Kategorie: Interview

Mag.a Kerstin Rajnar, MA lebt und arbeitet in Wien und Graz. Sie hat einen Master in Media and Interaction Design (FH-Joanneum Graz) abgeschlossen und davor Bühnengestaltung an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Graz studiert. Ihre Arbeit findet im Spannungsfeld zwischen Kunst und Design statt. Besser bekannt ist sie unter ihrem Künstlerinnensynonym „frau mag rosa pink“. Im Moment arbeitet sie als Initiatorin des weltweit ersten und wahrscheinlich einzigem Vaginamuseum. Das Interview dreht sich um Steine, die man in den Weg gelegt bekommt und der Notwendigkeit eines solchen Museums. Wir erfahren etwas über die Entstehungsgeschichte und manchmal geht’s auch bloß um Farben und dem doch nicht unwesentlichen Unterschied zwischen Rosa und Pink. Interviewer: Christian Kahr für helve.org

Helve: Frau Mag. Rosa Pink ist doch ein sehr eigenwilliges Künstlersynonym. Ein besonderer KünstlerInnenname. Woher kommt er und wie ist es dazu gekommen?

Kerstin Rajnar: 2002 schloss ich mein Studium zur Bühnenbildnerin ab und da stand die Frage im Raum wie ich mit diesem Titel umgehen soll. Da ich die Farben Rosa und Pink mag, damals schon Rosa und Pink gekleidet war und gleichzeitig Magistra bin ist die Persiflage auf den Magistra Titel entstanden. Aber ich muss dich dahingehend korrigieren, es spricht und schreibt sich „frau mag rosa pink“.

Helve: Arbeitest du noch aktiv als Bühnenbildnerin?

Kerstin: Wenn sich die Möglichkeit ergibt in dem Bereich tätig zu sein, mache ich es nach wie vor gerne, aber der Beruf der Bühnenbildnerin ist für mich eigentlich kein Thema mehr. Die letzte Bühnenbildarbeit war vor ca. zwei Jahren, da habe ich für die Design Agentur “dmcgroup” in Wien ein illustratives Szenenbild für ein Imagevideo gestaltet. Die Arbeit an sich hat mir sehr gefallen. Aber es ist einfach nicht mehr mein primärer Arbeitsbereich, dennoch hat sich über die Jahre hinweg herauskristallisiert, dass sich das Thema Bühnenbild in meinem Kunstschaffen weiterzieht. Sich selbst Raum nehmen, aber auch das Ermöglichen von Raum für Andere ist mein Anliegen. Das Arbeiten mit dem Raum, egal ob real oder virtuell oder als Metapher gesehen ist bei mir immer präsent.

Helve: Ist frau mag rosa pink gleich Kerstin Rajnar, oder sind das schon zwei verschiedene Welten für dich?

Kerstin: Am Anfang, wenn ich mich recht erinnere, gab es noch die Idee, dass die private Kerstin Rajnar, die nach Außen geht um Fördergelder zu beantragen, immer Weiß angezogen ist und frau mag rosa pink dafür da ist, Kunst umzusetzen. Irgendwie hat das aber so nicht funktioniert (lacht) denn ich bin ich und ich kann mich nicht verstellen oder in zwei Hälften teilen.

Helve: Du hast das Studium für „Media and Interaction Design“ an der FH-Joanneum in Graz abgeschlossen. Ist es lediglich ein weiteres Betätigungsfeld deinerseits, oder steckt da mehr dahinter?

Kerstin: Ich hatte bereits mit dreizehn, vierzehn Jahren den Wunsch Grafikerin zu werden. Deswegen bin ich auf die HTBLVA für Kunst und Design in Graz gegangen. Dort wurde mir aber gesagt, dass ich mit dem Raum arbeiten und alles viel größer denken soll. Man gab mir das Gefühl, dass die Arbeit im Grafikdesign so klein und detailliert ist und nichts für mich ist. Aus diesem Grund habe ich dann die Abteilung für Dekorative Gestaltung (Produktdesign und Präsentation) gemacht und ein paar Jahre später Bühnengestaltung an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Graz studiert. Vor ein paar Jahren hat mich aber der Wunsch, Grafik und Kommunikationsdesign zu studieren, wieder eingeholt und ich habe mich mit Orhan Kipcak in Verbindung gesetzt. Diese Ausbildung hatte sich in Hinblick auf das VAGINAMUSEUM.at bewährt, da der Studieninhalt stark in Richtung Mediengestaltung wie Kommunikations- und Interaktionsdesign ausgerichtet war. Es war keine dezidierte Ausbildung im Grafik- oder Videodesign, die Ausbildung gab mir diesbezüglich einen allgemeinen Überblick. Ebenso das Bühnenbildstudium, wo es stark um Raumdesign und Konzeption gegangen ist. Manchmal hole ich mir für Projekte aber auch gerne Professionist_innen an Bord (lacht). Durch die Studien habe ich zumindest ein Gespür und einen Überblick bekommen, was es auf dem Markt gibt, was dort funktioniert und was eben nicht.

Helve: Arbeiten von dir haben immer auch etwas haptisches, greifbares an sich. Man hat es dabei immer mit einer Fläche oder einem Raum zu tun und das merkt man auch bei deinen Bildern.

Kerstin: Ja, stimmt. Die Serie „RosaRot“ von 2003, die kleine Welten in Form von Triptychon-Altären zeigt, hat das bestimmt. Es ist nicht wirklich malerisch und es sind keine wirklichen Skulpturen deshalb habe ich diese Art der Malerei „Skulpturale Malerei“ genannt. Diese Art zu arbeiten ist aber gar nicht mehr in meinem Fokus. Ich habe mich unlängst mit dem Thema Blumen beschäftigt und am Computer digitale Bilder gemalt aber ich merke, dass es für mich immer mehr in Richtung Projektkonzeption geht.

Helve: Eine aktuellere Arbeit deinerseits, die Blumenbilder waren unlängst in der Sechsschimmelgalerie in Wien zu sehen. Du hast dazu gesagt, dass man auch mal was Schönes machen muss oder dass das Leben ja auch schön ist. Ist das Leben wenn man was anderes macht dann nicht so schön oder war dabei das Gefühl im Vordergrund, dass solche Bilder auch Platz haben dürfen?

Kerstin: Genau. Blumenbilder zu malen wird in der Kunstszene etwas belächelt, sollte aber durchaus auch Platz haben. Ich habe daran ohne den Gedanken, warum ich jetzt Blumen male und auch ohne dieser Begründung nach Außen gearbeitet. Ich wollte digitale Blumen malen, Punkt.

Helve: Du arbeitest mit unterschiedlichsten Materialien und der Ausgangspunkt deiner Arbeiten ist oft das Ich als Individuum, welches bei den Überlegungen zu einer Arbeit im Mittelpunkt steht. Woher kommt dieser starke Bezug auf dich selbst und ist das nicht manchmal auch etwas schwer sich selbst, auch mit unangenehmen Dingen nach Außen zu stellen? Oder anders gefragt: Fühlst du dich dann wohl, ist das einfach deines oder eine Herangehensweise mit der du dich dann auch etwas spielst?

Kerstin: Man schöpft ja die Kreativität und das Schaffen wollen, und ich denke das das anderen Künstler_innen auch so sehen, von Innen heraus. Ich behaupte, dass ich ein recht reflektierter Mensch bin. Daraus ergeben sich dann die Themen. Oder ich arbeite nach Vorgaben. Wie zum Beispiel bei der Arbeit „Papua New Guinea – Monaco (2014) zu FLAG METAMORPHOSES“ (Konzept und Produktion Myriam Thyes, Düsseldorf, 2005). Da ist ein Flashvideo entstanden. Bei der Arbeit „Das Herz ist nicht nur ein Organ“ im Jahr 2013 war ich bei der Mühle Schwarzau – Raum für zeitgenössische Kunstformen eingeladen zum Thema Wunschtraum und Utopie (Idee und Konzept Andrea Schlemmer) zu arbeiten. Es galt eine Plakatwand an der B73 zu gestalten. Meinen emotionalen Wunschtraum, meine Utopie, habe ich als Werbeslogan verpackt und illustrativ geschmückt und gestaltet. Meine eigenen Fragestellungen an das Leben oder an das System versuche ich mit den Mitteln der Kunst zu lösen. Dadurch ergibt sich automatisch ein Selbstbezug, da ich ja stark aus meinem Inneren schöpfe. Diese persönlichen Anliegen und Fragen sind oft auch gesellschaftlich relevant, so auch bei dem Projekt VAGINAMUSEUM.at.

Helve: Das VAGINAMUSEUM ist das erste Museum, dass sich ausschließlich mit dem weiblichen Geschlechtsorgan beschäftigt. Wie kam es zu der Idee?

Kerstin: Die Idee hatte ich Anfang 2011. Ich bin damals mit zwei weiteren Künstlerinnen zu einem Artist in Residence Programm nach Judenburg eingeladen worden um zum Thema 100 Jahre Frauenrechte zu arbeiten. Doris Jauk-Hinz, Nicole Oberrainer und ich konzipierten dort das Projekt „BEWEGTE STANDPUNKTE“ und ich habe mich mit dem Thema „Frauen brauchen Raum“ beschäftigt und den „PaketRaum“ initiiert. Zu diesem Zeitpunkt ist dann die Idee entstanden ein Vaginamuseum zu realisieren. Ich habe daraufhin ziemlich ausgiebig zum Thema recherchiert, aber wenig ähnliches gefunden. Es gab eine kleine Plattform in Deutschland, die momentan wieder verschwunden scheint. Ich habe das isländische phallologische Museum in Reykjavik von Hjortur Gisli Sigurdsson gefunden, aber kein dezidiertes Vaginamuseum. Im Zuge der Recherchen und der Arbeit hat sich dann herausgestellt, dass das Thema des weiblichen Geschlechts ein Tabuthema ist und nach wie vor zu provozieren scheint. Die Vagina wird pornografisiert und ist negativ besetzt. Schon allein bei der Erwähnung schämen sich die Menschen, werden rot oder lachen drüber. Ich bin noch vor Projektstart medial angegriffen worden, vor allem wie es um die Subventionen gegangen ist. Eine kleinformatige österreichische Boulevardzeitung hat sich da äußerst negativ und unvorteilhaft über die Entscheidung der FördergeberInnen geäußert.

Helve: Es war negative Werbung, aber doch auch Werbung, oder?

Kerstin: Es war eine Herabwürdigung der Weiblichkeit. Um dieses Projekt umsetzen zu können waren große Hürden, regelrechte Felsen, zu besteigen. Ich habe bei sehr vielen Stellen um Subventionen angesucht und nicht einmal 50% waren bereit dieses Projekt zu fördern. Ich erhielt auch von etlichen Frauenorganisationen eine Absage. Da gab es dann die dubiosesten Ausreden, keine Ahnung was sie sich alle gedacht haben, oder hatten sie alle Angst, ich weiß es nicht. Die Realisierung des Museums war eine lange, schwere und schmerzhafte Geburt. Es war für mich ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr nachvollziehbar, zeigte mir aber auch die Notwendigkeit eines solchen Museums. Ich habe damals auch viel mit Doris Jauk-Hinz, die an meiner Seite war und die Eröffnungsausstellung „VAGINA 2.0“ konzipiert und kuratiert hat, diskutiert. Sie war für mich eine große Stütze und es war gesamt gesehen eine wirklich gute Zusammenarbeit. Diese Hürden zeigten mir einfach die Notwendigkeit, ein Vaginamuseum zu eröffnen. Wäre das weibliche Geschlecht und somit die Frau in unserem gesellschaftlichen Denken positiv integriert, dann wäre doch niemals so ein Auflehnen entstanden. Eine Veränderungen der Sichtweisen auf das weibliche Geschlecht und somit auf die Frau würden Vorurteile abbauen, würde Normen brechen und lässt die Wertschätzung der Weiblichkeit in den Vordergrund rücken.

Helve: Es ist ein Thema wo manche Menschen Berührungsängste haben. Ich denke auch dass es für (junge) Frauen kein schlechter Ort ist um sich mit der eigenen Sexualität zu beschäftigen, oder anders gesagt, gut dass es den Platz gibt auch wenn es nur virtuell ist…

Kerstin: Nicht nur für Frauen. Das Museum ist ein virtueller Ort für Menschen jeglichen Alters, Geschlechts und unterschiedlicher sozialer und ethnischer Herkunft. Vorerst wurde auch aufgrund der Subventionszusagen von vorwiegend kulturellen Institutionen (bm:ukk Ab V/7, Land Steiermark Ab 9, Stadt Wien MA 7 – Neue Medien, Stadt Graz Kultur), die Schwerpunkte Kunst und Kultur ausgearbeitet. Es ist allerdings noch mehr geplant.

Helve: Mir ist eben auch aufgefallen, dass der kulturhistorische Bereich sehr gut ausgearbeitet ist.

Kerstin: Sara Buchbauer hat das Konzept, die wissenschaftliche Ausarbeitung und den Text für den Archivbeitrag KUNSTGESCHICHTE verfasst und emsigst an dessen Umsetzung gearbeitet. Anfangs waren ganz viele Ideen und umfassende Themen vorhanden, die wir vom Umfang her etwas reduzieren mussten. Die Frage was man erwähnt oder weg-lässt und die Frage was primär wichtig ist, und was davon nicht, war nicht immer einfach zu lösen. Einerseits war es das Ziel diesen Bereich wissenschaftlich aufzubereiten. Anderseits sollte der Bereich für jede Person, egal ob männlich oder weiblich, egal welcher Religion zugehörig, egal welcher sozialer Herkunft, einfach, verständlich und gut lesbar sein. Die Herausforderung lag auch in der Einteilung der unterschiedlichen Epochen, da sich Jene manchmal überschneiden. Man könnte zu jedem Werk eine Abhandlungen von über tausend Seiten schreiben. Aber wie bringt man das Wichtige auf den Punkt? Sie hat den Bereich sehr übersichtlich und gut strukturiert.

Das Museum war aber auch grafisch eine Herausforderung. Es galt etwas Spezielles zu finden und uns beschäftigte die Frage, wie man von dem normalen Webseitenkonzept wegkommt. Das Logo ist ein Punkt und in der Art hat es das auch noch nicht gegeben. Ein Punkt der als Öffnung verstanden werden kann und in die Vagina führt. Das erste Gestaltungselement ist ein metaphorisch dargestelltes weibliches Geschlecht. Navigiert man in die Ausstellung verwandelt sich diese Metapher zu einem Diamanten, der von Künstler_innen bespielt wird, oder es verwandelt sich in eine Blume wenn man in den kunsthistorischen Bereich navigiert. Es war spannend und so gesehen war es auch puncto Design eine lange Geburt. Aber das Konzept macht schlussendlich Sinn.

Helve: Wie viele WebseitenbesucherInnen habt ihr an einem Tag?

Kerstin: Pro Tag kann ich das nicht sagen, aber im ersten Monat der Eröffnung gab es ca. 37.000 Zugriffe auf das Museum und aufgrund der Zweisprachigkeit bekommen wir auch viele internationale Reaktionen. An dieser Stelle möchte ich ein Dankeschön an die Übersetzer_innen Christine Wilhelm und Karin Seifter aussprechen. 37.000 Klicks, das ist eine Menge. Jetzt, wo der Alltag eingekehrt ist, haben wir drei- bis viertausend Zugriffe im Monat. Als die österreichische Nachrichtensendung “Zeit im Bild 2″ eine Beitrag brachte, konnte man für eine Viertelstunde nicht auf die Seite zugreifen. Es zeigt mir einfach nur, dass Interesse da ist.

Helve: Ist es für dich nicht etwas unbefriedigend, wenn du daheim sitzt und diese Webstatistiken anschaust, da du keinen direkten Kontakt zu den Leuten hast, wie es bei einem realen Museum denn der Fall wäre?

Kerstin: Ich bekomme sehr viele Mails. Es schreiben mich Leute aus der ganzen Welt an, die mit Ideen kommen und mich zu meiner Idee beglückwünschen und es entsteht eben dadurch ein positiver Austausch. Aber auch beim Interview bei Frau Elisabeth Scharang (Ö1 – Nachtquartier mit dem Titel „Zwischen Furcht und Fruchtbarkeit“ entwickelten sich interessante Diskussionen mit Hörer_innen unterschiedlicher Zielgruppen, die sich äußerst positiv zur Plattform geäußert haben.

Helve: Was ist in Zukunft geplant und können sich junge Künstlerinnen bei dir melden, wenn sie zu diesem Thema beziehungsweise mit diesem Thema arbeiten?

Kerstin: Wir hatten bei der ersten Ausschreibung mehr Einreichungen als erwartet. Eigentlich war geplant die Arbeiten von acht Künstler_innen auszustellen, insgesamt wurden es dann doch 17 Künstler_innen die bei Eröffnungsausstellung „VAGINA 2.0“ vertreten sind. Neun Kunstwerke sind ausschließlich netzbasiert. Der Rest sind spannende Ideen ausgeführt in Skulpturen, Malereien oder kleine Plastiken. Ursprünglich war der Gedanke keine Bilder zu zeigen, da es ein virtuelles Museum ist. Wir wollten ausschließlich dem Medium entsprechende Beiträge präsentieren. Aber es sind so viele spannenden Arbeiten mit vielen unterschiedlichen Ansätzen eingelangt und so haben wir die Ausstellung um Jene erweitert. Im Moment arbeiten wir am Konzept für die nächste Ausstellung und dem Konzept für den Archivbeitrag. Es wird auch wieder eine Ausschreibung geben, also Augen und Ohren offen halten.

Helve: Du bist ja ein sehr plastischer Mensch, wie ich dich kenne. Du hast früher auch viel mit dem Raum gearbeitet und kommst ja vom Bühnenbild. Geht dir jetzt, wo du sozusagen aus der zweiten Reihe heraus arbeitest, sprich das Vaginamuseum initiiert hast, persönlich etwas ab? Im Sinne von Gestaltung?

Kerstin: Die „skulpturalen Malereien“, meine Anfänge, waren extrem wichtig. Sie sind quasi der Grundpfeiler, auf dem ich aufbaue und so hat es begonnen. Gerade die Eröffnungsausstellung „VAGINA 2.0“ wirkt durch die Gestaltung und die Programmierung sehr plastisch und haptisch. Alleine wenn man mit der Maus über die einzelnen Felder navigiert, wie die Kunstwerke auftauchen und wieder verschwinden, finde ich ja gerade, dass das Museum extrem plastisch ist. Nebenbei sehe ich eine große Weiterentwicklung in meinem Schaffen und meiner Persönlichkeit und das freut mich.

Helve: Dein Bezug zur Farbe Rosa ist sehr präsent und das Museum ist ebenfalls in pinken Farben gestaltet. Was ist dein persönlicher Bezug zur Farbe generell und im speziellen zur Farbe Rosa beziehungsweise Pink?

Kerstin: Prinzipiell finde ich Farben wichtig. Farben sind für unser Leben wichtig, und aus einem vielleicht esoterischen Blickwinkel sind Farben auch für unsere Seele wichtig. Ich war immer schon ein Mensch der sich gerne mit Farben beschäftigt hat und auch sehr intensiv mit Farben beschäftigt hat. Auch von meinem Gewand her. Da war einmal die Phase Schwarz, dann kam eine rote Phase, dann Orange auch mal Gold. Dann war wieder eine meiner Phasen extrem Bunt und jetzt ist die Phase Pink. Die dauert jetzt schon ziemlich lange. Fünfzehn Jahre, oder so. Auch bei Pink gibt es unterschiedliche Abstufungen. Am Anfang dieser Phase war es ein „Babyrosa“, salopp gesagt. Es gibt da viele verschiedene Nuancen. Die Inuit haben zum Beispiel unterschiedliche Namen für die Farbe Weiß. Jetzt bin ich den Fuchsia- und Magentafarben sehr zugetan. Wenn man den Namen „frau mag rosa pink“ hernimmt, bin ich grad nicht die Frau Rosa sondern die Frau Pink (lacht).

Helve: Hast du das Gefühl, dass das Arbeiten mit der Farbe Pink es thematisch schwerer macht oder hast du dabei noch große gestalterische Freiräume? Oder anders gefragt in Richtung persönlicher Bedürfnisse: Hast du persönlich nicht auch mal Lust eine graue Jogginghose anzuziehen?

Kerstin: In der Kunst setze ich mir thematisch in diese Richtung keine Grenzen. Wenn es nicht Pink sein soll, dann ist es auch nicht Pink, dann soll es eine andere Farbe haben. Die Bühnenbilder waren nicht immer alle Pink und es waren auch in meinen Malereien nicht immer alle Arbeiten Pink. Bei meinem Gewand habe ich aber nie das Bedürfnis mal eine graue Jogginghose anzuziehen. Ich bin im Moment auch Pink angezogen (Interview fand über Skype statt. Anm. d Verf.). Es ist auch sonst alles um mich herum Pink, meine Regale, das Bett, der Tisch. Es wird ja oft behauptet Rot sei die Farbe der Liebe. Rot ist nicht die Farbe der Liebe, sie ist die Farbe der starken Emotionen. Das können positive wie auch negative Gefühle sein. Pink ist die Farbe der Liebe. Ich kann da nur Eva Heller zitieren, die 1989 ein Buch zum Thema Farbpsychologie (Wie Farben wirken: Farbpsychologie. Farbsymbolik. Kreative Farbgestaltung herausgegeben hat. Es ist eines der wenigen Bücher, welches sich mit Farbpsychologie beschäftigt. Sie hat da sehr schlüssig erklärt, dass Rot eine starke emotionale Farbe ist aber nicht rein die Farbe der Liebe ist. Das ist Pink.

Helve: Wie hast du eigentlich persönlich angefangen, dich mit deinem eigenen oder dem weiblichen Geschlechtsorgan thematisch zu beschäftigen und es dadurch zu einem Teil deiner Arbeit gemacht?

Kerstin: Ich habe keine Ahnung. (lacht) Es gibt gewisse Dinge, die man halt macht und man weiß in dem Moment gerade nicht warum man daran arbeitet. Erst Jahre später hat man dann dieses gewisse Aha-Erlebnis. Warum das Thema des weiblichen Geschlechts mir wichtig ist? Keine Ahnung, es ist Schön und Wichtig.

Helve: Hast du für die Zukunft noch andere Pläne im Moment oder bist du ganz und gar mit der Arbeit am Vaginamuseum ausgelastet?

Kerstin: Ideen für Projekte haben wir ja alle immer wieder. Haben sich gewisse Fragestellungen die ich mal hatte von selbst gelöst oder soll ich daran arbeiten? Es sind solche Fragen, die mich dann beschäftigen und ich freue mich immer wenn ein kleiner Auftrag kommt und ich mich neuen Herausforderungen stellen kann. Für eigene, zusätzliche Projekte finde ich gerade aber keine Zeit. Es ist das Museum, dass mich sehr einnimmt und an dem ich gerne arbeite. Da ist genug Platz für Raum, Ideen und Fragestellungen.

Helve: Danke fürs Interview.

Link zum Vaginamuseum  # Homepage von Kerstin Rajnar: frau mag rosa pink
Das Interview ist erstmals auf meinem alten Kulturweblog helve.org erschienen.

Interview

Helve: Ihr habt Ende letzten Jahres euer aktuelles Album „Wild Honey“ herausgebracht und nach eurem ersten Album „Celebrate Your Loss“ von 2010 klingt dieses mehr nach Pop. Keine Nummer dauert länger als acht Minuten und die Instrumentalparts sind auch kürzer ausgefallen, war das Absicht?

Franz: Ist beim Machen so geworden. Und mit Pop hab ich ein Problem, da Pop-Musik im Moment ziemlich scheiße ist, also wenn man uns mit Pop vergleicht, dann hat das nichts mit uns zu tun.

Lea: Also, weiß ich nicht, das beurteilen ja die anderen…

Franz: Ich glaub, wir denken nicht in solchen Kategorien, oder ob es wild oder weniger wild ist. Die Lieder haben wir so aufgenommen, und bei den Konzerten ist es dann wieder anders. Wir sind da ohne großes Konzept ran gegangen.

Helve: Das Album herausbringen, auf Tour gehen, oder in Groningen spielen, in Wien der Album-Release im Chelsea. Ist das dann anstrengend oder macht es einfach Spaß?

Franz: Solange es irgendwie Spaß macht, fällt es einem nicht so auf, dass es schwierig ist. Wenn man mit Leuten zusammenarbeitet die man mag, dann geht es. Wir bringen ja auch nicht jedes Monat eine neue Platte raus. Ich hab nicht das Gefühl, dass es mühsam ist. Wir spielen ja auch bei Veranstaltungen wie letztens dem ‚Lou Reed Tribute Abend‘ im Club Wakuum und finden Gefallen daran, ein Noise-Set zu machen, bringen dann Kassetten (TTMMM) heraus und bringen uns bei unterschiedlichsten Veröffentlichungen ein.

Helve: Wie war für dich das Arbeiten am Album, Lea?

Lea: Manchmal war es ein langer Weg, bis es bei bestimmten Liedern gestimmt hat. Leicht gefallen ist es uns nicht.

Helve: Wie ist eure Arbeitsweise, wenn ihr an eine Nummer rangeht, ist das viel Stückwerk oder entsteht eine Nummer teilweise einfach aus einer Emotion heraus?

Lea: Bei dem Album war eigentlich jede Nummer anders, kann man sagen.

Franz: Wie beim alten Album aber auch. Wir jammen an Ideen, bis wir eine ungefähre Form gefunden haben. Das wird in einer Version mal aufgenommen, bis wir langsam wissen, wohin es geht. Wir recorden meist live ohne Klick, v.a. die Basics werden immer live aufgenommen.

Helve: Wie ist das bei dir Lea, wie machst du das mit dem Gesang. Hast du dann teilweise schon einen Text, den du zu einer Nummer im Kopf hast?

Lea: Das ist auch unterschiedlich. Manchmal passt ein Text auf ein Stück, manchmal entsteht zuerst eine Melodie oder eine gewisse Rhythmik. Für zwei Lieder hat es viele Anläufe gebraucht, bis ein Gesang gestanden ist, der mir gefallen hat. Ich probiere was, dann verwerfe ich es, weil es mir zu banal vorkommt, oder zu sperrig ist. Ich probier‘ bis das Gefühl dazu stimmt. Manchmal steht es beim ersten Mal und daran gibt’s nix zu rütteln, z.B. bei „Mind Owl“. Im Endeffekt ist das alles eine Gefühlsgeschichte, bis dann alle sagen, dass das das Lied ausmacht. Manchmal war es wirklich ein langer Weg.

 

Helve: Mir ist vorgekommen, dass du auf diesem Album mehr singst als auf dem letzten?

Lea: Ja, das kann sein. Da gab es so Situationen, wo wir dachten, da fehlt ja noch was… bei dem Stück, da fehlt noch Stimme… Wir haben aber eigentlich mehr Stücke aufgenommen, als auf dem Album sind. Da waren auch Instrumentalstücke dabei, da hat es keine Stimme gebraucht.

Helve: Mir ist nur aufgefallen, dass du mehr singst, aber ich muss auch sagen, dass ich die Texte akustisch schwer verstehe.

Lea: Wir haben diesmal auch keine Texte ins Booklet geschrieben. Beim letzten Album haben wir sie noch dazu gesteckt. Für mich war es so, dass ich vor dem ersten Hellas Album, kaum was „Fixes“ und mehr gejammt oder Free-Sessions gemacht hab. Das war ja beim „Stoned Marajacuja“ Album damals auch so, ich hab da nur irgendwas eingesungen. (lacht)

Ich hab einfach nicht an das Beständige geglaubt, nur an den Moment.

Helve: Du meinst, wie bei einem Gedicht, du schreibst einen Text und der hat Bestand für den Moment, in dem du ihn geschrieben hast.

Lea: Vielleicht.. für mich war das immer so. Der Moment ist vorbei, jetzt ist ja ein anderer Moment. Aber! .. trotzdem war dieser Moment nun real und vielleicht ergibt der Ausdruck eines Moments in einem anderen Augenblick wieder neuen Sinn.. wie ein Wort.

Helve: Ich denk mir, dass es beim singen jedoch schwer ist wenn du einen Text einmal gesungen hast und ein bestimmtes Gefühl damit verbindest, dieses Gefühl im Singen wieder aufzugreifen.

Lea: Bei mir ist das vielleicht nicht so schwer, da meine Texte sehr allgemein gehalten sind, in Gedanken, die ich auch jetzt lebe und voll empfinde. Nicht so in dem Sinn, „Ich gehe jetzt spazieren und der Baum ist grün“, weil ich so nicht bin. I steh nicht so auf diese Art Geschichten. Das hab ich schon beim letzten Album so gefühlt, dass ich da über etwas singe, über das ich in 10 Jahren auch noch immer so singen kann.

Bei dem Album war es so, ich dachte mir; warum ist es nicht eigentlich cool, ein Lied einfach so hören zu können und – da Leute oft sehr textorientiert sind, Texte „verstehen“ wollen und ihr Augenmerk darauf legen, und das „Verstehen“ von Musik dadurch zu einer so kopflastigen Sache wird – den Text außen vor zu lassen. Man gebraucht seinen Verstand so stark, um Musik verstehen zu können. Ich meine, diese Sache hat voll seine Berechtigung und ich verstehe es total. Aber diesmal haben wir gesagt, wir geben keine Texte heraus und lassen Interpretationen bewusst offen. Da kommt dann auch wieder der Titel des Albums „Wild Honey“ ins Spiel. Warum kann man’s nicht anhören, reingeh´n, und was man versteht, versteht man eh und was du net verstehst, kannst spüren..

Franz: Texte sind ja in Wirklichkeit auch scheißegal. A Gedicht is a scheißegal. Ein Gedicht sagt zu einer gewissen Zeit auch sauviel aus und dann…

Helve: Also es gibt für mich schon Texte die Bestand haben über die Zeit.

Franz: Ja, sicher, aber warum hat ein Dreizeiler mehr Berechtigung als ein Roman, der nur autobiografisch ist. Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe und es gibt Texte die gehen ungefähr so: „ Ahhh Ahh Ahhh Ahhh – Thunder“ (Anspielung auf AC/DC _Anm. des Verfassers) und jeder versteht es und der Text ist eigentlich egal. Es gibt Texte zu anderen musikalischen Ausdrucksweisen, also nicht Hard-Rock, da sind dann die Zeilen eben anders, haben dort ihre eigene Berechtigung. Wir haben die Fragen im Studio fast gleich gelöst, wie der vermeintliche Zuhörer. Man hört es und spürt es, und dann gibt’s ein Ja oder Nein. Das macht Lea so mit den Texten, und wir zusammen mit der Musik.

Lea: Es verändert nicht die Aussage vom Stück, meinst des?

Franz: Ja. Das verändert uns auch nicht als Band. Im Gegensatz zum Album davor, wo die Texte abgedruckt waren. Das verändert nicht die Aussage von uns und unserer Musik. Ich finde auch nicht, dass es unsere Aussage verändert, wenn wir ohne Gesang und Schlagzeug und lediglich mit vier Gitarren spielen.

Helve: Lea du wolltest etwas dazu sagen, dass der Titel „Wild Honey“ eure Arbeitsweise beschreibt…

Lea: Ja, das vorletzte Album hatte eine Aussage und das war Gesamtkonzept, und diesmal war die Idee, es frei zu lassen. Wild ist ja nicht im Sinne von ‚Gemma Gas‘ gemeint. Wir haben bei der Produktion gespürt, dass wir alles zulassen wollten. Wir haben vieles, und wenn es auch viel Arbeit war bei manchen Liedern, probiert.

Für mich ist wild ungezwungen, unbeschnitten, wie wilde Tiere, die nicht in einen Käfig passen, im Sinne von; man darf sein, wie man is´..

Franz: Wir machen halt das, worauf wir gerade Lust haben, und dann stressen wir uns auch mal, innerhalb von 2 Wochen eine Kassette zu veröffentlichen.

Helve: Ich denke, dass Musik machen, und ihr habt ja alle einen Job, der ungezwungenste Platz sein sollte, also Freiraum, den ihr euch selber gebt.

Franz: Da muss man eigentlich am meisten dran arbeiten, dass der Raum wirklich ungezwungen bleibt. Das ist für uns auch irgendwie „wild“ gewesen. Ungezwungen im Sinne von – wir wollten nach unserem ersten Album nicht bewusst etwas machen, das so oder so klingt. Für uns ist es später eher interessant zu hören, was andere Leute zum Album sagen.

Helve: Wie lang gibt es euch in der jetzigen Besetzung?

Franz: Die ersten Konzerte haben wir 2009 gespielt. (Lea rechnet nach)

Helve: Das Album bekam ja, was man so im Netz lesen konnte, ziemlich gute Kritiken. Ihr habt beim Groningen Festival gespielt, und ihr wart auch für den Amadeus Award vornominiert. Fühlt man sich durch so etwas geehrt? Oder macht das alles schwieriger? Seht ihr in FM4 einen Katalysator für die österreichische Musikszene?

Franz: Es gibt bei FM4 zwei, drei, vier Leute, die unsere Sachen auch mögen und die spielen das in ihren Sendungen.

Lea: Es gibt ein paar Leute die schon relativ oft österreichische Bands spielen. Ich hab auch unlängst gelesen, dass es das erste Mal der Fall war, dass gleich zwei österreichische Bands in den Charts waren. Was ich sagen will ist eher, dass wir hier FM4 nicht nur schlecht reden sollten. Ist schon gut, dass es FM4 gibt.

Franz: Also wie wir mal zur selben Zeit in „Heartbeat“ und „House of Pain“ gespielt worden sind, war das schon eine Ehre für uns. Da diese Sendungen zwei ziemlich konträre Gitarrenmusiksendungen sind, hat das für uns ganz gut getroffen, wie beim zweiten Album auch.

Helve: Wenn ihr dann so Reviews im Netz zu lesen bekommt und Vergleiche mit Bands wie Sonic Youth genannt werden, wie geht ihr damit um und ist das für euch überhaupt ernst zu nehmen oder könnt ihr damit was anfangen?

Lea: Ich mach mir grundsätzlich darüber gar keine Gedanken. Aber ich versteh es, da es eine Art von Kommunikation ist, und wenn ich eine Band mag, dann such ich nach Vergleichen. Also, da ich persönlich gar nicht Sonic Youth höre, ist das für mich auch kein Problem, wenn du verstehst, was ich mein. Wenn ich sie oft hören würde, würde ich mir wahrscheinlich mehr Gedanken darüber machen.

Franz: Ich find´s immer spannend, wenn wir mit Bands verglichen werden, die ich nicht kenne. Sonst ist es mir eher egal, weil ich kenne ‚Sonic Youth’und 90er Jahre Gitarrenmusik und denk mir dann Aha, ja ok. Aber wenn jemand schreibt, wir klingen wie eine Band, die ich nicht kenne, dann hör ich mir sie natürlich sofort an. Sonst machen wir uns darüber eigentlich nicht so viele Gedanken.

Lea: Es hat keine Konsequenz für uns. Im Endeffekt freut man sich über jede Rezension. Und diese überschwänglichen stellt man so irgendwo in Frage. Warum ist der so überschwänglich? Hat der jetzt die Musik gehört oder den Pressetext kopiert? (schmunzelt) Und es gibt auch diese, die sich wirklich mit der Musik auseinandersetzen und das ist dann das Spannende. Es gibt so viele gute Bands und es ist gut, wenn es jemand wahrnimmt. Und wie wir auch immer kategorisiert werden, es stört mich nicht, denn es beeinflusst meine Arbeitsweise nicht.

Franz: Es ist ja auch keine Wertung. Wenn da steht ‚Sonic Youth und 90er‘ dann ist das wohl eher kategorisch gemeint. Wenn da steht; ‚ ..der Gesang ist viel zu leise und das Schlagzeug klingt scheiße ..‘ dann können wir damit arbeiten für die nächsten Aufnahmen.

Helve: Und sucht ihr euch eure Kommunikationskanäle im Zeitalter von Soundcloud oder Facebook aus und macht es das ganze leichter oder doch umständlicher? Im Sinne von präsent sein, mein ich.

Lea: Wir sind so eine kleine Band und wir haben keinen Agenten oder ein großes Label. Als wir in Groningen waren, haben wir so richtig gemerkt, was das für eine Maschinerie ist. Wenn du als Band auf vielen Festivals spielen willst, dann musst du dir einen Agenten kaufen und der kauft dir die Festivals und das ist ein Business wie überall anders auch. Und das ist eigentlich erschreckend und holt einen ganz schön runter. Ich hab nach Groningen schon ein wenig die Krise bekommen und dachte mir, „Hey ich geh jetzt wieder auf die Straße singen und es ist mir eigentlich scheißegal, ob ihr mich hört oder nicht, es ist mir einfach wurscht“. Ich mach mein Ding und der Rest ist mir egal. Andererseits erhält man damit gewisse Möglichkeiten. Sonst muss ich arbeiten gehen, damit ich ein Konzert spielen kann.

Helve: Groningen war also eher abschreckend?

Franz: Wir waren dort und haben sehr viel gelernt und haben von der Maschinerie eben ein bisschen mehr mitbekommen. Wir wissen jetzt einfach genauer, was wir machen wollen. Es war eh auch lustig, es sich anzuschauen, es war auch super.

Lea: Ich war voll krank und hatte 40° Fieber…

Helve: Kommen wir ein wenig zum Artwork des Albums. Man sieht darauf 2 Eulen, die eine Elster reißen. Was bedeutet das? Hat das jemand von euch gestaltet oder habt ihr da jemanden der dafür verantwortlich ist?

Lea: Irgendein Schriftsteller hat einmal gesagt „Wenn man ein Gedicht beschreiben oder erklären muss, dann ist es eh kein gescheites Gedicht…“ (lacht)

Franz: Zuerst dachten wir uns – es kommt auf keinen Fall ein typisches ‚Post-Rock‘ Motiv mit irgendeiner Landschaft oder Viecher aufs neue Albumcover rauf.

Lea: Weil des haben wir ja schon zweimal gehabt. (lacht)

Franz: Dann waren die Songs schon im Plattenpresswerk, das Mastering war fertig und wir hatten noch immer kein Cover. Auf der Homepage vom Matthias Piket, der bisher alle unsere Coverfotos gemacht hat, haben wir dann das Foto entdeckt. Es war ganz schnell klar, dass wir das nehmen werden. Eigentlich ist es ein bisschen abstrahiert von der 10 Inch davor, wo ein Fuchs im Weltraum tot auf der Straße liegt. (lacht) Aber es hat halt einfach perfekt gepasst.

Lea: Sobald du Menschen auf dem Bild hast, hast du soviel Aussage dabei. Was haben die an, wie bewegen sie sich, wie sitzen oder stehen die, ist es einer, sind es zwei, drei oder fünf, oder fünfzehn. Du hast automatisch viel mehr Aussage, wenn du Menschen aufs Cover holst. Du hast das Gesicht, die Mimik, die Augen. Wir haben soviel probiert, an viele Sachen gedacht. Wir haben gewusst, es muss Weite haben, weil für uns ist die Musik voll offen ist, einen weiten Raum verlangt. Wir haben auch selbst viel fotografiert, Struktursachen, wie Steine und Holz zum Beispiel.

Franz: Die Musik war ja schon fertig und wir konnten uns alles anhören. Da bekommst du so ein gewisses Feeling für etwas, das man nicht in Worten ausdrücken kann. Es hat dann einfach gepasst mit dem Foto. Mit dem Albumtitel war es das gleiche. Die einzige Frage war, ob es uns nicht einfach zu deskriptiv (beschreibend) ist..

Helve: Ihr postet auch öfters auf Facebook…

Lea: Ja, wir wollen ja auch spielen.. und die Leute sollen uns nicht ganz vergessen. Ich will ja eigentlich gar keine Facebook Seite haben, eigentlich muss man das boykottieren… Aber andererseits haben wir auch so wieder Kontakt bekommen… (meint mich Anm. d. Verfassers)

Franz: Manchmal macht das Raufstellen von Inhalten auch Spaß. Man muss nur aufpassen, dass man nicht zu sehr reinkippt. Solang es Spaß macht, da ein bisschen rumzuklicken und was raufzuladen und es sich um unsere eigenen Inhalte handelt, ist es okay.

Die persönliche Ebene ist uns aber noch immer am wichtigsten. Wir bringen Musik raus auf Labels, die wir persönlich kennen. Wir spielen am liebsten bei Konzerten, wo wir Leute persönlich kennen, oder zumindest eine Ahnung haben. Man muss schauen, ob´s passt, für die Leute und uns selber.. Wenn man viel Lust hat, fährt man eben nach Polen oder Mailand oder so.

Lea: Wir haben aber auch viele Fans, die keinen Facebook Account haben. Wir haben aber auch gerade eben keine große Website. Man kann aber Kontakt herstellen über die Webseite..

Franz: Auf unserer Webseite ist eigentlich alles drauf, was man braucht. Es gibt viele Bands, die übertreiben bei ihren Webauftritten einfach zu sehr. Es geht uns ja darum, Musik zu machen und die kann man bei Konzerten erleben oder eben auch kaufen, als Download, Vinyl oder CD. Wir arbeiten eh daran, dass wir nicht zu abgeklärt sind. Wir überlegen uns auch bei jedem Konzert, ob wir dort spielen sollen. Wir machen uns darüber wirklich Gedanken, nicht nur wegen uns, sondern auch, ob es für die Stimmung und für die Leute passt. Und dann spielen wir oder spielen nicht.

Lea: Wir nehmen ja nicht mal jede Fan-Anfrage auf Facebook an. Das musst du dir mal vorstellen, als Band geht das ja fast nicht. (lacht)

Helve: Ihr seid also ein bisschen wählerisch…

Lea: Wir stehen uns gern selbst im Weg. (lacht wieder) Wir haben halt schon mal wo gespielt, wo wir ein bisschen Bauchweh gehabt haben, und das war einfach nur schrecklich. Wir sind halt keine Unterhaltungsband und wir fühlen uns auch nicht als Unterhaltungsband.

Franz: Wir haben schon auf super Festivals gespielt, wo wir auch nur Opener (Eröffnungsband) waren, auch das kann durchaus funktionieren. Wenn wir zum Beispiel auf einem Open-Air spielen, dann wünschen wir uns eigentlich immer den Sonnenuntergang als Kulisse. Eigentlich ist es nicht wichtig, aber wir überlegen uns das. Wir schreiben das dann auch hin, ich würde das jetzt nicht als besonders wählerisch bezeichnen.

Helve: Ist für euch gute Musik Geschmacksache, also was persönliches oder gibt es für euch schon diesen State-of-Mind Faktor, im Sinne von gute Musik braucht das und das?

Lea: Du meinst, ob man mit Verstand oder Emotion entscheidet. Wenn was nicht cool ist, kann mans’ ja nicht hören. (lacht) Ich konsumiere kaum, also ich hör recht wenig Musik. Gerne, wenn Freunde was machen. Ich habs’ eher voll emotional mit dem Musik hören.

Ich brauch da eine Verbindung, einen Zugang..

Franz: Es gibt gute Musik von der Aufnahme und vom Sound her und so. Es gibt gut produzierte Musik, die von den Medien aufgenommen wird und gut funktioniert. Es gibt Musik, die Live sich erst so richtig entfaltet. Es gibt gute Musik, die man nur hinschreibt und dann interpretiert sie jemand anderes.

Lea: Ich hör, wenn es bei mir schon recht ‚zach hergeht‘ und ich weiß, dass noch einiges zu erledigen ist, gern was von Mozart oder Bach, und zwar quer durch. .. Das ist dann etwas, das mich runter-holt. Das ist stimmig und ich bin dann gut geerdet vom Gefühl her.. und das ist für mich einfach wertvolle Musik, und dann bin ich dankbar, dass es das gibt. Die Musik gibt mir wieder eine Verbindung, die ich sonst in manchen Momenten auch nicht herstellen kann. Das macht dann das Medium Musik. Das kann aber auch ein Gedicht sein und man sagt einfach innerlich Dankeschön. Das kann aber auch ein Lied von Grazer Bands wie Reflektor oder den Striggles sein.

Franz: Es soll einen einfach berühren, und natürlich muss das eigene Zeug, das man macht, auch berühren, sonst magst es nicht lang machen.

Helve: Wie stehts eigentlich mit dem Austausch mit anderen Bands?

Lea: Wir kommunizieren eigentlich viel mit anderen Bands. Wir fragen uns gegenseitig und beschimpfen uns auch mal. Bei Bands wie uns musst dir schon mal einen Proberaum oder eben auch Equipment teilen.

Helve: Gibt’s für euch in Graz eigentlich eine Location wo ihr gern noch spielen würdet?

Franz: Ja, überall dort, wo wir noch nicht gespielt haben. wenn´s passt. Und in Graz hat man dann immer wieder Hoffnung, dass doch noch was geht.

Helve: Danke fürs Interview.

a3275182722_2Die aktuellste Veröffentlichung von Hella Comet „TTMMM“ (Kassette in Metallverpackung) gibt’s bei Interstellar Records zu erwerben. Der vergangenes Jahr erschienene Long Player ‚Wild Honey‘ ist bei Noise Appeal Records erschienen. http://hellacomet.mur.at/

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