auch wenn man das in den Nummern nicht so hört. Mittlerweile sind wir soweit “Winterstrand Musik” machen zu können und nicht bewusst irgendwas kopieren zu wollen. Es geht uns irgendwie um ein Gefühl und das hängt eher mit uns persönlich zusammen. Assoziationen zu unserer Kindheit, zu uns als Geschwister, solche Sachen sind über die Jahre wesentlich wichtiger für die Musik geworden.

Daniel: Ich hab noch nie einen Track gemacht der klingen sollte wie (…) (lacht)

Matthias: Aber das hat vielleicht eher damit zu tun, das du es nicht geschafft hast. (lacht)

CK: Welche Vorbilder gab es in eurer Anfangszeit?

Simon: Squarepusher war auf jeden Fall zentral mit dem Album “feed me weird things”, das hat mich damals aus allen Wolken fallen lassen. Tangerine Dream, die ganz frühen Sachen. Kraftwerk. Brian Eno. Jazz – hab ich schon erwähnt – Miles Davis. Dadurch, dass ich eine Zeit lang in einem Grazer Plattenladen gearbeitet habe, hab ich ein paar 70er und 80er Jahre Musik entdeckt, die nicht die typische Kraftwerk Ästhetik hatten aber schon mit elektronischen Beats untermalt waren und sehr melodiös daherkamen. Aber nicht so schwer verkitscht, es waren eher einzelne Tracks die sich von einem Album abhoben. Peter Baumann, eben von Tangerine Dream, oder auch auf dem Label von Klaus Schulze sind ein paar Sachen released worden die ganz interessant waren. Clara Mondshine zum Beispiel.

Daniel: Ja. Die Platten die Simon ausgegraben und gespielt hat waren anfangs bestimmt prägend. Wir haben sehr genau gehört und viel analysiert. Das eintauchen in die Musikgeschichte hat uns sehr begeistert.

Matthias: Ich hab generell keine Vorbilder würde ich sagen. Ich mag Sachen oder ich mag sie nicht und ich lass mich von allem möglichen beeinflussen, teilweise auch von ziemlichem Schrott, zumindest würden das andere behaupten. Da bin ich mir sicher. Aber da kann man ja seine Geheimnisse haben. (schmunzelt)

CK: Wann hat sich der spezielle Winterstrand Sound entwickelt? Ab wann würdet ihr sagen, dass das was ihr macht Winterstrand ist?

Simon: Es gab so einen Zeitpunkt wo wir einiges an Material zusammengestellt haben und das ganze auf eine CD gepappt haben und geschaut haben, dass es zusammenpasst und dass man die CD durchhören kann. Ab diesem Zeitpunkt hat eine gewisse Selbstreflexion eingesetzt, dass wir angefangen haben zu wissen wie wir klingen. Da wir ja viele unterschiedliche Sachen machen und das auch noch zu dritt. Aus dem heraus wissen wir wie sich ein Winterstrand Album anfühlt und so hat sich das für mich entwickelt.

Daniel: Ich versuche möglichst frei zu arbeiten. Wenn es so etwas wie einen typischen Winterstrand Sound gibt, dann hat das mit meinem (vielleicht unserem) Unterbewusstsein zu tun. Ich sehe keinen Grund meine Arbeitsweise bzw. das Ergebnis zu typisieren.

Matthias: Für mich hat Winterstrand komischerweise immer etwas mit Nostalgie oder einer Sehnsucht zu tun. Ein bisschen Wehmut muss mitschwingen. so etwas zähflüssiges, dass einem gut schmeckt, was man aber so schnell nicht wieder wegbekommt. Aber zeitlich eingrenzen könnt ich da jetzt nicht, ab wann das für mich so war.

CK: Wann wird euer erster Release auf Platte zu bekommen sein? Ist das überhaupt ein Thema?

Simon: Ist eine schwierige Frage weil ich momentan den Standpunkt habe, dass mir das egal ist.

Matthias: Naja einen Vinyl-Release gibt es ja im Prinzip bereits.

Simon: Ich find die Netlabelszene sehr interessant; Ich finde auch den Grundgedanken von Creative Commons über den Umgang mit kreativem Material gut. Natürlich kann man auch auf Vinyl mit einem Creative Commons Lizenzvertrag veröffentlichen. (seufzt) Die Musikindustrie und die Plattenindustrie ist ein sehr komplexes Thema, eine schwierige Sache. Es kommt noch hinzu, dass die Winterstrand Sachen ein wenig in dem sogenannten IDM – Eck (intelligent dance music A.d.V.) drinnen sind wo es sehr viele unterschiedliche und v.a. gute Sachen gibt und ich das auch nachvollziehen kann, dass die Labels unter dem Druck unter dem sie stehen lieber auf renommierte Acts setzen oder eher tanzbare Sachen veröffentlichen. Es liegt mitunter auch daran, dass wir wenige Demos verschicken. Das letzte Demo habe ich glaub ich 2005 weggeschickt…

Daniel: Ich denke auch, dass das nicht mehr so das Thema ist wie vor ein paar Jahren. Da haben wir dauernd davon geträumt.

Matthias: Seh ich auch so.

CK: Habt ihr ein Winterstrand Lieblingsalbum?

Simon: Eigentlich nicht. Wir haben einmal ein Album zusammengestellt wie wir noch kein Label gehabt haben, das gibt es in einer Auflage von 10 oder 15 CDs. Superrar! Das wird hoffentlich mal so ein Collectors Item im handgemachten Pappcover und die CD hat geheißen: Einmal ist keinmal. Das ist meine Lieblings-CD, aber die gibt es halt nirgendwo. (lacht)

Daniel: Ich muss sagen, und das ist vielleicht ein gutes Zeichen, mir gefällt, solange ich nicht anfange für das kommende zu arbeiten, das letzte Album immer am besten.

Matthias: Ich habe kein Lieblingsalbum, so wie ich kein Lieblingsessen oder eine Lieblingsfarbe habe. Klingt langweilig, ist aber so. Für mich ist alles sehr stimmungsabhängig.

CK: Welchen Stellenwert hat für euch das live Spielen vor Publikum?

Simon: Also für mich ist das schon wichtig. Mir schwebt ja ein “richtiges” Live Konzert von Winterstrand vor. Also mit Instrumenten und allem drum und dran. Es gibt ja doch einige Nummern die eine gewisse “Band” – Affinität in sich tragen.

Matthias: Also ich wäre da sehr sehr neugierig etwas zu machen, dass mehr live passiert. Das ist eines der Dinge die ich sehr vermisse irgendwie. Aber das ist bestimmt eine sehr große Herausforderung für uns alle – vor allem durch die geografische Distanz. Diese Sache würde ein ganz anderes Produzieren verlangen, meiner Meinung nach; Ein wirklich gemeinsames Produzieren.

Daniel: Das denke ich auch, das das ein Problem ist. Außer wir erstellen ein klares Muster für ein Liveset oder eine Arbeitsweise. Aber das ist uns schon einige Male misslungen. Das live spielen erfordert phasenweise eine besonders intensive Auseinandersetzung mit der Arbeit. Ich finde zwar, das nichts über das produzieren im stillen Kämmerchen geht, aber das wie zuvor beschriebene Rohr nach außen ist auch sehr wichtig für jeden Künstler.

CK: Wie sieht für euch die Zukunft von Winterstrand aus?

Matthias: Ich denke da gar nicht unbedingt drüber nach, wohin sich Winterstrand entwickeln wird. Auf jeden Fall ist mir der Austausch den wir auf dieser musikalischen, künstlerischen Ebene miteinander haben sehr wichtig. Das wird auch bestimmt so bleiben.

Daniel: In absehbarer Zukunft bleibt Winterstrand ein fixer Bestandteil meiner Arbeit. Ich liebe diese Art zu arbeiten. Auch wenn ich längere Zeit nichts neues mache – es rumort und kommt immer wieder zurück.

CK: Vielen Dank fürs Interview.

Die Netlabelalben von Winterstrand stehen – wie es der Grundgedanke von Creative Commons vorsieht – gratis als Download zu Verfügung. Sollten sich aber einige Mp3s ihren Weg in eure Wiedergabelisten bahnen, freuen sich die drei Jungs über jeden Geldbetrag der auf ihrem Paypal Konto aufscheint.

Alle bisherigen Veröffentlichungen sind auf Discogs einsehbar.

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